Ein Projekt dieses Ausmaßes – gemeint ist die vorliegende Website – kann man nicht alleine mit konzeptivem Know-how, kreativer Stärke, Arbeitswillen und Durchhaltevermögen bewältigen. Es ist die Seele eines Werkes, die seine Vollkommenheit ausmacht – und ich hatte gute Begleiter, die es mir ermöglicht haben, dieses Werk mit Seele zu vollbringen. Jeder für sich hat mich immer wieder bestärkt und motiviert – jeder auf seine Art und Weise; manche aktiv, manche aus dem Gendenken heraus, manche punktuell, manche stetig. Sie sind es, deren Beitrag ich nicht ungewürdigt lassen möchte:
Dessen Pioniergeist, Fleiß und Wille (wie passend sein Wahlspruch zum Wappen) im Zeitraum eines nur halben Menschenlebens Unglaubliches für Generationen hinweg ermöglichten. Ein Selfmade-Mann mit dem Herz am rechten Fleck, dessen Andenken es gilt weit über wirtschaftliche Errungenschaften hinaus zu würdigen und dessen Biographie – so wie ich hoffe – all seinen Nachfahren die Motivation gibt, sich nicht nur auf eventuelle ererbte gesellschaftliche Privilegien zu beschränken.
Der mich innerlich rührte. Als Knabe, in jungen Jahren und noch einfachen Verhältnissen bereits für die Familie sorgend, als junger Erwachsener pflichtbewusst den vorbestimmten Weg an der Seite seines Vaters beschreitend, als gereifter Mann sich gezwungen sah, den Freitod zu wählen. Und dies mit der so einfachen berührenden letzten Bitte um Vergebung, ihm dennoch die Sterbesakramente nicht zu verweigern.
Den ich im vorliegenden dynastischen Kontext als erfrischend herausleuchtend empfinde. Nicht auf sozialen Aufstieg durch Heirat bedacht, kinderlos geblieben, den schönen Künsten und individueller Lebensfreude zugetan kann ich nicht umhin, dass dieser historisch belegte heitere und angenehme Zeitgenosse, Bruder und Onkel mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Und, wie ich feststellen musste, er nicht ausreichend dafür gewürdigt wird, dass es nur seiner wirtschaftlichen Entscheidung zu verdanken ist, dass letztendlich die Brauerei Schwechat in die Familie übergehen konnte.
Im Gedenken an den lieben Herrn Professor, der mir ausnahmslos freundlich und wohlwollend gegenübergetreten ist und sein Büro an der Seilerstätte bei Bedarf immer mit mir geteilt hat. Nie werde ich auch unsere letzte Begegnung im Lift am Stubenring vergessen.
Der Liebevollen und Sorgsamen, deren Herzensbildung und Gesinnung einer Nachfahrin von Adolf Ignaz mehr als würdig genannt werden darf. Selbst Schriftstellerin, hat sie dafür gesorgt, dass viel Wertvolles erhalten bleibt und konnte auch so manche ausführliche Schilderung noch aus vielen eigenen Erinnerungen beisteuern.
Der allen Stürmen und Widrigkeiten trotzend, mit Intelligenz, Humor, Scharfsinn und auch großem Herzen unermüdlich daran arbeitet, die Werte, Fähigkeiten und Tugenden der vorangegangenen Generationen nicht nur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern sie auch zu leben und vor allem mit modernem Know how eine zeitgemäße Brücke ins 21. Jahrhundert zu schlagen. Für Maximilian – den letzten Ritter!
Den besten, korrektesten und zuverlässigsten Partner, den man sich nur wünschen kann und der niemals Zeit und Mühe gescheut hat, um mit seinen detailgenauen Recherchen das Projekt auf den inhaltlich hochwertigen Stand zu bringen, den wir mit dieser Website präsentieren können.
Die mit so viel Engagement und Hingabe ihr Erbe durchforsten und in vieler Nächte Arbeit unermüdlich recherchieren, scannen und transkribieren. Dank ihnen konnte auch – aber nicht nur – die Linie Reininghaus wieder zum Leben erweckt werden!
Der mich zu Beginn des Jahres 2017 auf diese historische Reise schickte, die mich nicht nur durch einen großen Teil österreichischer Geschichte geführt hat, sondern auch endlich all die Erzählungen verstehen ließ, denen ich während der vergangenen drei Jahrzehnte – mehr zusammenhanglos – gelauscht hatte. Einzig seiner Vision, Tatkraft und Großzügigkeit ist es zu verdanken, dass all das, das einst in Böhmen mit Adolf Ignaz seinen Anfang genommen hat und in den 1990er Jahren von Georg (IV.) J. E. aufgegriffen wurde, seinen Weg aus den Papierarchiven finden konnte und durch den Einsatz zeitgemäßer Medien auch künftigen Generationen weltweit erhalten bleiben kann.
10.000 Stunden Mautner Markhof – möge die spannende Reise noch viele Stunden Mautner Markhof mehr bringen.
Die Geschichte des Hauses Mautner Markhof ist eine Geschichte vieler Schicksale. Eine Geschichte von Tradition, von Erfolgen und natürlich auch von Rückschlägen. Herausragend sind die Pioniere, die mit Leidenschaft ihre Visionen verfolgten und so auch die Gesellschaft der jeweiligen Zeit mit beeinflussten, manche davon nachhaltig.
Familie kann man sich nicht aussuchen, wie es so schön heißt, das gilt natürlich auch für jeden von uns, mit allen Vor- und Nachteilen. Das, was das Haus Mautner Markhof jedoch all seinen Mitgliedern und Nachkommen mitzugeben vermag, ist die Gewissheit, dass mit Hingabe, Engagement, Glauben, Willen und Durchhaltevermögen alle Träume, Wünsche und Vorstellungen realisierbar sind.
Adolf Ignaz war mutig, fortschrittlich, kreativ und wegweisend. Er hat erschaffen, hat bewirkt, gestaltet, hervorgebracht und – vor allem anderen – hatte das Herz am rechten Fleck. Seinen Geist zu bewahren, bedeutet also vielmehr nicht nur Nutznießer materieller und gesellschaftlicher Privilegien zu sein, sondern couragiert neue Wege zu beschreiten, an sich zu glauben und eigene richtungsweisende Ideen und Projekte ins Leben zu rufen.
“Innovate don´t imitate“ – oder um es mit Gustav Mahlers Worten zu sagen „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche“.
Um dies auch zu ermöglichen und allen Familienmitgliedern, wo sie auch sein mögen, ihre Wurzeln zu erhalten, habe ich im Zeitalter der neuen Medien die Gelegenheit ergriffen ihre Möglichkeiten zu nutzen und den Grundstein dazu im Rahmen der Internetseite gelegt. Ich wünsche und hoffe, dass sich auch in jeder kommenden Generation ein paar Nachkommen finden, die das weiterführen, was ich initiiert habe und somit das erhalten, was Adolf Ignaz so herausragend begonnen hat.
Elisabeth Maria Dorothea „Liesi“ Engelhart (*Wien 22.6.1898, † Wien 5.3.1994) hatte als älteste Tochter von Josef Engelhart seinen willensstarken Charakter und den ihrer Großmutter Marie Engelhart geerbt (näheres zu ihrer Kindheit). Nachdem sie die damalige Bürgerschule erfolgreich absolviert hatte, bestand sie die anschließende Lehramtsprüfung für Französisch, welches sie jedoch fataler Weise nur mit schrecklichem Akzent zu beherrschen vermochte. Als sie kurz nach Kriegsende, nur sechs Monate nach ihrem Arbeitsantritt verkündete, dass Sie aufgrund ihrer bevorstehenden Hochzeit den Dienst bereits wieder quittieren würde, war der ihr vorgesetzte Direktor mehr als erleichtert gewesen.
So heiratete sie am 11.9.1919 in Waidhofen/Ybbs den begabten Physiker, Radiotechniker und Erfinder Robert Ettenreich (*Wien 1.11.1890, † Wien 7.1.1951), den sie schon in ihrer Kindheit während der Sommerfrische in Mattsee zum ersten Mal getroffen hatte. Robert war Sohn des Juristen Robert Neumann-Ettenreich, dem Enkel Josef Christian Ettenreichs, dem Lebensretter von Kaiser Franz Joseph I.. Robert Neumann-Ettenreich zeichnete sich als Senatspräsident des Verwaltungsgerichtshofs aus, wurde von Kaiser Karl I. zum Mitglied des Reichsgerichts ernannt und später von Karl Renner zum provisorischen Staatsnotar der Republik Deutschösterreich. 1920, nach Inkrafttreten der Bundesverfassung, war er gemeinsam mit Hans Kelsen Mitglied und ständiger Referent des Verfassungsgerichtshofs.
