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Theodor Heinrich Mautner Markhof

Manfred I. Mautner Markhof, Richard Strauss und Skat

6. September 2018/in Manfred I. Mautner Markhof /von Theodor Heinrich Mautner Markhof

Manfred I. Mautner Markhof verband eine langjährige, tiefe und respektvolle Freundschaft mit dem großen Komponisten Richard Strauss. Eine Leidenschaft, die beide sehr verband, war zweifellos Skat. In der Familie Mautner Markhof sind diesbezüglich folgende Erinnerungen überliefert:

Richard Strauss war bekanntlich ein leidenschaftlicher Kartenspieler, der auch ganz gerne um recht hohe Beträge spielte. Niemals jedoch betrat er einen Spielsaal. Als MMM ihn in Monte Carlo einmal fragte, warum er denn nie das Casino besuche, sagte er, dass ihn der Verlust von wenig Geld im Hasard langweile, er sich aber nie darauf einließe, über seine Verhältnisse zu spielen, wie aufregend ein solches Spiel auch immer wäre. Diese Einstellung schien MMM so vernünftig, dass er von dieser Stunde an nie mehr wieder einen Spielsaal betreten hat.

Im unvergleichlich schönen Eden-Hotel in Nervi spielten beide einmal tagelang Piquet, weil zum Skat der Dritte fehlte. MMM hatte eine unwahrscheinlich anhaltende Glücksserie und gewann andauernd. Zu dieser Zeit war die Devisenbewirtschaftung in Deutschland sehr streng und Geldüberweisungen ins Ausland fast unmöglich. Nachdem MMM seinen Gewinn eben wieder eingestrichen hatte, bat ihn Richard Strauss, er möge den Musikgewaltigen von Monte Carlo, Monsieur Ginsberg, anrufen. Als dieser an den Apparat kam, erklärte ihm Strauß zu seiner große Freude, dass er dazu bereit wäre, noch ein zweites Konzert zu dirigieren. Auch MMM freute sich darüber, doch Richard Strauss meinte nur ihn lächelnd anblickend: „Nach den Verlusten, die Sie mir im Spiel beigebracht haben, bleibt mir nichts Anderes übrig, als noch ein Konzert zu dirigieren, denn schließlich muss ja auch die Hotelrechnung bezahlt werden.“ Dem oftmals kolportierten Gerücht, Richard Strauss wäre ein schlechter Verlierer gewesen, musste mein Großvater aus eigener Erfahrung immer ganz entschieden entgegentreten. Strauss spielte gerne und hat mit Gleichmut ebenso Gewinne eingesteckt als auch Verluste hingenommen.

Richard Strauss war deshalb ein so leidenschaftlicher Skatspieler, da es ihm diese Tätigkeit als einzige erlaubte seinen Kopf freizubekommen, von der Musik abzuschalten – wie er mehrmals betonte. Musik begleitete ihn ansonsten immerfort und überall, und die Noten flossen aus ihm nur so heraus. Als der deutsche Komponist Hans Pfitzner einmal Richard Strauss gegenüber klagte: „Wenn Sie nur wüssten, wie viel Mühe und Anstrengung in meine Oper Palestrina geflossen ist, dann würden Sie anders reden!“, entgegnete dieser: „Ich weiß nicht, warum Sie überhaupt komponieren, wenn es Ihnen augenscheinlich so schwerfällt.“

Manfred I. Mautner Markhof (Mitte), Richard Strauss (rechts)

 

Verfasst von Theodor Heinrich Mautner Markhof

Theodor Heinrich Mautner Markhof

Der Kupelwieser Walzer

3. August 2018/in Manfred I. Mautner Markhof /von Theodor Heinrich Mautner Markhof

Beim „Kupelwieser Walzer“ handelt es sich um den einzigartigen Fall einer mündlichen Überlieferung, deren Niederschrift wir der guten Freundschaft meiner Großmutter Maria Mautner Markhof (geborene Kupelwieser) zu Richard Strauss verdanken. Dazu auch aus den Memoiren meines Großvaters Manfred I. Mautner Markhof:

„Meine Frau spielte Richard Strauss einmal einen kleinen, aber sehr typischen Walzer von Franz Schubert vor, den dieser anlässlich der Hochzeit seines Freundes Leopold Kupelwieser mit Johanna von Lutz – übrigens eine Cousine von Franz Grillparzer – den Urgroßeltern meiner Frau, im Jahre 1826 komponiert und dediziert hatte. Es spricht für die damals unglaublich musikbegabte und musikliebende Zeit, dass Schubert es gar nicht nötig hatte, diesen Walzer niederzuschreiben, er spielte ihn ein paar Mal vor, und jedermann spielte ihn auswendig nach. So lernte ihn meine Frau von ihrem Großvater Paul Kupelwieser – dem Begründer Brionis – kennen, und damit blieb er der Familie erhalten. Zu unserer größten Freude erklärte Richard Strauss sich einmal bereit, etwas früher zu einer vereinbarten Skatpartie zu uns nach Simmering zu kommen, um den Walzer zu Papier zu bringen. Meine Frau spielte ihm das Musikstück vor, er machte sich einige Notizen und übergab uns einige Tage später eine gestochen schöne Reinschrift des kleinen Werkes, die ein musikhistorisch beachtliches Dokument insofern darstellt, als Richard Strauss sich offensichtlich nicht enthalten konnte, einige Wendungen etwas „straussisch“ zu färben, was dem Musikfachmann bei Durchsicht der Noten sofort auffällt.“

https://www.dynastiemautnermarkhof.com/res/uploads/2018/08/Kupelwieser-Walzer-Version-Richard-Strauss-by-Isolde-Ahlgrimm-Deutsche-Grammophon.mp3

Kupelwieser Walzer, Version Richard Strauss by Isolde Ahlgrimm, Deutsche Grammophon

https://www.dynastiemautnermarkhof.com/res/uploads/2018/08/Kupelwieser-Walzer-Version-Pussy-Mautner-Markhof-Deutsche-Grammophon.mp3

Kupelwieser Walzer Version „Pussy“ Mautner Markhof, Deutsche Grammophon

Bericht Österreichische Musikzeitschrift

Der Walzer

Notenblatt Kupelwieserwalzer, 1943

Maria „Pussy“ Mautner Markhof bei der Wiedergabe ihres geliebten Familienwalzers

Verfasst von Theodor Heinrich Mautner Markhof

Theodor Heinrich Mautner Markhof

Magda Mautner Markhof/Grasmayr by Gustav Klimt

21. Juni 2018/in Carl Ferdinand Ritter Mautner von Markhof /von Theodor Heinrich Mautner Markhof

Studie/Portrait von Magda, dem neunten Kind von Carl Ferdinand Mautner von Markhof.

