Liesi Engelhart und Dorli Ettenreich-Azizi – Mutter und Tochter
Elisabeth Maria Dorothea „Liesi“ Engelhart (*Wien 22.6.1898, † Wien 5.3.1994) hatte als älteste Tochter von Josef Engelhart seinen willensstarken Charakter und den ihrer Großmutter Marie Engelhart geerbt (näheres zu ihrer Kindheit). Nachdem sie die damalige Bürgerschule erfolgreich absolviert hatte, bestand sie die anschließende Lehramtsprüfung für Französisch, welches sie jedoch fataler Weise nur mit schrecklichem Akzent zu beherrschen vermochte. Als sie kurz nach Kriegsende, nur sechs Monate nach ihrem Arbeitsantritt verkündete, dass Sie aufgrund ihrer bevorstehenden Hochzeit den Dienst bereits wieder quittieren würde, war der ihr vorgesetzte Direktor mehr als erleichtert gewesen.
So heiratete sie am 11.9.1919 in Waidhofen/Ybbs den begabten Physiker, Radiotechniker und Erfinder Robert Ettenreich (*Wien 1.11.1890, † Wien 7.1.1951), den sie schon in ihrer Kindheit während der Sommerfrische in Mattsee zum ersten Mal getroffen hatte. Robert war Sohn des Juristen Robert Neumann-Ettenreich, dem Enkel Josef Christian Ettenreichs, dem Lebensretter von Kaiser Franz Joseph I.. Robert Neumann-Ettenreich zeichnete sich als Senatspräsident des Verwaltungsgerichtshofs aus, wurde von Kaiser Karl I. zum Mitglied des Reichsgerichts ernannt und später von Karl Renner zum provisorischen Staatsnotar der Republik Deutschösterreich. 1920, nach Inkrafttreten der Bundesverfassung, war er gemeinsam mit Hans Kelsen Mitglied und ständiger Referent des Verfassungsgerichtshofs.
Bereits ein Jahr nach ihrer Eheschließung kam Tochter Dorothea „Dorli“ und 1922 Sohn Robert jun. zur Welt.
Dorothea „Dorli“ Ettenreich (*Wien 25.10.1920, † Wien 30.10.2008) war großgewachsen und blond und besuchte die vom katholischen Schulverein geleitete Volksschule in der Hegelgasse, die damals jede Woche vom sozialistischen Stadtschulratspräsidenten Otto Glöckl dahingehend inspiziert wurde, ob sie sich im Sinne der von ihm reformierten Bildung auch konform verhalten würde. So wurde auch der Muttertag neu eingeführt, der gleichsam für Großmütter gelten sollte. Da Dorli neben ihrer Mutter auch noch zwei Großmütter und zwei Urgroßmütter hatte, mussten für jede Veranstaltung fünf Karten besorgt werden, was im Lehrkörper für Verwirrung sorgte.
Mit Eltern und Bruder lebte sie bis zu ihrem 10. Lebensjahr in einer kleinen Mietwohnung am Schottenhof, bevor die Familie 1930 nach Sievering übersiedelte. Das alte Weinhaus, von Dorlis Onkel Michel Engelhart im Stil eines britischen Cottages – mit riesiger Halle und offenem Kamin – umgebaut, konnte man sich leisten, da Vater Robert Mitbegründer der Wiener Radiowerke war und seine Unternehmensanteile an Schrack verkauft hatte. Dorli besuchte daraufhin in Wien Währing das Gymnasium Haizingergasse. 1934 wurde sie als Austauschkind nach England geschickt und lebte bei den Disneys. Ihr Austauschvater war im 1. Weltkrieg einer der ersten Piloten der Royal Air Force gewesen, als man vor jedem Zweikampf anderen Piloten noch salutierte.