Bereits ein Jahr nach ihrer Eheschließung kam Tochter Dorothea „Dorli“ und 1922 Sohn Robert jun. zur Welt.
Dorothea „Dorli“ Ettenreich (*Wien 25.10.1920, † Wien 30.10.2008) war großgewachsen und blond und besuchte die vom katholischen Schulverein geleitete Volksschule in der Hegelgasse, die damals jede Woche vom sozialistischen Stadtschulratspräsidenten Otto Glöckl dahingehend inspiziert wurde, ob sie sich im Sinne der von ihm reformierten Bildung auch konform verhalten würde. So wurde auch der Muttertag neu eingeführt, der gleichsam für Großmütter gelten sollte. Da Dorli neben ihrer Mutter auch noch zwei Großmütter und zwei Urgroßmütter hatte, mussten für jede Veranstaltung fünf Karten besorgt werden, was im Lehrkörper für Verwirrung sorgte.
Mit Eltern und Bruder lebte sie bis zu ihrem 10. Lebensjahr in einer kleinen Mietwohnung am Schottenhof, bevor die Familie 1930 nach Sievering übersiedelte. Das alte Weinhaus, von Dorlis Onkel Michel Engelhart im Stil eines britischen Cottages – mit riesiger Halle und offenem Kamin – umgebaut, konnte man sich leisten, da Vater Robert Mitbegründer der Wiener Radiowerke war und seine Unternehmensanteile an Schrack verkauft hatte. Dorli besuchte daraufhin in Wien Währing das Gymnasium Haizingergasse. 1934 wurde sie als Austauschkind nach England geschickt und lebte bei den Disneys. Ihr Austauschvater war im 1. Weltkrieg einer der ersten Piloten der Royal Air Force gewesen, als man vor jedem Zweikampf anderen Piloten noch salutierte.
1938, knapp vor ihrer Matura, wurde u. a. auch die Haizingergasse von den Nationalsozialisten übernommen. Bereits bei Schuschniggs Rede war Dorli in Tränen ausgebrochen und so zeigte sich auch während der kommenden Jahre bei allen erdenklichen Gelegenheiten ihr mutiger authentischer Charakter. Zum Beispiel, als die systematische Judenverfolgung in der Wiener Innenstadt begonnen hatte und Dorli ebendort im Dirndl spazieren gegangen war, wurde sie auf Lärm aus dem Haus der jüdischen Hochschülerschaft aufmerksam. Als das Haustor öffnete sah sie, wie SA-Männer jüdische Intellektuelle misshandelten, schlugen, traten. Als Dorli bemerkte, dass alle weiteren Passanten wegsahen und weitergingen, lief sie quer über die Straße und schrie die Täter mit „Was sind denn das für Methoden!“ an. Da sie sich weigerte ihren Namen preiszugeben, wurde sie gemeinsam mit den Misshandelten zum Morzinplatz, ins Hotel Métropole, dem Hauptquartier der Gestapo, gebracht. Dort wurden die Juden mit Fußtritten ins Gebäude geprügelt. Sie war die letzte im Wagen, als ein Wehrmachtsmann zu ihr sagte: „Schau, dass du weg kommst“. Atemlos rannte sie zum Stephansplatz und blieb völlig erschöpft und heulend vor dem Altar des Doms liegen. Zuhause in Sievering erzählte sie nichts. Erst viele Jahre später berichtete sie ihrem erwachsenen Sohn Jussi Azizi darüber.
Ihr Vater Robert war Monarchist und absolvierte geheime Missionen für Otto Habsburg, der in einem belgischen Schloss seine Zelte aufgeschlagen hatte. Am Tag nach dem Anschluss wurde der habilitierte Professor von allen staatlichen Ämtern und beruflichen Funktionen enthoben und hatte von einen Tag auf den anderen weder Arbeit noch Einkommen. Robert blieb vorerst in Wien, machte die Patentanwaltsprüfung und übersiedelte nach der Prüfung nach Berlin, wo sich das Reichspatentamt und der Reichspatentgerichtshof befanden. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu Philips wurde ihm dort vom Konzern die Vertretung deren Patentrechte übertragen und er lebte als freiberuflicher exklusiver Patentanwalt von Philips ohne Familie und Freunde, isoliert in der Reichshauptstadt.
Dorli wurde, wie damals üblich, nach der Matura zum einjährigen Arbeitsdienst eingezogen und übte mehrere Tätigkeiten aus. Unter anderem in Faistenau als Aushilfe bei einem verwitweten Bergbauern mit sechs Kindern und als Fließbandarbeiterin in einem Industriebetrieb. Überall wurde ihr Fleiß gelobt. Auch musste sie Handschuhnähen und Buchbinden lernen, um die Familie bei etwaiger Emigration miterhalten zu können. Zurück in Wien wollte sie ihrer großen Leidenschaft, dem Studium der Botanik nachgehen. Doch waren die einstigen hervorragenden alten Professoren von den Nazis inzwischen eliminiert und durch blutjunge Vortragende in SA-Uniform ersetzt worden. Als sich beim nächsten Familientreffen herausstellte, dass sowohl Vater als auch Tochter todunglücklich waren, übersiedelte Dorli 1940 nach Berlin, um ihr Studium in der Stadt fortzusetzen, in der der Nationalsozialismus innerhalb der Bevölkerung weniger radikal verbreitet war als in Wien.
Liesi und der um zwei Jahre jüngere Bruder folgten erst ein Jahr später, nachdem man das Haus in Sievering vermietet hatte. Dorli studierte Botanik mit Nebenfach Chemie an der Humboldt-Universität und, da sie auch literarisch sehr interessiert war, besuchte auch Vorlesungen über Poetik. Am Vortag ihres Rigorosums hatte am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler stattgefunden. Da man zu dieser Zeit als guter Wissenschaftler auch nachweisen musste, dass man parteitreu war, wurde jedem wissenschaftlichen Teil ein politischer beigefügt. So lautete am 21. Juli die erste Frage: „Frau Kollegin, was denken Sie über die Ereignisse des gestrigen Tages?“ Dorlis Antwort: „Dasselbe wie Sie, Herr Professor.“ Daraufhin: „Sehr gut, gehen wir jetzt zum fachlichen Teil über.“
Nachdem Robert jun. während des Russlandfeldzuges vermisst und nicht zurückgekehrt war, suchte Dorli mit der verzweifelten Liesi das Wehrmachtshauptquartier in Berlin auf, um Informationen über sein Verbleiben zu erlangen. Als ihnen fadenscheinig Auskunft verweigert wurde, begleitete Dorli ihre Mutter hinaus, kehrte in das Büro zurück und schrie dem Beamten entgegen: „Sie haben einer Mutter in herzloser Art und Weise den Tod ihres Sohnes ins Gesicht geschleudert. Ich verfluche Sie, ich verfluche Sie, ich verfluche Sie“. Alle blieben erstarrt zurück, während sie unbehelligt das Gebäude verließ. Diese Episode ist ein Beispiel für den legendären „heiligen Zorn der Dorli“, deren Persönlichkeit sich zeitlebens durch ein zutiefst verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl, große Zivilcourage, Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe und Menschlichkeit auszeichnete. Der Verlust von Robert jun. sollte zeitlebens nie verwunden werden und hinterließ einen dunklen Schatten im Leben der Familie.
1943 lernte sie in Berlin Ali Asghar Azizi (*Gasvin/Iran 25.4.1914, † Wien 21.6.1992) kennen. Dieser war mit zehn Jahren nach Teheran übersiedelt, wo er das Gymnasium der französischen Jesuiten besucht und anschließend Pharmakologie bis zum Lizenziat studiert hatte. Da im Iran bereits die Familienapotheke Azizi existierte, schickte man ihn nach dem Militärdienst nach Europa, um seine Kenntnisse auch international zu vervollständigen. Aufgrund seiner französischen Sprachkenntnisse hatte man sich für Brüssel entschieden, wo er vom Kriegsbeginn überrascht wurde. Die Universitäten wurden geschlossen, die Grenzen gesperrt und man konnte Belgien als Drittstaatenangehöriger nur dann verlassen und weiterstudieren, wenn man bereit war „ins Reich“ zu kommen. So reiste er zuerst nach Leipzig, um die deutsche Sprache zu lernen und danach an der Humboldt-Universität das Doktoratsstudium in Berlin abzuschließen zu können.