Gustav Klimt zeichnete sie 1904 mit schwarzem Stift auf Papier, 55 x 34,6 cm.

Magdalena Anna Klara wurde am 14.4.1881 in Wien geboren und wuchs dank dem Einfluss ihrer Mutter Editha Freiin Sunstenau von Schützenthal in einem Haushalt auf, in dem die künstlerische Elite der damaligen Zeit regelmäßig verkehrte. Neben Gustav Klimt, Josef Hoffmann, Kolo Moser waren u. a. auch Bruno Walter und Gustav Mahler gern gesehene und regelmäßige Gäste im Familienpalais auf der Wiener Landstraße.

Sie trat bereits als junges Mädchen in Erscheinung, als sie am 18.11.1903 gemeinsam mit ihrer Mutter Mitbegründerin des „Neuen Frauenclubs“ wurde. Magda war, wie ihre Mutter und jüngere Schwester Ditha sehr kunstsinnig, absolvierte unter Alfred Roller die Kunstgewerbeschule in Wien und unternahm auch Malstudien bei Maurice Denis in Paris. Ihr Puppenhaus war zentrales Objekt einer Ausstellung der Secession unter Adolf Böhm. Ihre von Josef Hoffmann ausgestattete Wohnung samt Atelier entwickelte sich zu einem gesellschaftlichen Zentrum, indem auch Albert Paris Gütersloh oder Alfred Gerstenbrand verkehrten.

Magda Mautner Markhof, 1904 by Gustav Klimt


Studie von Gustav Klimt zu einem unvollendeten Porträt von Magda Mautner Markhof

Magda war bestrebt, eine Sammlung zeitgenössischer österreichischer Kunst zusammenzustellen. Sie besaß beispielsweise das ursprünglich Fritz Waerndorfer gehörende Gustav Klimt-Bild Hoffnung I, 1903. Auch besaß sie das Egon Schiele-Bild Herbstbaum in bewegter Luft, das sie um insgesamt 400 Kronen erwarb: „Ich sende Ihnen jetzt 100 Kronen und anfangs November 200 Kronen, dann 100 Kronen im Dezember. Mir sind nämlich die beiden Landschaften lieber wie Ihre figuralen Arbeiten, die mir oft recht fremd sind. Auch bei Ihren Zeichnungen empfinde ich, dass Sie eine ganz andere Anschauungs- und Empfindungsweise haben wie ich. Trotzdem möchte ich gerne eine Arbeit von Ihnen in meiner Sammlung haben, weil ich die junge Wiener Kunst vollständig vertreten haben möchte.“

Am 5.11.1913 heiratete sie den Lehrer Alois Grasmayr, einer Innviertler Bauernfamilie entstammend, mit dem Sie nach Salzburg übersiedelte, wo eine Villa auf dem Mönchsberg und ein Bergbauernhof gekauft wurden. Mit Hilfe von Magdas Mitgift erwarben sie noch rechtzeitig vor der Inflation 1922 die Hotels Bristol und Stein (ehemals Sommerresidenz des Erzbischofs, deren Renovierung man sich später nicht leisten konnte, da das Bundesdenkmalamt zu viele Auflagen erteilt hatte) sowie das bekannte Sternbräu und wurden so zu wohlhabenden Hoteliers. Das Haus auf dem Mönchsberg wurde in der Zwischenkriegszeit zum gesellschaftlichen Zentrum für Künstler und Schriftsteller um Stefan Zweig. Magda selbst veröffentlichte Gedichte im Wiener Tagblatt, Alois sein Faust Büchl, das in Dialektsprache den Inhalt von Goethes Faust I und II einem breiteren Publikum erklärend näherbringen sollte.

Faustbüchl von Alois Grasmayr

Faustbüchl in österr. Mundart von Alois Grasmayr

Widmungen Faustbüchl, Alois Grasmayr

Von Alois´ und Magdas vier gemeinsamen Söhnen Nikolaus (1914 – 1998), Peter (1916 – 1944 in Russland vermisst), Gottfried (1918 – 1943 in Russland gefallen) und Christoph (1923 – 1924), hat nur Nikolaus eine Tochter und drei Enkelsöhne hinterlassen. Nikolaus „Klaus“, der Chemie studiert hatte, rettete während des Zweiten Weltkriegs etliche Menschenleben, indem er Einberufenen chemische Substanzen zur Verfügung stellte, nach deren Einnahme sie von der Stellungskommission als untauglich eingestuft wurden.

Magda verstarb am 22.8.1944 in Salzburg, Alois folgte ihr am 11.3.1955.


„Melancholie“ – Bildnis der Magda Grasmayr, geb. Mautner von Markhof by Eduard Veith

Puppenhaus der Magda Mautner von Markhof (1908)

Puppenhaus (Stiegenhaus) der Magda Mautner von Markhof (1908)

Puppenhaus (Speisezimmer) der Magda Mautner von Markhof (1908)


Verfasst von Theodor Heinrich Mautner Markhof

Beate Hemmerlein

High Life – der Society Almanach 1912

2. Juni 2018/in Allgemein /von Beate Hemmerlein

Der „High Life“-Almanach“. Das Adressbuch der Gesellschaft Wiens und der österreichischen Kronländer, 1912

„High Life“. Das Adressbuch der Gesellschaft Wiens und der österreichischen Kronländer, 1912

„High Life“ war der Name des ab 1905 jährlich publizierten Almanachs, der einen Querschnitt durch die österreichische Gesellschaft der Jahrhundertwende, inkl. Hofstaat, Kaiserhaus, Diplomatie und Klerus darstellte. Er enthielt das jeweils aktuellste Adressverzeichnis und war in Wien und die Kronländer gegliedert. In den Sektionen „Wiener Gesellschaft“, „Herzogtum Steiermark“, „Erzherzogtum Österreich unter der Enns / ober der Enns“ und „Tirol und Vorarlberg“ finden sich Mitglieder der Großfamilie Mautner Markhof.