1938, knapp vor ihrer Matura, wurde u. a. auch die Haizingergasse von den Nationalsozialisten übernommen. Bereits bei Schuschniggs Rede war Dorli in Tränen ausgebrochen und so zeigte sich auch während der kommenden Jahre bei allen erdenklichen Gelegenheiten ihr mutiger authentischer Charakter. Zum Beispiel, als die systematische Judenverfolgung in der Wiener Innenstadt begonnen hatte und Dorli ebendort im Dirndl spazieren gegangen war, wurde sie auf Lärm aus dem Haus der jüdischen Hochschülerschaft aufmerksam. Als das Haustor öffnete sah sie, wie SA-Männer jüdische Intellektuelle misshandelten, schlugen, traten. Als Dorli bemerkte, dass alle weiteren Passanten wegsahen und weitergingen, lief sie quer über die Straße und schrie die Täter mit „Was sind denn das für Methoden!“ an. Da sie sich weigerte ihren Namen preiszugeben, wurde sie gemeinsam mit den Misshandelten zum Morzinplatz, ins Hotel Métropole, dem Hauptquartier der Gestapo, gebracht. Dort wurden die Juden mit Fußtritten ins Gebäude geprügelt. Sie war die letzte im Wagen, als ein Wehrmachtsmann zu ihr sagte: „Schau, dass du weg kommst“. Atemlos rannte sie zum Stephansplatz und blieb völlig erschöpft und heulend vor dem Altar des Doms liegen. Zuhause in Sievering erzählte sie nichts. Erst viele Jahre später berichtete sie ihrem erwachsenen Sohn Jussi Azizi darüber.
Ihr Vater Robert war Monarchist und absolvierte geheime Missionen für Otto Habsburg, der in einem belgischen Schloss seine Zelte aufgeschlagen hatte. Am Tag nach dem Anschluss wurde der habilitierte Professor von allen staatlichen Ämtern und beruflichen Funktionen enthoben und hatte von einen Tag auf den anderen weder Arbeit noch Einkommen. Robert blieb vorerst in Wien, machte die Patentanwaltsprüfung und übersiedelte nach der Prüfung nach Berlin, wo sich das Reichspatentamt und der Reichspatentgerichtshof befanden. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu Philips wurde ihm dort vom Konzern die Vertretung deren Patentrechte übertragen und er lebte als freiberuflicher exklusiver Patentanwalt von Philips ohne Familie und Freunde, isoliert in der Reichshauptstadt.
Dorli wurde, wie damals üblich, nach der Matura zum einjährigen Arbeitsdienst eingezogen und übte mehrere Tätigkeiten aus. Unter anderem in Faistenau als Aushilfe bei einem verwitweten Bergbauern mit sechs Kindern und als Fließbandarbeiterin in einem Industriebetrieb. Überall wurde ihr Fleiß gelobt. Auch musste sie Handschuhnähen und Buchbinden lernen, um die Familie bei etwaiger Emigration miterhalten zu können. Zurück in Wien wollte sie ihrer großen Leidenschaft, dem Studium der Botanik nachgehen. Doch waren die einstigen hervorragenden alten Professoren von den Nazis inzwischen eliminiert und durch blutjunge Vortragende in SA-Uniform ersetzt worden. Als sich beim nächsten Familientreffen herausstellte, dass sowohl Vater als auch Tochter todunglücklich waren, übersiedelte Dorli 1940 nach Berlin, um ihr Studium in der Stadt fortzusetzen, in der der Nationalsozialismus innerhalb der Bevölkerung weniger radikal verbreitet war als in Wien.