1944 kehrte die Familie Ettenreich nach Wien zurück, wo Dorli und Ali Asghar am 28. September heirateten. Von Wien aus forderte Dorli ihre Promotionsurkunde an und unterfertigte ihr Schreiben mit „vorzüglicher Hochachtung“. Als die Urkunde, ausgestellt auf Kriegspapier in Wien eintraf, schloss das Begleitschreiben des Dekans mit „… im Übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, daß der Gruß Heil Hitler lautet.“ Nach der Rückkehr nach Wien waren die frisch Vermählten gemeinsam mit den Eltern in das Haus in Sievering gesiedelt. Zuerst wurde 1945 Tochter Soraya Elisabeth Mariam geboren, dann folgten 1948 Sohn Josef „Jussi“ und 1950 Tochter Nargess († 3.11.2020). 1951, nach dem Tod des Vaters, wurde das Zusammenleben mit Mutter Liesi für die Jungfamilie Azizi immer schwieriger, sodass sie 1953 nach Hietzing übersiedelte. Man lebte zuerst in der Wenzgasse, bevor man 1958 das Haus in der Trauttmannsdorffgasse bezog. Als sorgsame Mutter legte Dorli großen Wert auf Bildung. So hat sie zum Beispiel ihren Kindern über viele Jahre hinweg, am Ende jeder Mahlzeit 30 Minuten aus erlesener Literatur vorgelesen.
Die bereits mehrfach beschriebene Zivilcourage ist ihr bis ins hohe Alter erhalten geblieben. Noch mit siebzig Jahren packte sie einen jungen Mann, der ein Hakenkreuz auf einen U-Bahn-Träger gemalt hatte und zwang ihn es wieder wegzuwischen.
Hon.-Prof. MMag. Dr. Josef „Jussi“ Azizi (*14.4.1948) wurde als einziger Sohn des Dipl.-Pharm. Dr.rer.nat. Ali Asghar Azizi und der Dr.rer.nat. Dorothea „Dorli“ (geb. Ettenreich) in Wien geboren. Gemeinsam mit der älteren Schwester Soraya und jüngeren Schwester Nargess wuchs er als Urgroßenkel von Doris Engelhart mit ihr und den Geschwistern seiner Großmutter Liesi (Onkel Michel sowie den Tanten Christl, Maridl, Susi und Pepi) im Familienverband auf.
Nach der Vor- und Volkschule im Lyçée français de Vienne besuchte er das Realgymnasium der Theresianischen Akademie, wo er am 13. Juni 1966 maturierte. Zum damaligen Zeitpunkt war das „Theresianum“ noch ein neusprachliches Gymnasium mit österreichweiter Aufnahmeprüfung, Sonderlehrplan und generellem Repetierverbot; die obligaten Sprachen waren Französisch, Englisch, Russisch und Latein. Seine Studien an der Universität Wien begann er zunächst an der Philosophischen Fakultät, wo er Vergleichende und Allgemeine Sprachwissenschaft sowie Indogermanistik inskribierte. Trotz durchwegs sehr guter Kolloquien- und Übungszeugnisse (einschließlich Sanskrit) wechselte er nach einem Semester die Studienrichtung und nahm im Sommersemester 1967 das Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Studienrichtung Soziologie, an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät auf. Unabhängig davon bestand er zu Ende des Sommersemesters 1967 an der Philosophischen Fakultät mit der Note „gut“ die schriftliche und mündliche Ergänzungsprüfung zur Reifeprüfung in Altgriechisch. Nach der Ablegung der ersten wie der zweiten Diplomprüfung mit der Gesamtnote „mit Auszeichnung bestanden“ sowie nach der mit der Beurteilung „sehr gut“ durch Univ.-Prof. Dr. Pütz erfolgten Approbation seiner Diplomarbeit aus dem Fach Sozialpolitik („Das Betriebsrätegesetz 1947: Motive, Entstehung und Anwendung“) fand am 7. Juli 1971 die Sponsion zum Magister der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften statt (die Diplomarbeit wurde von der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien im damaligen Höchstausmaß von öS 10.000.- gefördert).
Seit dem Wintersemester 1969 hatte er neben dem bisherigen Studium auch das der Rechtswissenschaften betrieben (er belegte auch kurzzeitig Japanisch, brach jedoch trotz sehr guter Zeugnisse ab, um sein Jus Studium nicht zu verzögern) und die erste Staatsprüfung noch im Wintersemester 1970/71 mit Auszeichnung absolviert. Nach Ablegung aller Staatsprüfungen und Rigorosen promovierte er schließlich am 13. November 1973 auch zum Doktor der Rechtswissenschaften. Bereits gegen Ende dieses Studiums erstellte er im Zuge der damals aktuellen Diskussion zur Reform des Jus Studiums einen allgemeinen Entwurf für eine neue juristische Studienordnung. In Form eines Netzplans wurde darin die Chronologie des Einbezugs einzelner Rechtsmaterien als Vortrags- und Prüfungsfächer in das Studium vor allem durch das Prinzip inhaltlicher Bedingtheit bestimmt. Systematisch sollte also der Ablauf des Studiums dadurch bestimmt werden, dass jene Fächer, die inhaltlich die Kenntnis anderer Fächer voraussetzen, auf diesen aufbauend durchwegs jeweils erst später absolviert werden sollten. Es folgte eine beispiellose Karriere:
Im Verlauf seiner richterlichen Tätigkeit befasste er sich (als Berichterstatter oder Beisitzer) u. a. mit Direktklagen (Nichtigkeitsklagen, Untätigkeitsklagen und Schadenersatzklagen) aus den Bereichen der Wettbewerbsrechts (Wettbewerbsrecht i.e.S. und Beihilfenrecht), des Markenrechts, des Dienstrechts, des Nahrungsmittel-, Chemikalien-, Umwelt- und Gesundheitsschutzrechts, des Artenschutzrechts, des Landwirtschaftsrechts, des Vergaberechts, der restriktiven Maßnahmen, der Wirtschafts- und Währungspolitik, des Zugangs zu Dokumenten etc. Während seiner fast neunzehnjährigen Amtszeit als Richter am EuG wurde er wiederholt (für insgesamt neun Jahre) zum Kammerpräsidenten gewählt und übte während der letzten sechs Jahre überdies die Funktion eines Mitgliedes des Comité administratif (des zentralen obersten Verwaltungsausschusses) des Gerichtshofs der Europäischen Union aus. Einen überaus ungewöhnlichen Umstand kennzeichnete seine letzte Wiederbestellung im Jahr 2010: Er erhielt im EU-Unterausschuss des Nationalrates die ausdrückliche einstimmige parlamentarische Zustimmung nicht nur der Regierungsparteien, sondern auch (ohne Stimmenthaltung!) sämtlicher Oppositionsparteien.
Für seine Verdienste wurden ihm von mehreren Staaten Auszeichnungen verliehen.
Österreich:
Großes goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
Großes silbernes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich
Ehrenzeichen der österreichischen Rechtsanwaltschaft
Goldenes Doktordiplom der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien
Luxemburg:
Chevalier de l’Ordre de Mérite du Grand-Duché de Luxembourg
Médaille du Mérite pour le don du sang
Privat ist er seit 1973 mit Dr. Veronika Azizi-Burkart verheiratet. Das Paar hat die Kinder Fiorentina (*1975) und Amedeo (*1977) sowie die vier Enkelkinder Anatol u. Emil Azizi und Thea und Dora Azizi-Hacker.
Susanne (*10.10.1904, † 20.5.1968) wurde als fünftes Kind von Josef und Doris Engelhart und Enkeltochter von Carl Ferdinand Mautner von Markhof in Wien geboren und wuchs am Familiensitz in der Steingasse 11 – 13 auf. Neben ihrem Bruder Michel maturierte „Susi“ als einziges Mädchen der Familie, war hochintelligent und studierte ein paar Semester Chemie.
Gemalt von Josef Engelhart, Susanne 1917
Doch ihr großer Traum war es immer gewesen Schauspielerin zu werden – gegen den Willen ihres Vaters, dessen abschätzender Kommentar dazu lautete: „DU willst Schauspielerin werden? Du gibst doch höchstens eine komische Alte“. Ironischer Weise sollte er recht behalten, denn diese Rolle war ihr in späteren Jahren quasi auf den Leib geschneidert.