Mitglieder der Großfamilie Mautner von Markhof im „High Life“-Almanach“, 1912

Beate Hemmerlein

Manfred I. Mautner Markhof by Helmut Qualtinger

15. Mai 2018/in Manfred I. Mautner Markhof /von Beate Hemmerlein

Der große österreichische Kabarettist Helmut Qualtinger parodierte 1959 in seinen Kabarettprogrammen gerne den zu dieser Zeit in der Öffentlichkeit ungeheuer präsenten Manfred I. Mautner Markhof. Zum Anlass nahm er auch die Tatsache, dass dieser nicht nur junge Künstler wie Arnulf Rainer, Friedensreich Hundertwasser und Ernst Fuchs förderte, sondern auch vielfacher Präsident diversester Institutionen war. Industriellenvereinigung, Österreichisch Olympische Komitee, Automobil-, Motorrad- und Touring-Club, Männergesangs- und Trabrennverein und die Konzerthausgesellschaft – um nur einige zu nennen.

So befragte in z. B. Carl Merz den, in entsprechender Barttracht des mehrfachen „Präsidenten“ auftretenden Helmut Qualtinger, über seine Rolle als Kunstmäzen:

Helmut Qualtinger (links) als Manfred I. Mautner Markhof, 1959. ©IMAGNO/Barbara Pflaum

 

Auch Qualtingers Travnicek eröffnet seine „Ballsaison“ mit einer Pointe über MMMs politisches Wirken:

Helmut Qualtinger (links) als Travnicek, Gerhard Bronner (rechts).

Beate Hemmerlein

Manfred I. Mautner Markhof und John F. Kennedy

14. Mai 2018/in Manfred I. Mautner Markhof /von Beate Hemmerlein

Unvergesslicher Backenbart

Anlässlich des großen Gipfeltreffens zwischen dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy und dem sowjetischen Parteichef Nikita Chruschtschow, das am 3. und 4. Juni 1961 in Wien stattfand, gab Bundespräsident Adolf Schärf für beide Staatsgäste am Samstagabend ein großes Dinner im Schloss Schönbrunn. Kennedy saß den ganzen Abend mit Blick auf ein Gemälde von Kaiser Franz Joseph I. Als Manfred I. Mautner Markhof, als Teil der österreichischen Wirtschaftsdelegation, JFK verabschiedet, bedankt sich dieser herzlich bei MMM für den netten Abend und seine Gastfreundschaft im besonders schönen Rahmen .

UFA Wochenschau 254 vom 6. Juni 1961

Manfred I. von Markhof, Franz Joseph I. von Österreich

Beate Hemmerlein

Manfred I. und die “Karl Schranz-Affaire”

13. Mai 2018/in Manfred I. Mautner Markhof /von Beate Hemmerlein

Am 8. Februar 1972 gegen halb zwölf setzt die DC9 „Niederösterreich“ der AUA mit dem Skiläufer Karl Schranz in Wien-Schwechat auf. Als „Schranz zum ersten Mal die auf ihn wartende Menge erblickt, leuchten seine Augen. Er setzt sich gerade, richtet die Krawatte“, schreibt Alfred Kölbel in der AZ. „Und da blitzt auf seinem schwarzen Olympiasakko ein silbriger Stern – das Markenzeichen seiner Skier – auf.“ Er kommt aus Sapporo, und 200.000 Österreicher jubeln ihm zu. Wenige Tage zuvor hatte ihn das IOC auf Betreiben von Präsident Avery Brundage (1887 – 1975) mit 28:14 Stimmen von der Teilnahme an den Spielen ausgeschlossen. Schranz hatte gegen den Amateurparagraphen verstoßen, der Sportlern verbot, aus ihrer Tätigkeit Gewinn zu ziehen. Brundage hatte am Morgen der entscheidenden IOC-Sitzung japanische Zeitungen erhalten, in denen Schranz für Kaffee warb. Seither gilt der Tiroler als Opfer eines verbohrten Idealisten. Der Ausschluss von Schranz wurde von den führenden österreichischen Populisten, Hans Dichand (Neue Kronen Zeitung) und Gerhard Bacher (ORF), als schreiendes Unrecht qualifiziert und zu einer Hetzkampagne gegen das IOC benutzt. Schranz sei der Willkür eines „greisen Vorgestrigen“ zum Opfer gefallen, und das lasse sich „Österreich“ nicht gefallen. Schließlich seien auch alle anderen Skiläufer quasi Profis. Von den Staatsamateuren des Ostens gar nicht zu reden! Unterrichtsminister Fred Sinowatz forderte das ÖOC auf, die gesamte Mannschaft von den Spielen abzuziehen. Das ÖOC und der ÖSV weigerten sich. Die Volksseele kochte. Manfred Mautner Markhof, als Mitglied des IOC, hatte noch vor dem offiziellen Ausschluss Brundage in einem Brief seiner Akzeptanz versichert, da er eine günstige Atmosphäre schaffen wollte. Diese sogenannte „Schanddepesche“ führte dazu, dass Mautner Markhofs Enkel in der Schule verprügelt und sein Senf boykottiert wurde. Schwechater Bier wurde als „Judas-Bier“ verunglimpft. ÖSV-Präsident Karl Heinz Klee musste seine Tochter aus der Schule nehmen, weil ihre Sicherheit infrage stand. Schranz wurde in Sinowatz‚ Dienstauto zu den aufgeputschten Massen auf den Ballhausplatz chauffiert. Dort nahm ihn ein vom gesunden Volksempfinden unangenehm berührter Bundeskanzler Bruno Kreisky in Empfang. Schranz trat dreimal auf den Balkon, viele der unten Jubelnden sollen den rechten Arm erhoben haben. Kreisky soll von der medial ausgelösten Hysterie so geschreckt gewesen sein, dass er 1974 das ORF-Gesetz änderte. Die Novellierung kostete Bacher den Job.