Liesi und der um zwei Jahre jüngere Bruder folgten erst ein Jahr später, nachdem man das Haus in Sievering vermietet hatte. Dorli studierte Botanik mit Nebenfach Chemie an der Humboldt-Universität und, da sie auch literarisch sehr interessiert war, besuchte auch Vorlesungen über Poetik. Am Vortag ihres Rigorosums hatte am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler stattgefunden. Da man zu dieser Zeit als guter Wissenschaftler auch nachweisen musste, dass man parteitreu war, wurde jedem wissenschaftlichen Teil ein politischer beigefügt. So lautete am 21. Juli die erste Frage: „Frau Kollegin, was denken Sie über die Ereignisse des gestrigen Tages?“ Dorlis Antwort: „Dasselbe wie Sie, Herr Professor.“ Daraufhin: „Sehr gut, gehen wir jetzt zum fachlichen Teil über.“
Nachdem Robert jun. während des Russlandfeldzuges vermisst und nicht zurückgekehrt war, suchte Dorli mit der verzweifelten Liesi das Wehrmachtshauptquartier in Berlin auf, um Informationen über sein Verbleiben zu erlangen. Als ihnen fadenscheinig Auskunft verweigert wurde, begleitete Dorli ihre Mutter hinaus, kehrte in das Büro zurück und schrie dem Beamten entgegen: „Sie haben einer Mutter in herzloser Art und Weise den Tod ihres Sohnes ins Gesicht geschleudert. Ich verfluche Sie, ich verfluche Sie, ich verfluche Sie“. Alle blieben erstarrt zurück, während sie unbehelligt das Gebäude verließ. Diese Episode ist ein Beispiel für den legendären „heiligen Zorn der Dorli“, deren Persönlichkeit sich zeitlebens durch ein zutiefst verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl, große Zivilcourage, Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe und Menschlichkeit auszeichnete. Der Verlust von Robert jun. sollte zeitlebens nie verwunden werden und hinterließ einen dunklen Schatten im Leben der Familie.
1943 lernte sie in Berlin Ali Asghar Azizi (*Gasvin/Iran 25.4.1914, † Wien 21.6.1992) kennen. Dieser war mit zehn Jahren nach Teheran übersiedelt, wo er das Gymnasium der französischen Jesuiten besucht und anschließend Pharmakologie bis zum Lizenziat studiert hatte. Da im Iran bereits die Familienapotheke Azizi existierte, schickte man ihn nach dem Militärdienst nach Europa, um seine Kenntnisse auch international zu vervollständigen. Aufgrund seiner französischen Sprachkenntnisse hatte man sich für Brüssel entschieden, wo er vom Kriegsbeginn überrascht wurde. Die Universitäten wurden geschlossen, die Grenzen gesperrt und man konnte Belgien als Drittstaatenangehöriger nur dann verlassen und weiterstudieren, wenn man bereit war „ins Reich“ zu kommen. So reiste er zuerst nach Leipzig, um die deutsche Sprache zu lernen und danach an der Humboldt-Universität das Doktoratsstudium in Berlin abzuschließen zu können.
1944 kehrte die Familie Ettenreich nach Wien zurück, wo Dorli und Ali Asghar am 28. September heirateten. Von Wien aus forderte Dorli ihre Promotionsurkunde an und unterfertigte ihr Schreiben mit „vorzüglicher Hochachtung“. Als die Urkunde, ausgestellt auf Kriegspapier in Wien eintraf, schloss das Begleitschreiben des Dekans mit „… im Übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, daß der Gruß Heil Hitler lautet.“ Nach der Rückkehr nach Wien waren die frisch Vermählten gemeinsam mit den Eltern in das Haus in Sievering gesiedelt. Zuerst wurde 1945 Tochter Soraya Elisabeth Mariam geboren, dann folgten 1948 Sohn Josef „Jussi“ und 1950 Tochter Nargess († 3.11.2020). 1951, nach dem Tod des Vaters, wurde das Zusammenleben mit Mutter Liesi für die Jungfamilie Azizi immer schwieriger, sodass sie 1953 nach Hietzing übersiedelte. Man lebte zuerst in der Wenzgasse, bevor man 1958 das Haus in der Trauttmannsdorffgasse bezog. Als sorgsame Mutter legte Dorli großen Wert auf Bildung. So hat sie zum Beispiel ihren Kindern über viele Jahre hinweg, am Ende jeder Mahlzeit 30 Minuten aus erlesener Literatur vorgelesen.
Die bereits mehrfach beschriebene Zivilcourage ist ihr bis ins hohe Alter erhalten geblieben. Noch mit siebzig Jahren packte sie einen jungen Mann, der ein Hakenkreuz auf einen U-Bahn-Träger gemalt hatte und zwang ihn es wieder wegzuwischen.