Susanne war kein Kind von Traurigkeit, so beschreibt der Filmschauspieler Leon Askin sie in seinen Memoiren als die „große Liebe seines Lebens“. Zweimal verheiratet, ehelichte sie 1932 zuerst in Düsseldorf den Schauspieler und späteren Fernsehkoch Carl Clemens Hahn (Künstlername Clemens Wilmenrod), von dem sie bereits 1933 wieder geschieden wurde. Ihre zweiten Ehe mit Georg Spornberger sollte jedoch von 1942 bis zu ihrem Tode halten. Ihr entsprang auch Tochter Beatrice, welche sie bezeichnender Weise nach ihrer Lieblingsrolle, der Beatrice in Shakespears „Viel Lärm um nichts“, benannte.
Ihre enorm exaltierte Persönlichkeit charakterisiert sich u. a. in folgenden Begebenheiten: In früheren Jahren mussten bei jedem Grenzübertritt Dokumente unter Angabe des Berufes ausgefüllt werden. Diesen betitelte sie jedes Mal mit Masochistin, was die einfachen Zollbeamten, die den Ausdruck nicht verstanden, immer schwer beeindruckt zurückließ. Auch konnte sie es sich nicht verkneifen ihr Talent im Alltag zur Schau zu stellen. Als sie zur Sprechstunde im Gymnasium Wenzgasse vorgeladen wurde, weil Tochter Beatrice in einem Hauptfach so schlecht abgeschnitten hatte, erwiderte sie der ernsthaft besorgten Lehrerin „Ich verstehe gar nicht, dass sie so schlecht in Mathematik sein soll, wo das Kind doch so schen die Gas anzünden kann.“ Danach wurde „die dümmliche Mutter“ nie wieder zu einer Sprechstunde gebeten.
Susanne war eine exzellente Schauspielerin und hatte u. a. Engagements bei Louise Dumont in Düsseldorf. Trotzdem wurde ihr großes Talent nicht immer nur goutiert. So wurde sie einmal von Gerhard Hauptmann, bei dessem Stück sie mit einer kleinen Rolle besetzt war, nach der Uraufführung scharf kritisiert: „Sie machen viel zu viel aus dieser Rolle. Das ist eine NEBENROLLE!“ Ihre Burgtheaterkarriere wurde leider durch einen anderen Umstand vereitelt. 1945, als das Wiener Wahrzeichen durch Bomben schwer beschädigt war, mussten die Aufführungen an einen anderen Spielort verlegt werden und Raoul Aslan fungierte interimsmäßig als Direktor. Susi bewarb sich bei ihm und begann den schweren Fehler, ihrem Ehemann, den durch und durch preußischen Offizier mit durchdringender Stimme und Monokel im Auge, zu gestatten sie zum Gespräch zu begleiten. Aslan, überzeugter Altösterreicher mit schweren Aversionen gegen das preußische Militär, erteilte ihr daraufhin eine Absage.
Georg Spornberger stieß nicht nur bei Aslan auf Ablehnung. Auch seinem Schwager, Michel Engelhart war er sogar fast verhasst. Abgesehen davon, dass die Ehe seiner Schwester nicht unbedingt immer als glücklich zu bezeichnen war, schien ihm seine politische Gesinnung mehr als fragwürdig. Spornberger war, wie sein Vater, Arzt. Dieser hatte während des Boxeraufstandes in China als Regimentsarzt gedient. Dort, um die Jahrhundertwende, in einem ländlichen Dorf, hatte er einem ansässigen Schneider einen seiner Tropenanzüge ausgehändigt, um nach dessen Vorlage weitere Exemplare anfertigen zu lassen. Zu seinem Erstaunen waren die gewünschten Stücke bereits am nächsten Morgen abholbereit. Perfekt genähte Duplikate. So perfekt, dass sich der Flicken, der sich am Original befunden hatte, bei den neuen Anzügen an genau derselben Stelle minutiös eingepasst war. Der einfache chinesische Schneider hatte natürlich keine Ahnung von europäischer Kleidung und den Auftrag pflichtgetreu ausgeführt. Georg Spornberger selbst (1911 – 1990) war auf einem Schloss in Pommern (heute Polen) aufgewachsen. Als deutscher „Herr“ unter rein polnischer Bevölkerung. So erlebte er noch, dass während seiner Kindheit und Jugend von seinem Onkel, dem Schlossherrn, das ius primae noctis praktiziert wurde und er auch Zeuge sonstiger mittelalterlicher Gebräuche der Machtausübung wurde. Als z. B. Arbeiter, nachdem sie gestreikt hatten, am darauffolgenden Tag wieder im Schloss erschienen, verriegelte sein Onkel das Tor des Hofes und ließ sie in Reih und Glied antreten. Alle Arbeiter folgten dem Befehl freiwillig, um der Reihe nach ausgepeitscht zu werden. Sowohl Herr als auch Gesinde vollzogen dieses Ritual ohne mit der Wimper zu zucken. Dies, sein Dienst in der Armee und der Verlust eines Beines an der Ostfront mögen dazu beigetragen haben, dass Spornberger nicht mit der sanftesten Seele gesegnet war. Gepeinigt vom Phantomschmerz griff er öfter zu Alkohol, um diesen zu betäuben. So kam es im Haushalt Engelhart-Spornberger immer wieder zu gewalttätigen Szenen, die mit dem Besuch der Polizei endeten. Aber wie in so vielen Ehen, hatte auch Susanne immer davon abgesehen, tatsächlich Anzeige zu erstatten. Auch wuchs Tochter Beatrice nicht im Elternhaus auf, sondern war in einem Mädchenpensionat nahe ihrer Schule untergebracht.
So tragisch Etappen von Susannes Ehe gewesen sein mögen, umso tragischer war ihr Ableben. In der TV-Produktion Die Moritat vom Räuberhauptmann Johann Georg Grasel war sie 1968 unter der Regie von Otto Anton Eder und weiteren bekannten Schauspielern wie Peter Vogel, Guido Wieland, Gertraud Jesserer, Hanns Obonya, Kurt Sowinetz und Ernst Stankovski mit der Rolle der „Alt’Schindlerin“ besetzt. Auf eine Regieanweisung hin, sollte Peter Vogel ihr mit einem Hammer auf den Schädel schlagen – doch selbstverständlich auf den Kopfpolster daneben zielen. Vogel verfehlte den Polster und traf Susanne mit voller Wucht auf den Schädel. Nach einem markerschütternden Schrei (der fataler Weise nicht gespielt war) wurde sie auch noch rollengemäß mit Fußtritten eine Wendeltreppe hinunter gestoßen. Aus Angst davor, keine Rollen mehr angeboten zu bekommen, hatte sie sich nicht getraut der weiteren Torture zu widersetzen. Die folgenden Tage verbrachte sie zurückgezogen und klagte über körperliche Beschwerden. So schrieb sie u. a. an ihren Bruder Michel „Ich habe so Kopfweh, seit mir der Grasel auf den Schädel gehaut hat.“ Drei Tage nach dem Vorfall war sie tot. Die Obduktion ergab, dass der Schlag eine schwere Gehirnblutung hervorgerufen hatte. Gertraud Jesserer, um ihren Mann zu schützen, drohte Georg Spornberger telefonisch. Doch trotz verzweifelter Bemühungen seitens des Ehemanns, wurde von der Staatsanwaltschaft nie Anklage gegen Peter Vogel erhoben. Es sei erwähnt, dass der Schauspieler ab diesem Zeitpunkt an Depressionen gelitten hatte, und sich 1978 das Leben nahm.
Das alte Herrenhaus der Familie, ein Kleinod aus der Gründerzeit, befindet sich direkt beim Haupteingang zum Areal, am nördlichen Ende der Unesco-Esplanade, direkt an der Haltestelle Reininghausstraße und stellte einst den historischen Eingang zur ehemaligen Brauerei dar.
Nach seiner umfassenden denkmalgerechten Sanierung (Synthesa Gruppe, Architekt Thomas Pucher, Baugesellschaft Lederer) erstrahlt es seit 2022 in neuem Glanz. Die neue außergewöhnliche Fassade, gestaltet vom Künstler Bernhard Wolf, unterstützt durch Georg Dinstl, verbindet historische Elemente mit moderner Kunst. Besonders beeindrucken die extravaganten Linien mit Capa Gold (eine seidenglänzende Acrylat-Dispersionsfarbe mit goldenem Metalleffekt für innen und außen), die das Gebäude in einen dynamischen Dialog aus Licht und Schatten tauchen sollen. Die Arbeit trägt den Titel „Gesture“, wobei die matt-goldene Textur die vier Seiten des Hauses miteinander verbindet und einen dynamischen Rundumblick bieten soll.