Theodor Heinrich Mautner Markhof schreibt in seinen Lebenserinnerungen

Mein Großerpapa war sogenannter Multifunktionär. Er war Präsident der Wiener Industriellen Vereinigung, des ÖAMTC, vom Konzerthaus, hoher Funktionär der Kammer und vieler anderer Vereine, wie auch dem Musikverein. Als Mitglied des ÖOC (Österreichisch Olympisches Comité), ich glaube er war auch dessen Präsident, hat er die ganze Familie und selbst mich in eine eigenartige Lage versetzt. Der in den 1970er Jahren sehr berühmte österreichische Schifahrer Karl Schranz verstieß 1972 anscheinend gegen irgendwelche Regeln des Comités. Die olympischen Spiele waren eine reine Amateurveranstaltung und scheinbar hatte Herr Schranz sich doch von irgendjemandem sponsern lassen und Geld angenommen. Deshalb wurde er von den Winterspielen in Sapporo ausgeschlossen, leider erst vor Ort. Das führte zu einer nationalen Katastrophe, denn das Fernsehen, der ORF, heizte die Stimmung in Richtung angeblicher Ungerechtigkeit so richtig auf. Da präsentierte der damalige Weltpräsident des IOC, Herr Brundage, den Journalisten ein Telegramm meines Großvaters mit folgendem Inhalt: „Ich gratuliere Dir, dass Du an der olympischen Idee festhältst.“ Nun hatten die Österreicher auch noch einen weiteren „Schuldigen“ gefunden, der dafür verantwortlich gemacht werden konnte, dass ihr Idol so verunglimpft wurde. So begann eine Medienhetze gegen meinen Großvater, besser gesagt gegen alles, was den Namen Mautner Markhof trug. Unser Telefon zuhause lief heiß, fremde Menschen beschimpften uns auf das Übelste. Auch bekamen wir Bombendrohungen etc. In der Schule, ich war damals in der 5. Schulstufe Hegelgasse, waren die Schüler meiner Klasse zwar sehr nett, alle anderen Schulkinder dafür weniger. Als ich glaubte für meinen Großvater Partei ergreifen und mich gegen die Anschuldigungen wehren zu müssen, durfte ich dafür jede Menge Prügel einstecken. Auch heute noch, so darf ich sagen, bin ich davon überzeugt, dass er in diesem Punkt recht hatte und Herr Schranz im Unrecht, war. Die Volksseele jedoch war durch den ORF dermaßen aufgeputscht, dass man Karl Schranz in Wien, er musste ja Olympia vorzeitig verlassen, wie einen Staatsgast empfangen hat. Er landete in Schwechat und wurde in offener Limousine zum Ballhausplatz gebracht, der damalige Bundeskanzler, Bruno Kreisky, spielte das Theater mit. Zu dieser Zeit führte der Weg vom Flughafen noch über die Simmeringer Hauptstraße und den Rennweg in Richtung Innenstadt. Menschenmassen, die Herrn Schranz wild zujubelten, säumten den Weg. Am Ballhausplatz waren so viele erschienen, wie davor nur zu Hitlers legendärem Auftritt. Dies alles hatte eigenartige Konsequenzen. Erste Konsequenz war, dass die Österreicher den Kauf unserer Produkte verweigerten. Diese Situation beruhigte sich erst, als die Medien aufhörten uns, bzw. meinen Großvater, zu beschimpfen. Erst schleppend nach einem, dann etwas zügiger nach zwei weiteren Monaten, begann sich der Umsatz wieder zu erholen und resultierte schließlich paradoxer Weise in einem der besten Wirtschaftsjahre unserer Familiengeschichte. Die Lehre, die ich aus dieser Story gezogen habe ist, dass auch Negativwerbung Marketing bedeutet. Sofern man den betreffenden Zeitraum durchstehen kann, ist es sogar möglich mit ihrer Hilfe zu verdienen. Als zweite Konsequenz kam uns zugute, dass dem Bundeskanzler diese Hetze, und der damit verbundene Menschenauflauf dann scheinbar doch auch zu viel wurden. Da er selbst jüdischer Abstammung war und das dritte Reich miterlebt hatte, war ihm noch in guter Erinnerung geblieben, dass eine sich verselbständigende Medienmacht auch Gefahr bedeutet. So setzte er den damaligen ORF Intendanten nach einiger Zeit ab und änderte das ORF Gesetzt, um dies in Zukunft zu verhindern. Dritte Konsequenz: Ich glaube den Medien überhaupt nichts mehr, denn Medien verbreiten Meinungen, jedoch nicht die Wahrheit im Sinne objektiver Tatsachen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Beate Hemmerlein

Viktor Mautner Markhof – vom Brauexperten zum Historiker und Schriftsteller

10. Mai 2018/in Familienchronik /von Beate Hemmerlein

Zuerst einer klassischen „Mautner Markhof-Karriere“ folgend (als Vorstand in der Brau-Union für Finanzen, Controlling und Materialwirtschaft verantwortlich), hat es Viktor dann ab dem Jahr 2010 in eine gänzlich andere Richtung verschlagen. Da er immer wieder gefragt wird, wie er eigentlich zum Schriftsteller, respektive Romancier wurde, lassen wir ihn – um dieses Geheimnis ein für alle Mal zu lüften – einfach selbst zu Wort kommen:

„Immer werde ich gefragt, wie ich zum Schriftsteller wurde. Im Sinne eines klassischen Poeten, Dichters oder Verfassers schöngeistiger Literatur – eigentlich nie. Genau genommen trifft der allgemeine Begriff Autor, so denke ich, wesentlich besser zu.

So zähle ich bereits zu meinem frühen Autoren-Dasein die pubertären Gedichte meiner Jugendzeit, wohingegen sich über die wenig erfolgreichen Schulaufsätze besser für immer der Mantel des Schweigens breite. Danach folgte studienbedingt so manch´ unvermeidbare Seminararbeit, sowie eine in Französisch verfasste Diplomarbeit. In Folge verlangte es meine Tätigkeit als Manager, meiner Fantasie so manches Schriftstück zu entlocken, darunter zahlreiche Geschäftsberichte und Strategiepapiere.

Schließlich ist es meiner Ehefrau zu verdanken, dass ich es bis zum Roman geschafft habe. Ihre Erlebnisse im Zuge der Vorbereitungen einer Ausstellung über Georg Mendel waren so spannend, dass wir es für Wert befanden sie niederzuschreiben. Kurzerhand erfand ich zwei Protagonisten, Miloš und Janda, kreierte Rollen, aus denen keine Rückschlüsse auf die tatsächlich handelnden Personen gezogen werden konnten, und bettete sie in eine Geschichte, die der Realität und einem Kriminalroman ziemlich nahekam, rund um Mendels Originalmanuskript ein.

Das Schreiben hatte Spaß gemacht und die beiden Protagonisten waren mir so ans Herz gewachsen, dass ich sie noch mit zwei weiteren – allerdings dieses Mal frei erfundenen – Kriminalfällen, zuerst mit einer gestohlenen Bibel und danach mit einer Leiche auf einem Spielplatz, versorgte. Die Handlungen aller drei Krimis spielen in Brünn, also in jener Stadt, die mein langjähriger Lebensmittelpunkt war und in jenem Land, aus dem meine Familie ursprünglich stammte. Zahlreiche spannende Erfahrungen aus dem täglichen Leben nach der samtenen Revolution in Tschechien konnte ich so auch literarisch verarbeiten.

Jeder, der die Stadt Brünn besucht, stößt beim Erkunden der Sehenswürdigkeiten früher oder später auf ihre Belagerung durch die Schweden während des Dreißigjährigen Krieges. Was also lag näher, als dieses Thema für ein nächstes Buch auszuwählen, diesmal jedoch nicht als Krimi, sondern als historischer Roman. Die Nachforschungen für einen solchen Roman sind wesentlich aufwändiger als ich dachte, dafür umso interessanter. Auch wenn ich über keine Ausbildung als Historiker verfüge, so bin ich immer meinem Anspruch gefolgt, das historische Umfeld mit seinen handelnden Personen, den Ereignissen, der Ausstattung oder der Lebensweise so genau wie möglich abzubilden. An jenen Stellen, an denen dies nicht zur Gänze gelungen ist, stand die Freiheit der Romangestaltung im Vordergrund.

Die Faszination der Recherchen ließ mich nicht locker und so folgte auf den ersten historischen Roman sogleich der zweite. Diesmal ein steirischer Ritter im dreizehnten Jahrhundert, der um sein Lehen kämpft.

Da bekanntlich alle guten Dinge drei sind, arbeite ich zurzeit an meinem dritten historischen Roman. …Vielleicht werde ich irgendwann doch noch zum Schriftsteller…“

 

Alle Werke von Viktor Mautner Markhof sind im Verlagshaus Hernals erschienen

Beate Hemmerlein

Editha Freifrau Sunstenau von Schützenthal und Carl Ferdinands Töchter

31. März 2018/in Carl Ferdinand Ritter Mautner von Markhof /von Beate Hemmerlein

Editha Freifrau Sunstenau von Schützenthal, Ehefrau von Carl Ferdinand Mautner von Markhof

Editha Mautner Markhof mit den Stieftöchtern Christine (von Wieser), Elsa (Dittl von Wehrberg) und Doris (Engelhart)

Nachdem seine Ehefrau und Mutter seiner ersten sieben Kinder, Johanna Kleinoscheg, 1872 nur 26jährig verstorben war, heiratete Carl Ferdinand 1874, nunmehr als Ritter Mautner von Markhof, die ebenfalls adelige Editha Freifrau Sunstenau von Schützenthal (1846 – 1918), eine bekannte Philanthropin und Förderin der Mädchen- und Frauenbildung in Österreich. Sie war als Tochter von Friedrich, einem k. u. k. Oberstleutnant und Ritter des Maria-Theresien-Ordens, für die Führung eines so großen Haushalts bestens geeignet. Editha war eine engagierte Stiefmutter und schenkte Carl Ferdinand darüber hinaus noch drei weitere Töchter. Nach der Geburt der Jüngsten, Editha „Dita“, verschloss sie ihm ihre Schlafzimmertüre, um sich vor weiteren Schwangerschaften zu schützen.

Mit ihrem Einzug veränderte sich das Leben im bislang eher bürgerlichen Haushalt grundlegend. Hauslehrer hatte es davor schon gegeben, nun aber kamen auch adelige Gouvernanten hinzu, die sich im Sinne der Mutter auch um eine künstlerische Ausbildung der Mädchen kümmerten. Für eine standesgemäße Residenz eignete sich eine Wohnung in der Brauerei St. Marx nur wenig und so übersiedelte man einige Jahre nach der Hochzeit, zu Beginn der 1890er Jahre in ein neues Haus auf die  Landstraßer Hauptstraße. Prominente Gästen waren an der Tagesordnung, unter ihnen der Archäologe Otto Benndorf, der Begründer des Österreichischen Archäologischen Instituts, der ab 1896 die Ausgrabungen in Ephesos erst mit Carl Ferdinands finanzieller Unterstützung beginnen konnte – was man auch heute noch einer Tafel bei den Ausgrabungsstätten entnehmen kann. Auch der Bildhauer Carl Kundmann, der die Grabreliefs auf dem Familiengrab am Zentralfriedhof und eine Büste von Carl Ferdinand anfertigte, die im Kinderspital aufgestellt wurde, war ein regelmäßiger Besucher. Die Frauenrechtlerin Marianne Hainisch, Mutter des späteren Bundespräsidenten, zählte zu Edithas Freundinnen.

Zugleich erwarb Carl Ferdinand auch das angrenzende Grundstück, auf dem sich die kleine Sommerresidenz des Hausarztes von Kaiser Karl VI. befunden hatte. Dort ließ er das heute noch bestehende Palais ähnliche Gebäude bauen, sowie im dahinter liegenden Garten ein Spielhaus für die Kinder. Nach seinem Tod übernahmen dort dann junge Künstler das Kommando und das Haus Nr. 138 wurde eine Begegnungsstätte der Sezessionisten.