Michael „Michel“ (*Wien 7.7.1897, † Wien 5.3.1969) war das erste Kind von Josef Engelhart und Doris (geb. Mautner von Markhof) und Bruder von Elisabeth „Liesi“ (verehel. Ettenreich), Chistine „Christl“ (verehel. Kern), Maria „Maridl“ (verehl. Friedinger), Susanne „Susi“ (verehl. Spornberger) und Josefine „Peperl“ Engelhart.
Gemeinsam mit seinen Geschwistern wuchs er in den beiden Biedermeierhäusern Steingasse 11 und 13, 1030 Wien auf. Haupthaus war Nr. 13 und 11 die ehemalige Fleischerei der Großeltern Engelhart, in dessen Souterrain sich noch ein Eiskeller befunden hatte. Auf dem, zwischen den Ausläufern des Mautner-Markhof’schen Parks (Carl FerdinandsWohnsitz) und dem Haus Steingasse 13 gelegenen Grundstück, wurde 1901 das Haus Steingasse 15 errichtet, das – im Gegensatz zu den Häusern Nr.11 und Nr. 13. – heute noch steht. Steingasse Nr. 15, das wegen dem sich über dem Eingang befindlichen Lindwurms sogenannte „Drachenhaus“, wurde vom Architekten Fellner errichtet, der Lindwurm vom Maler und Bildhauer Bacher, einem Freund Josef Engelharts, gestaltet.
Dieses neue Haus in unmittelbarer Nachbarschaft wurde die Wohnstätte von Marie Engelhart (geb. Apfelthaler), der Mutter von Josef. Sie war eine überaus herrische und eigenwillige Persönlichkeit, die die ganze Familie – mit Ausnahme des von ihr vergötterten Sohnes Josef und seiner ihr artverwandten Tochter Liesi – in Angst und Schrecken versetzt (heute würde man sagen „terrorisiert“) hatte. Kein Wunder, dass sie sogar von ihrem eigenen Sohn humorvoll als „Drachen“ bezeichnet wurde. Dementsprechend erlaubte sich mein Urgroßvater Josef Engelhart, der oft zu Späßen aufgelegt war, einen Schabernack der besonderen Art: Er ließ unmittelbar zur Fertigstellung des Hauses Steingasse Nr.15 im Jahr 1902 für seine Mutter zu ihrem 60. Geburtstag von seinem Freund, dem Bildhauer Bacher, über dem Portal ihrer neuen Wohnstätte als besondere Geburtstagsüberraschung eine imposante (eindeutig weibliche!) metallische Drachenfigur anbringen, die hinter Gitterstäben gleichsam in Schranken gehalten wird. Marie Engelhart soll’s mit Humor genommen haben. Das Haus erhielt sehr bald die naheliegende Bezeichnung „Drachenhaus“. Doch von Anfang an wussten eigentlich nur die Eingeweihten um des Namens tiefere Bedeutung. Josef Azizi
Im Haus Nr. 13 gab es eine wunderschöne Treppe, bei der jedes zweite Paneel ein Familienmitglied darstellte. Im 1. Stock befand sich eine Glasveranda, welche die Wohn- von den Gesellschaftsräumen trennte. Den Kindern war es streng verboten, bei Besuch die Gesellschaftsräume zu betreten. Eines Tages organisierte Josef Engelhart rund um die berühmte Mata Hari eine große Abendgesellschaft. Extra dafür wurde von ihm ein Brillantcollier geliehen, mit dem „bekleidet“ sie tanzen sollte. Liesi und Susi schlichen hinüber, um das Verbotene zu erspähen. Susi versteckte sich in einer großen chinesischen Vase, die dann zertrümmert werden musste, um das Kind wieder herauszuholen. Mitten in der Vorführung erschien ein preußischer Offizier, machte der Hari eine riesen Szene, schnappte sie und transportierte sie mit seiner Kutsche ab. Nachdem der Schreck abgeklungen war, stellte Josef fest, dass sie ja noch das Brillantcollier umgelegt hatte. So verbrachte er daraufhin die Nacht vor ihrem Zimmer im Hotel Imperial, um sicher zu stellen, dass sie mit dem wertvollen Schmuck nicht entkommen könne. Das Collier konnte ihr schlussendlich wieder abgenommen werden.
Der Hof der Steingasse war mit sechseckigen, glasierten, roten Terakotta-Pflastersteinen belegt. Von ihm aus gelangte man in den Garten, auf dessen einer Seite man zum Mautner Markhof´schen Park blickte. Michel und seine Geschwister durften aufgrund eines Verbotes ihres Vaters nicht mit den Kindern von Edita und Koloman Moser spielen, sondern mussten sich heimlich mit ihren Cousins treffen, die am angrenzenden Grundstück wohnten, neben dem sich auch eine überdachte funktionstüchtige Kegelbahn befand.
Im Engelhart´schen Haushalt herrschte bei Tisch eine strenge Sitzordnung, bei welcher der Sohn zur Rechten seines Vaters sitzen musste. Michel, beim Sprechen immer mit den Händen wild gestikulierend, hatte dabei die regelmäßige Angewohnheit, das Weinglas des Vaters umzustoßen, welcher mit einem cholerischen Tobsuchtsanfall reagierte. Einmal bei Tisch, erlitt er einen Erstickungsanfall durch eine im Rachen steckende Fischgräte, die ihm von der tatkräftigen Schwester Liesi kurzerhand mit ihren kleinen Kinderhänden aus dem Schlund gezogen wurde. Diese „Lebensrettung“ bestärkte nochmals die enge Beziehung des Geschwisterpaares.
Josef und Michel waren die zwei einzigen männlichen Wesen im Haushalt gewesen. Ansonsten gab es lauter Mädchen, welche bei Großmutter Apfelthaler in der Rangordnung wenig bis gar nicht zählten. Ihren Augenstern Michel pflegte sie mit „Wo ist mein Golddiamant?“ zu rufen, wobei sie die Enkeltöchter keines Blickes würdigte, was diese zum Teil nachhaltig traumatisierte. Wie man sich vorstellen kann, entwickelte sich Michel nicht zuletzt dadurch, seinen Schwestern gegenüber als äußerst dominant. Besondere Zuneigung empfand er jedoch für Liesi, mit der er von Kindheit an die engste Beziehung pflegte.
Die nächst jüngere Schwester Christl war von beiden schon weit weniger ernst genommen, wurde sie doch als „Spielpuppe“ betrachtet, die sie wenig sorgsam behandelten. So schleiften sie sie beim Spielen oft die Treppe mit hinunter, wobei sie unter anderem auch unvermeidlicher Weise immer wieder mit dem Kopf auf den Stufen aufgeschlagen war. Zitat Christl aus späteren Tagen: „Kein Wunder, dass ich nicht so g´scheit bin, wie die beiden anderen.“
Seine Schulzeit absolvierte Michel im humanistischen Gymnasium in der Kundmanngasse in 1030 Wien, welche ihn nachhaltig geprägt hatte. Lebenslang liebte er Altgriechisch und Latein und die Sagen und Geschichten des Altertums. Beim Spielen in einer Pause stolperte einmal versehentlich ein Kind über seinen Fuß. Unglücklicher Weise ein Erzherzog, wobei Michel daraufhin fälschlich beschuldigt wurde, absichtlich einem Mitglied des Kaiserhauses das „Haxl“ gestellt zu haben. Daraus entwickelte sich ein riesen Skandal mit Disziplinarverfahren, was den Monarchisten Michel lebenslang belastete und zu schaffen machte.
Nach der Matura, blutjung, rückte er in den 1. Weltkrieg ein. Erst in der Grundausbildung das Reiten erlernend, erwies er sich dabei als so talentiert, dass ihm in Folge die Bereiterei der Offizierspferde anvertraut wurde. Zuerst war er an die russische Front abkommandiert, wobei er einmal damit beauftragt wurde, über ein russisch kontrolliertes Sumpfgebiet eine wichtige Nachricht zu den österreichischen Linien auf der anderen Seite zu bringen. Im Sumpf verlor das Pferd den Halt, versank bis zum Bauch vollends im Morast, konnte aber mit Michels unermüdlichem Einsatz wieder Tritt fassen, sodass er doch noch die Linien durchqueren und die Botschaft überbringen konnte. Für diese enorme Leistung und tapfere Tat wurde ihm die Silberne Tapferkeitsmedaille verliehen. Diese symbolträchtige Honorierung, die auch noch in der Zweiten Republik mit einer monatlichen kleinen Zuwendung gewürdigt wurde, erfüllte ihn bis zu seinem Tod mit großem Stolz.
Nachdem Russland ab 1917 kein Kriegsgegner mehr war, wurden die Truppen an die Südfront gegen Italien verlegt. Dort hatte sich dann auch Michel zum historischen Zeitpunkt befunden. In einer uneinnehmbaren Stellung – die sich im Tal befindliche italienische Armee hätte keine Chance gehabt. Das einzige Problem war der Nachschub, der zwar für die Ungarn funktioniert hatte, nicht jedoch für die Soldaten der österreichischen Reichshälfte. Im Herbst 1918 wurde – drei Tage vor dem offiziellen Waffenstillstand zwischen Österreich und Italien – den Österreichern jedoch der Befehl erteilt, das Feuer gegen die Italiener einzustellen. Die österreichischen Truppen, die sich problemlos noch lange hätten halten können, aber dem Befehl gehorchen mussten, wurden in Folge von den Italienern zurückgedrängt. Nur dadurch konnte Südtirol in italienische Hand fallen! Tausenden Soldaten, darunter auch Michel, wurde durch diesen falschen Befehl ein tragisches Schicksal zuteil. Auch er hatte sich am Tag des Inkrafttretens hinter den feindlichen Linien befunden und geriet so in italienische Kriegsgefangenschaft, die sich schrecklich auswirkte. Unterverpflegung, Krankheiten und Kälte machte die folgenden Monate für alle zur Hölle.
Als er dann endlich zurückkehrt war, wollte er seiner geliebten Schwester Liesi, die sich in der Zwischenzeit mit Robert Ettenreich, dem anerkannte Physiker, Universitätsprofessor und Mitbegründer der Wiener Radiowerke vermählt hatte, ein Hochzeitsgeschenk machen. In Ermangelung finanzieller Mittel, verzierte er die Türen eines alten Schrankes mit den Schattenrissen des frischgetrauten Ehepaares.
Seine musikalische Begabung drückte sich im Cello Spiel aus, das er auf dem von seinem Vater gespendeten Instrument (das sich heute im Besitz und Gebrauch seine Großneffen Josef „Jussi“ Azizi befindet) vorzüglich beherrschte. Dieses Cello, respektive sein Kasten, diente seiner Mutter auch im jährlichen Italienurlaub zum Schmuggeln von Kaffee über die österreichische Grenze.
Michel, selbst künstlerisch hochbegabt, durfte seiner Neigung zur bildenden Kunst aufgrund eines Verbots seines Vaters beruflich nicht nachgehen. Obwohl er das große Talent seines Sohnes immer zu ignorieren verstand, spannte er ihn aber doch einmal kurzerhand ein, um einen Auftrag, den er zwar annehmen musste, aber unter seiner Würde ansah, für ihn auszuführen. Er betraf die Restaurierung eines Bildes. Michel, der dies nie erlernt hatte (Joseph hatte ja jegliche diesbezügliche Ausbildung strikt untersagt), stand nun mit einem entsprechenden Lehrbuch vor dem Gemälde und ging den darin abgebildeten Vorgang Schritt für Schritt durch. Plötzlich jedoch, nachdem er die Fixiermittel ordnungsgemäß abgetragen hatte, begann das Bild vor seinen Augen langsam zu zerrinnen. In seinem Schock drehte er das Bild kurzerhand um, damit die Farben mit Hilfe der Schwerkraft wieder zurückfließen konnten. Kaum waren sie an der seiner Meinung nach richtigen Stelle, fixierte er sie rasch wieder und schob den Auftrag weit von sich. Weder Joseph noch irgendjemand sonst waren jemals dahinter gekommen.
Michel begann also ein Studium an der Technischen Hochschule für Architektur, wurde Dipl. Ing. Dr. Tech. und verfasste seine Dissertation über das Dach des Wiener Stephansdoms. Er erstellte dessen Pläne (die Originalpläne aus dem Mittelalter waren schon längst verschollen gewesen), wobei er es persönlich erklimmend, vermessen hatte. Diese Pläne sollten beim Wiederaufbau des Doms nach 1945 eine wichtige Rolle spielen. Als der Stephansdom abgebrannt war, lädt Kardinal Innitzer Michel zu einem Gespräch und beauftragt ihn mit dem Wiederaufbau. Mitten im Gespräch geht Türe auf, herein kommt der Dombaumeister – Innitzer springt auf, geht auf diesen zu und meint vor Michel „Mein Lieber, gerade habe ich mit dem Professor besprochen, dass ich SIE mit dem Aufbau beauftrage“. Michel war von Innitzers Opportunismus tödlich getroffen. Seine Pläne wurden dennoch herangezogen. Innitzer und Michel kannten sich von dessen Jugend an, da Josef Engelhart mit dem Kardinal in einer gemeinsamen Tarockrunde spielte. Nach dem Tod des Vaters hatten beide weiterhin Kontakt gehalten. 1938, nach dem Anschluss, kam es zu einer riesigen Demonstration der katholischen Jugend gegen den Nationalsozialismus. Die HJ stürmte daraufhin das Erzbischöfliche Palais und stürzte den Sekretär des Kardinals aus dem Fenster, was Innitzer dazu veranlasst hatte, der Bewegung etwas differenzierter gegenüber zu stehen. Michel, beim nächsten Besuch, wurde vom Kardinal dann unvermittelt in dessen Räumlichkeiten geführt und durch eine Geheimtür zu einem Kasten, der Zivilkleidung enthielt. „Dies ist für den Notfall“, meinte Innitzer zu ihm.
Josef Engelhart, deutschnational aber nicht nationalsozialistisch, hatte im Zuge der Los-von-Rom-Bewegung, von einem Tag auf den anderen beschlossen, dass die ganze Familie zum evangelischen Glauben konvertieren müsse. Die drei jüngsten Kinder wurden daher bereits evangelisch getauft, alle Kinder evangelisch erzogen. Liesi trat nach dem 2. Weltkrieg wieder der katholischen Kirche bei, da ihr Mann Robert Ettenreich ansonsten durch die Ehe mit einer Evangelischen von den Sakramenten ausgeschlossen geblieben wäre.
Michel jedoch blieb lebenslang evangelisch und ehelichte Gertrude Heller (Tochter des Dr. Richard Heller, des Leibarztes von Anton Bruckner) in der evangel. Kirche in Salzburg. Der frisch gebackene Akademiker reiste mit seiner Frau nach Rumänien, wo er sich in der Unterkunft stolz als „Doktor“ eingetragen hatte. Am kommenden Morgen stand eine Menschenschlange vor der Tür des Gasthauses, um sich vom „Arzt“ kurieren zu lassen. Um nicht als Hochstapler zu gelten, machte er gute Miene zu bösem Spiel und gab harmlose medizinische Empfehlungen, bevor er Hals über Kopf den Ort verließ. Die nächste Unterkunft, in Siebenbürgen, war heillos verwanzt und die frisch angetraute Braut verbrachte die ganze Nacht mit angezogenen Beinen sitzend im Bett unter aufgespanntem Regenschirm, der die von der Decke fallenden Wanzen abhalten sollte.
Ein Leben lang kaisertreu und konservativ, war Sozialdemokratie – wie in der gesamten Familie üblich – ein rotes Tuch, Nationalsozialismus geradezu verhasst. 1938 wurde er als Vierteljude eingestuft und mit einem Berufsverbot belegt. Beim Frick am Graben trifft er einen Kriegskameraden aus dem 1. Weltkrieg, Baron Pinschof, der ihm auf die Frage nach seinem Befinden antwortete: „Ich warte auf´s 4. Reich“. Dank des Zusammenhaltes der Großfamilie Mautner Markhof, konnte er sich in den Kriegsjahren finanziell über Wasser halten. Z. B. erteilte Manfred I. ihm 1941 den Auftrag die Broschüre für das Jubiläumsjahr der Brauerei Schwechat zu gestalten.