Editha formte den Haushalt völlig um und unter ihrer Fittiche wurden die Töchter bestens auf eine damals standesgemäße Ehe vorbereitet. So ermöglichte sie den fünf älteren Töchtern Ehen mit Adeligen, meist nicht sehr vermögenden Offizieren, es waren wohl kaum Liebesheiraten. Henriette „Harriet“ heiratete den k. u. k. Kämmerer und Major Ernst Frh. von Haynau, Gertrude den k. u. k. Kavallerie-Offizier und späteren Feldmarschall Leutnant Géza von Szilvinyi und Cornelia „Lilly“ ehelichte Ludwig Schürer v. Waldheim (nach seinem Ableben Ludwig Graf Schenk zu Castell). Eine Ausnahme war Elisabeth „Elsa“, die Karl Dittl von Wehrberg heiratete, der Gutsherr in Göding war und 1938 auch als Aufsichtsratsvorsitzender im Verwaltungsrat der Vereinigten Brauereien fungierte. Christine wurde an ihrem zwanzigsten Geburtstag zur Freifrau von Wieser und die jüngste Stieftochter Dorothea „Doris“ konnte kurz vor dem Tod ihres Vaters letztendlich doch noch seine Zustimmung zu ihrem Joseph Engelhart erhalten. Sehr zu seinem Schrecken hatte sie sich in den Maler verliebt, der auf dem Nachbargrundstück Steingasse 11–15 ein Atelier besaß und so dem jungen, ebenfalls kunstbesessenen Mädchen „über den Zaun“ nähergekommen war.

Carl Ferdinand starb nur ein paar Monate nach der Hochzeit von Dorothea. Seine Witwe Editha war als Frauenrechtlerin nach wie vor gegen arrangierte Ehen und konnte ab diesem Zeitpunkt für die anderen noch unverheirateten Mädchen von diesem Prinzip abweichen. Nicht nur ermöglichte sie den jüngeren Töchtern Verbindungen mit bürgerlichen Wissenschaftlern und Künstlern, sie förderte diese sogar. Ihre älteste Tochter Hertha heiratete 1898 den Physiker und Universitätsprofessor Gustav Jäger und zog mit ihm ab 1902 in die von ihnen errichtete Villa Landstraße 142.

Die beiden jüngsten Töchter Ditha und Magda waren ebenfalls kunstbegeistert und lernten beim Besuch der Kunstgewerbeschule Koloman Moser kennen. Editha und Koloman verliebten sich sofort ineinander und heirateten. Magda war gemeinsam mit ihrer Mutter Mitbegründerin des „Neuen Wiener Frauenclubs“, verfasste Gedichte und sammelte Kunstwerke, darunter auch von Klimt, welcher sie 1904 skizzierte. 1913 heiratete sie den Innviertler Bauern und Lehrer Alois Grasmayr.

Hertha (verehel. Jäger v. Sunstenau), Magdalena „Magda“ (verehel. Grasmayr) und Editha „Ditha“ (verehel. Moser)

Harriet (verehel. von Haynau)

Harriet (verehel. von Haynau)

Harriet (verehel. von Haynau)

Harriet (verehel. von Haynau), Magdalena „Magda“ (verehel. Grasmayr), Hertha (verehel. Jäger v. Sunstenau) und Editha „Ditha“ (verehel. Moser)

Harriet (verehel. von Haynau) und Editha „Ditha“ (verehel. Moser)

Christine (verehel. von Wieser) und Dorothea „Doris“ (verehel. Engelhart)

Elisabeth „Elsa“ (verehel. Dittl von Wehrberg), Christine (verehel. Freifrau von Wieser), Dorothea „Doris“ (verehel. Engelhart)

Gertrud (verehel. von Szilvinyi) und Doris (verehel. Engelhart)

Elisabeth (Elsa), Dorothea (Doris) Christine (Christl) und Cornelia (Lily) mit ihrem Großvater Kleinoschegg

Christine (verehel. Freifrau von Wieser), Elisabeth (verehel. Dittl von Wehrberg), Cornelia (verehel. Schenk zu Castel) und Dorothea (verehel. Engelhart) mit ihrem Großvater Kleinoschegg

Elisabeth, Hertha (stehend), Doris, Ditha, Magda Christine, Gertraud (Mitte) und Cornelia (vorne)

Hochzeitsanzeige Harriet und Ernst Frh.v. Haynau, 1884

Hochzeitsanzeige Harriet und Ernst Frh.v. Haynau, 1884

Harriet und Ernst Frh.v. Haynau, 1884

Ernst Freiherr von Haynau und Harriet, Salonblatt 13.3.1909

Hochzeitsanzeige Gertrud „Gerti“ und Géza v. Szilvinyi, 1884

Géza v. Szilvinyi und Gertrud „Gerti“ Mautner, 1884

Gertrude Mautner Markhof, verehel. von Szilvinyi (Wr. Salonblatt 1.3.1913)

Hochzeitsanzeige Cornelia „Lilly“ und Ludwig Schürer v. Waldheim, 1886

Hochzeit Cornelia Mautner v. Markhof und Ludwig Schenk zu Castel, Wiener Salonblatt, 1. April 1899, S. 8, ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Cornelia „Lilly“ und Ludwig Schürer von Waldheim, 1886

Cornelia „Lilly“ (verw. Schürer v. Waldheim) und Ludwig Gf. Schenk zu Castell, 1899

Karl Dittl v. Wehrberg und Elisabeth „Elsa“, 1887

Hochzeitsanzeige Christine „Christl“ und Leopold Frh.v. Wieser, 1889

Hochzeit Christine Mautner v. Markhof und Leopold von Wieser, Wiener Salonblatt, 20. Oktober 1889, S. 1-2,6, ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Leopold Freiherr von Wieser und Christine, Salonblatt 20.10.1889

Hochzeit Doris Mautner v. Markhof mit Josef Engelhart, Wiener Salonblatt, 4. Januar 1896, ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Dorothea „Doris“ und Josef Engelhart