Prof. Dr. Michael Engelhart war nicht nur Architekt, ordentlicher Hochschulprofessor für Geschichte der Architektur, als Denkmalschutzexperte maßgeblich am Wiederaufbau zerstörter Gebäude beteiligt, sondern auch Maler, Zeichner und Designer. Unter anderem entwarf er Bücherregale, Bücherkästen (aus Nussbaum für die Familie Harmer) und ein überlanges Bett ohne jeglichen Nagel, das sich so mühelos auf- und abbauen lässt.
Auch war Michel, so wie seine Schwester Liesi, literarisch sehr begabt. Zu den verschiedensten Familienanlässen verfasste er passende Gedichte. Als z. B. Cousine Mizzi den Notariatsanwärter Albert heiratete, dichtete er in Anlehnung an die damals bekannte Keksfabrik „Albert“: „Schon als Mädchen tät´ sie beißen in die Keks, die Albert heißen“. Auch fand ein in Versform gehaltenes balladenartiges Melodram, in dem er ironisch die Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Hochzeit seiner Nichte Beatrice (Spornberger) verarbeitete, innerhalb der Familie großen Beifall. Anlässlich des 95. Geburtstages seiner Mutter Doris lud er zum Festessen in den großen Jugendstilsalon der Steingasse. Nicht die gesamte Familie, sondern nur die Jubilarin, seine Schwestern und als einzigen männlichen Vertreter seinen Großneffen Jussi Azizi ein. Die Eigendynamik dieser hauptsächlich weiblichen illustren Runde gipfelte in einem riesen Tumult und Geschrei, als Michel seine Rede damit begonnen hatte, der bereits schwerhörigen Mutter lauthals entgegenzuschmettern: „Liebes „Mäunchen“, ich wünsche dir, dass du mich noch viele Jahre überlebst“. Die enorm empörten Schwestern fielen daraufhin unisono über ihn her und Doris blieb verdutzt und ratlos in ihrer Mitte sitzend über. Der weitere Inhalt der Rede blieb für immer ein Geheimnis.
Er hatte die Häuser Steingasse 11 und 13 geerbt und auch lebenslang in ihnen gelebt. Im oberen Stock von Haus Nr. 11 befand sich sein Atelier, indem er die Pläne für Burgtheater, Palais Schwarzenberg, Kuppel Stift Melk, Tiergarten Schönbrunn denkmalschützerisch überarbeitete. Eine Wohnung direkt unter dem Atelier war an Ingrid Haebler, die weltberühmte Pianistin vermietet, welche naturgemäß viele Stunden am Tag üben musste. Völlig entnervt davon, kaufte sich Michel eine Kindertrompete, in die er wild hineinprustete, sobald die Haebler wieder zu spielen begann. Einmal so lange, bis er einen Blutsturz bekam. Jahre später bekannte Haebler seinem Großneffen Josef Azizi gegenüber, dass sie von den provozierten „Störungen“ nie etwas mitbekommen hätte. In der Steingasse wurde auch ein Hausmeister beschäftigt, ein Straßenbahner und Betriebsrat, laut Michel ein „Sozi“, der dort lebe wie „die Made im Speck“. Herr Denk, ein Faktotum, bewohnte das Parterre.
Nach seinem Tod gingen Steingasse 11 und 13 an seine Universalerbin, Dorothea „Dorli“ Azizi (geb. Ettenreich), der Tochter seiner geliebten Schwester Liesi, über. Diese musste sie jedoch veräußern, um die Legate bedienen zu können. Nach dem Tod seiner Frau, war Michel mit der Stv. Präsidentin des Bundesdenkmalamtes, Frau Dr. Tripp, eng befreundet gewesen. Dank ihr konnten die Immobilien aus dem Denkmalschutz befreit werden, um sie liquidieren zu können. Sie wurden von der Raiffeisen Bank erworben. Diese ließ sie abreißen und auf ein Hochhaus folgte ein Wohnhaus. Das große gläserne Atelier Josef Engelharts im Garten blieb unter Denkmalschutz erhalten und Michel hatte es noch zu Lebzeiten an den Antiquitätenhändler Asenbaum verkauft, der sich darin wohnlich einrichtete. Ehefrau „Trudl“, aus wohlhabenden Verhältnissen stammend, hatte ein Landhaus in Hallstatt, das „Uselhaus“, eines der drei ältesten Liegenschaften des Ortes geerbt. Da die Ehe leider kinderlos geblieben war, war es nach ihrem Tod auf Michel übergegangen, der es aber unter dem Druck hoher eigener Genesungskosten veräußern musste. Jahrelang hart arbeitend und kettenrauchend, hatte er sich schwere Lungenschäden zugezogen und musste in den letzten Jahren seines Lebens viel Geld für entsprechende Behandlungen ausgeben. U. a. verbrachte er ein halbes Jahr in einem Sanatorium in Basel (wo er sich auch einer Lungenoperation unterzogen hatte) und kurte in Arosa.
Für seine Leistungen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der historischen Bauwerke wurde ihm als ersten Träger das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst verliehen. Das grafisches Gesamtwerk seines Nachlasses wurde von der Albertina als so wertvoll erachtet, dass sie es in ihre Bestände übernommen hat.
Zu Michel Engelharts Eigenschaften sei gesagt, dass neben seinen künstlerischen und dichterischen Begabungen und einem subtilem Humor auch verwöhnt, jähzornig, pedantisch, cholerisch und egozentrisch dazuzählten. Wie Leute meinten, spiegelten sich viele dieser Züge in seinen Hunden (er hielt sich immer Foxterrier, die alle „Schnipfi“ hießen) wider. Mautner Markhof blieb er stets verbunden, er trug bis an sein Lebensende den Adelsring seiner Mutter.
Emy Bertele von Grenadenberg (*Wien 6.3.1932, † Wien 18.12.2023) wurde als das zweite von sieben Kindern der Marceline Mautner v. Markhof und des Hans Bertele v. Grenadenberg geboren. Gemeinsam mit den Eltern und ihren Geschwistern Otto, Marceline „Marcy“ (verehel. McMichael), Hans, Elisabeth „Lisl“ (verehel. Naqvi), Ursula „Ucki“ (verehel. de Allendesalazar) und Ulrich „Uly“ übersiedelte sie 1947 nach England. Am 27.9.1958 heiratete sie den Engländer Colin Everard (*London 14.11.1930) in Nairobi, den sie zuvor im Zug nach Tirol kennengelernt hatte. Ihrer Ehe entsprangen vier Töchter. Nach dem Ableben der Eltern zogen Sie in die „Corti-Wohnung“ im dritten Stock des Franziskanerplatzes, die Wohnung, die einst das Zuhause von Gertrude und Egon Conte Corti gewesen war.
ERINNERUNGEN VON UCKI AN IHRE SCHWESTER EMY, Madrid, 7. März 2025
Ich lernte meine Schwester Emy erst Mitte August 1947 in England kennen, als ich bereits fünfeinhalb Jahre alt war – und sie sechzehn. Bereits vierzehn Tage davor war sie mit unserem Vater dorthin gereist, um ihm bei den letzten Vorbereitungen für die Übersiedlung der ganzen Familie aus Österreich zu helfen (außer dem jüngsten Bruder Uly, der noch in Gaaden bleiben sollte). Sie war das Zweitälteste der Kinder und schon damals ein äußerst verantwortungsvolles Mädchen. Gemeinsam mit Baba (wie wir unseren Vater nannten), stand sie also abends am Bahnhof in London, um uns alle abzuholen. Schwester Liesl und ich hätten dort netterweise gleich für die ersten Wochen von einer Pflegefamilie übernommen werden sollen, um zu Beginn die Last einer vielköpfigen Familie für Mutti etwas zu erleichtern. Liesl nahm die bevorstehende Trennung ohne Murren hin, ich aber brach angesichts einer solchen in Tränen aus und sträubte mich mit Händen und Füssen dagegen. Hatte ich ja meine Eltern und Geschwister erst vor kurzem kennengelernt (ich war die ersten Jahre meines Lebens in Gaaden, bei der lieben Omi, gut aufgehoben gewesen).