Editha „Ditha“ und Koloman Moser

Mutter und Tochter mit Gustav Klimt. Editha „Ditha“ Moser und Editha Mautner von Markhof

Hochzeit Christine Mautner v. Markhof und Leopold von Wieser, Wiener Salonblatt, 20. Oktober 1889, S. 1-2,6, ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Hochzeit Doris Mautner v. Markhof mit Josef Engelhart, Wiener Salonblatt, 4. Januar 1896, ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Hochzeit Cornelia Mautner v. Markhof und Ludwig Schenk zu Castel, Wiener Salonblatt, 1. April 1899, S. 8, ANNO/Österreichische Nationalbibliothek

Beate Hemmerlein

Kaiser Franz Joseph I. dankt Adolf Ignaz Mautner für die Bewahrung des sozialen Friedens während der Revolution 1848

28. März 2018/in Adolf Ignaz Ritter Mautner von Markhof /von Beate Hemmerlein

In den Jahren 1846 – 1847 wird Adolf Ignaz Vorsteher der Brauereiinnung und benutzte diese Stelle, um wesentliche Verbesserungen der materiellen Lage der Arbeiter auf dem Wege friedlicher Vereinbarungen zu bewirken.

Es war dann das Jahr 1848, in dem auch Wien, wie weite Teile Europas, durch eine Revolution erschüttert wird. Die Proteste gegen das Regime des österreichischen Staatskanzlers Metternich nehmen ein derartiges Ausmaß an, dass Kaiser Ferdinand I nach Olmütz flüchtet. Die Revolution 1848 fordert liberale Grundrechte, Pressefreiheit, Gewaltentrennung und vor allem eine volksnahe Verfassung. Die Arbeiterschaft Wiens protestiert gegen die asozialen Zustände der Gründerzeit. Sie verlangen Brot, höhere Löhne und nicht mehr als zehn Stunden Arbeit pro Tag. Schlecht bezahlt, gedemütigt und ohne Hoffnung auf Besserung ist die Verbitterung über die Zustände stärker als der Verstand. Unorganisiert und ohne zukunftsweisende Ideologie werden Maschinen zerstört und Fabriken angezündet, wobei die Täter nicht realisieren, dass die Vernichtung des Arbeitsplatzes keinen Wohlstand bringen kann.

Auch die Brauerei St. Marx ist betroffen. „Eine Horde Aufständischer dringt in das Brauhaus St. Marx ein; ein Rädelsführer verlangt in frecher Weise die sofortige Ausfolgung eines größeren Quantums Bier. Als Antwort versetzt ihm Urgroßvater (Adolf Ignaz) eine schallende Ohrfeige und bemerkt, er wisse schon, was er zu tun habe. Der Effekt war verblüffend, die kritische Situation war gemeistert; besonnene Elemente gaben dem Brauherrn recht, dass er sich keine Frechheit habe gefallen lassen, und die Leute warten ruhig auf das Freibier, welches ihnen dann ausgeschenkt wird.“ 1 Neben dem die innere Stadt umspannenden Festungsgürtel bestand ein äußerer Linienwall, welcher Verzehrungssteuerzwecken diente, der von den aufständischen Arbeitern verteidigt wurde. Daher schreiten Feldzeugmeister Windisch-Graetz und Banus Jellačić zur Belagerung der Stadt, der Holzhof der Brauerei wird durch eine Rakete in Brand geschossen. „Da gesellt sich Urgroßvater unter die Arbeiter und macht ihnen klar, dass es unnütz sei, sich für eine verlorene Sache zu opfern, und sie sehen vom Widerstand ab. Die Vorstadt Landstraße ist vor Zerstörung gerettet. Die einzelnen Kroaten werden im Brauhaus bewirtet.“ 1

So gerne er bereitwillig mit offener Hand zu geben vermochte, so unerschütterlich konnte er sein, wenn man etwas widerrechtlich von ihm zu ertrotzen versuchte. „Eine zügellose Herde, die von Etablissement zu Etablissement wanderte und jedes durch Einschüchterung mehr oder minder brandschatzte, erschien auch in St. Marx, und der Wortführer der Bande wandte sich sofort an Adolf Ignaz mit der Forderung, er möge ein paar Eimer zum Besten geben. Adolf Ignaz antwortete ruhig „Nicht einen Eimer werdet ihr von mir bekommen!“ Und dabei blieb es, denn wenn auch der Pöbel, der damals nicht gewohnt war Widerstand zu finden und weniger noch solchen zu dulden, nicht übel Lust zeigte, sich das Verweigerte durch Gewalt zu verschaffen, so hielt er es schließlich doch angesichts der ruhigen aber ebenso kraftvollen als zielbewussten Haltung von Adolf Ignaz und seiner ihm unbedingt ergebenen Leute für angemessener, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen.“ 2

Dramatische Szenen bleiben nicht erspart. Als nach der Stürmung des Zeughauses die bewaffneten Arbeiter und Proletarier anmarschieren um Fabriken, so auch St. Marx, zu plündern und zerstören, greifen die Arbeiter der Brauerei zu Holzprügel, eisernen Stäben und sonstigen tauglichen Werkzeugen und es marschierten dreißig bis vierzig Mann den herannahenden Aufständischen entgegen. Da diese befürchteten, dass hinter den zwar schlecht bewaffneten Männern jedoch noch eine größere Anzahl verborgen sei, beschlossen sie abzuziehen, ohne das Gelände zu behelligen. Von nun an wurde eine regelmäßige Bewachung des Etablissements organisiert, nicht nur zum Schutz des wertvollen Materials, sondern auch der größeren Vorräte an Holz und sonstigen brennbaren Gegenständen, die bei der stets vorhandenen Feuergefahr sich hätten verderblich auswirken können.

Adolf Ignaz konnte es in den gefahrvollen Tagen der Revolution sogar wagen, in seinem Haus die strengste Disziplin nicht nur zu verlangen, sondern auch in vollem Umfang aufrecht zu erhalten. So wurde sein Name im Verlauf der Revolutionszeit zum Synonym für Hort und Zuflucht für Bedrängte. „Unter seiner eigenen Arbeiterschaft aber hat Urgroßpapa in diesen kritischen Tagen strenge Zucht und Ordnung aufrechterhalten, sodass seine Brauerei eine Zufluchtsstätte für ängstliche Gemüter wurde.“ 1 Unter den Fabrikrealitäten waren ausgedehnte Wohnräume vorhanden, in denen Pfründner untergebracht waren. Ebenso waren zahlreiche Ansässige und die Beamten der Finanzexpositur in den Schutz von Adolf Ignaz geflüchtet, der ihnen bereitwillig Obdach gewährte. All dies komplizierte umso mehr die Sorge für die Sicherheit des Ganzen. Freiwillige Männer der Arbeiterschaft bewachten täglich seine Privatwohnung, um das Eindringen von Unbefugten zu verhindern. Wohl geschah es, dass eine oder andere Mal, dass kleinere bewaffnete Haufen St. Marx stürmen wollten, doch wurden sie gewöhnlich durch die Spende einiger Eimer Bier wieder zum gemütlichen Abzug bewogen. Wie sehr ihn seine Leute liebten und verehrten geht auch aus dem Umstand hervor, dass ihn dieselben, als er sich durch die Beschießung durch die Truppen Jellačićs des Öfteren im Hof den feindlichen Projektilen aussetzte, auch gegen seinen Willen, fast mit Gewalt, in Sicherheit brachten.

Es saßen im Innungslokal die Brauherren ziemlich ratlos, während aus der engen Gasse herauf der Lärm und das Toben, der sich heraufdrängenden Gesellen ertönte, die sich durch Schreien und Drohen gegenseitig in immer größere Erbitterung hineinhetzten. Als Deputation drang schließlich eine Anzahl stämmiger Gesellen ein. Der Innungsvorsteher, ein alter schwächlicher Mann, schickte sich nun an sie mit einer Rede zu empfangen, doch aus der Mitte der Gesellen dröhnte es ihm entgegen: „Du sei still, du hast dein Brauhaus mit dem Schweiße der Vazierenden gebaut!“ Erschrocken und eingeschüchtert ließ sich der alte Herr in den Stuhl sinken und bat Adolf Ignaz an seiner Stelle mit den Eindringlingen zu verhandeln. Dieser trat vor und erklärte in kurzen Worten, dass die Meister wohl zur Konzession geneigt seien, eine Verhandlung aber nur dann möglich wäre, wenn Forderungen und Wünsche genau formuliert und Punkt für Punkt von beiden Seiten durchberaten werden können. Da trat ein stämmiger Geselle vor und schrie: „Wenn die Meister unsere Forderungen nicht gewähren wollen, so werden wir mit den Maßscheitern kommen!“ Doch kaum hatte dieser die Worte ausgesprochen, als ihm Adolf Ignaz – die Gefahr, in welcher er sich angesichts der aufgeregten Menge stürzte, nicht achtend – eine Ohrfeige versetzt, worauf dieser in der ersten Überraschung zurücktaumelte. Anstatt die Menge gegen sich zu erbittern, ertönte ein allgemeines: „Bravo! Er hat recht, das ist nicht die Art etwas durchzusetzen.“ Der Hetzer wurde sodann vor die Tür gesetzt und Adolf Ignaz zum Vermittler der Parteien erwählt. Tatsächlich leitete er von da an alle Verhandlungen, die er auch größtenteils zu einem befriedigenden Abschluss bringen konnte.

Nicht nur, dass er innerhalb seiner Berufsgenossen manche Gegensätze zu mildern und auszugleichen wusste, sein Einfluss wirkte auch weit über den Kreis der ihm direkt Schutzbefohlenen hinaus. Als eine große Anzahl bewaffneter Arbeiter durch die Landstraße zog, um zu plündern und zu rauben, sandte er eine Schutzwache von sechs seiner Arbeiter zum Haus des Bürgermeisters Czapka, welches infolgedessen verschont blieb.

Während der letzten Tage der Revolutionszeit hatte ein Bataillon der Mobilgarde St. Marx besetzt, mit der Absicht sich gegen die vorrückenden kaiserlichen Truppen zu verteidigen. Der Kommandant und die Offiziere dieses Bataillons waren schon daran gewohnt, in den meisten Fragen der bewährten Einsicht und Klugheit von Adolf Ignaz zu folgen, sodass es ihm auch hier gelang sie davon zu überzeugen die Waffen niederzulegen und so unnützes Blutvergießen zu verhindern. Er hatte im Vorfeld nicht nur dafür gesorgt, dass den hereinströmenden Truppen in St. Marx kein sinnloser Widerstand geleistet wurde, sondern er ordnete auch alles zum Empfang derselben an, indem er auf Tischen Zigarren für die Offiziere in Bereitschaft stellte und, die Taschen mit Zwanzigern für die Soldaten gefüllt, den Truppen entgegenschritt.

Dies alles blieb auch von Seite der höheren Befehlshaber her nicht unbemerkt, sodass bald nach der Einnahme von Wien seine Majestät persönlich durch Besichtigung der Brauerei St. Marx Zeugnis für ihre Anerkennung gab. „Großvater hatte fleißig in der Bürgergarde exerziert und auch im zivilen Leben in und um St. Marx Ruhe und Ordnung aufrechterhalten. Eine hohe Auszeichnung wurde ihm damals zuteil. Der jugendliche Kaiser Franz Joseph wünschte den Mann, der in Revolutionszeiten so trefflich Ruhe und Ordnung zu wahren wusste, näher kennenzulernen, begab sich nach St. Marx und ließ sich von meinem Großvater herumführen. Stets blieb er meinem Ahnen wohlgesinnt, bestellte ihn zum Pächter der kaiserlichen Besitzungen in Göding und erhob ihn in den Ritterstand mit dem Prädikate „Markhof“.“ 3

 

1 Gustav Piffl, „Lebenserinnerungen“ / 2 Maria Waechter, “Fleiß und Wille“ / 3 Theodor I. Mautner Markhof „So war´s“

 

Stadtplan Wien 1835

Landstraße Hauptstraße/Rennweg 1835. Rechts unten das Bürgerspital und die Marcus Linie


Detailaufnahme Bürgerspital mit Marcus Linie, 1835

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