So kamen wir nachts in unserem neuen Haus in Purley an. Und damit begann mein Zusammenleben mit Emy, der ich als ihr “Zimmerkind” zugeteilt wurde. Ihr war es gegeben, auf mich aufzupassen und mich zu leiten. Sie war meine „Zimmerfrau“, so hieß es. Wir teilten das hübsche, helle Zimmer im obersten Stock, das Richtung Garten schaute, auf einen großen Zierkirschenbaum, der im Frühling, vollkommen mit weißen Blüten bedeckt, immer so herrlich blühte. Wir hatten die beste Aussicht. Emy betreute mich ab diesem Zeitpunkt mehrere Jahre lang riesig liebevoll und das schmiedete ein Band der immerwährenden Liebe – und Dankbarkeit meinerseits – zwischen uns.
Der Arbeitsaufwand für Mutti war immer enorm, aber Emy stand ihr bei allem großartig bei, was auch wirklich eine ganz bewundernswerte Leistung war. Zirka drei Wochen nach unserer Ankunft begann im September die Schule. Wir vier Mädel gingen alle in dieselbe Klosterschule, St Annes. Emy und Marci in die Grammar School, Liesl und ich in die Primary School. Emy stieg gleich in der dritthöchsten Klasse ein und schloss bereits nach zwei Jahren ihr Studium mit Auszeichnung ab. Danach ging´s mit einem Stipendium am Kings College/London weiter, wo sie ihr Studium mit Zoologie begann, um sich danach auf Entomologie – Insektenkunde – zu spezialisieren (davon noch später).
Im England der Nachkriegsjahre herrschte strenge Rationierung, teilweise bis 1955. Fleisch aßen wir nur einmal in der Woche, am Sonntag. Aus Wien wurden Mutti Paprika geschickt und sie machte öfters ein Kartoffelgulasch und fügte zur Geschmacksverbesserung Speckrindel dazu. Emy machte gerne Guglhupf, immer nur mit einem Ei. Und da es bei uns zu Hause oft etwas zu feiern gab (außer den kirchlichen Festtagen auch die Geburts- und Namenstage einer Großfamilie) zauberte sie trotz der spärlich vorhandenen Zutaten, wie durch ein wahres Wunder, immer irgendwelche Mehlspeisen hervor.
Nach eineinhalb Jahren wurde dann auch der kleine Uly, von einer jungen Steirerin, die als Haushaltshilfe und Kindermädchen dienen sollte, nach England gebracht. Aber sie taugte zu keinem der beiden und verlies uns bald wieder. So blieb die Arbeit für Emy weiterhin groß. Auch im Garten hatte sie ein stattliches Blumenbeet zu betreuen.
Phantastisch beherrschte sie auch die Kunst des Nähens. An nur einem Nachmittag konnte sie ein Kleid für Liesl oder mich fertigen. Etwas, das ich, als ich später selbst zu nähen begann und bei Singer einen Kurs besuchte, nie begreifen konnte. Gut erinnere ich mich an ein hell türkisgrünes Taffetakleid mit Rüschen, das sie für mich anlässlich einer Kinderparty nähte und viele weitere Alltagskleider.
Als Emys Studium am Kings College begann, reiste sie jeden Morgen mit dem Zug nach London und kam am späten Nachmittag zurück. Von einem Teil ihrer ersten Stipendiumsgelder kaufte sie mir einmal ein silbernes Kettenarmband, das ich bis heute besonders schätze und das nun mit lauter kleinen Charms behangen ist.
Als unser ältester Bruder Otto heiratete und auszog, übernahm Emy sein schönes Zimmer mit Zugang auf die große Terrasse, die auf die Rückseite unseres Gartens blickte. Wie alle Zimmer dieses Hauses, welches aus der Viktorianischen Zeit stammte, hatte jedes Zimmer seinen eigenen Kamin. Da die später eingebaute Zentralheizung nicht funktionierte, wurde sonntags im Wohnzimmer der Kamin geheizt. In Küche und Speisezimmer waren Dauerbrenner mit Koks. Für Emys kleinen Kamin holte ich Kohle aus dem Keller, machte Spandeln, schleppte alles hinauf, heizte an und blieb dann auch schön bei der Wärme sitzen, da es oben im Zimmer, das ich nun mit Liesl teilte, kalt und feucht war. In Emys Zimmer war auch ihr Plattenspieler, auf dem ich gerne ihr Schallplatten hörte.
Sehr intensiv widmete sie sich dem Studium der Entomologie. Sie nahm gerne an Studienausflügen teil, war gesellig und schloss nette neue Freundschaften unter den Studenten und sonst wo. In einem Jahr hatte sie mit dem Studium der gefürchteten Wüsten-Riesenheuschrecken (locusts, desert locusts) begonnen, die vor allem in Afrika so verheerende Schäden anrichten. So viel ich mich erinnere, kam Emy einmal am Ende eines der Sommer Trimester, mit einer sehr großen, eher flachen Kartonschachtel nach Hause. Drinnen saß ein einsamer Riesenheuschrecke. Allerdings farblich nicht braun-beige wie das Wüsteninsekt, sondern einfarbiges grün wie das einer unreifen Zitrone. Wir staunten alle. Emy brachte die Schachtel im dunklen Gästezimmer, das gegenüber von meinem Zimmer lag, unter. So fiel es mir zu, das Insekt zu füttern. Da ich bereits zweimal täglich mit der Sichel Gras für unsere Hasen schnitt, bekam der Heuschreck auch etwas davon ab. Sehr lange überlebte er, glaube ich, nicht unter meiner Obhut, an die genauen Umstände kann ich mich nicht mehr erinnern.
Emys Interesse und Vorliebe für Heuschrecken kann man rückblickend als schicksalhaftes Vorzeichen betrachten, da sie ein paar Jahre später Colin Everard, den “Heuschreckenjäger”, wie er bei uns zuhause zur allgemeinen Erheiterung genannt wurde, heiratete.
Ihr Studium am Kings College schloss Emy mit einem “Upper Second”, der zweithöchsten Auszeichnung in der Rangordnung blendend ab. Das bedeutete aber in England keineswegs ein Karriere-Sprungbrett für eine besonders begabte Akademikerin. Was wurde also aus Emy? Sie wurde Sekretärin bei der Londoner Niederlassung von DuPont de Nemours.
Emy war sehr hübsch, hatte schöne Beine von Mutti geerbt und eine gute Figur, die etwas ins Mollige neigte. Sie und Marci waren einige Zeit immer mit Abmagerungskuren beschäftigt. Emy hatte ein helles Lachen, war mit viel Sex-Appeal gesegnet und wirkte auf Männer höchst anziehend. Sie hatte viele “Boyriends” und war selbst einige Zeit sehr in ihren Chef verschossen. Einmal schickten die Eltern Emy und Marci zum Wiener Fasching und Muttis zwei jüngsten Brüder (Peter und Bili) nahmen sich damals sehr nett der beiden an.
Im letzten Jahr, in dem es noch Sitte war, dass Königin Elisabeth die Debütantinnen der Saison empfing, war auch Emy, dank der Befürwortung des damaligen österreichischen Botschafters Johannes Schwarzenberg, der Königin anlässlich des glänzenden traditionellen Ereignisses vorgestellt worden.
Als Emy dann schon bei Dupont war, nahm sie sich einmal im Februar Urlaub, um ihre Freundin Almuth zum Skifahren in Kitzbühel zu treffen. Baba begleitete sie zur Station und kaufte ihr zur Zerstreuung ein paar der klassischen englischen Illustrierten für die Reise. Emy legte sie auf die Sitzbank im Coupée und unterhielt sich mit Baba noch bis kurz vor der Abfahrt draußen am Bahnsteig. Als sie ins Coupée zurückkehrte, saß dort nun einen junger Mann, der eifrig in ihren Illustrierten las: “Wie kommt es, dass Sie sich erlauben, sich einfach meine Zeitschrift anzueignen?” sagte sie in eher schroffem Ton. Emy erhielt ihre Zeitschrift zurück, der Zug fuhr ab und es stellte sich alsbald heraus, dass der junge Mann, der sich als Colin Everard vorstellte, ebenfalls auf Skiurlaub nach Österreich fuhr – und zwar ins benachbarte Fieberbrunn. Dieser Skiurlaub in Kitzbühel sollte gleich den Grundstein für zwei Liebesgeschichten legen, denn zur selben Zeit war auch Onkel Peter Mautner Markhof dort und verliebte sich in Emys bildschöne deutsche Freundin Almuth…
Colin hatte langen Urlaub von seiner Arbeit in Ostafrika und kam uns in Purley besuchen. Er erzählte eingehend von seiner Tätigkeit, die aus der Ausrottung der periodischen einfallenden riesigen Wüstenheuschrecken bestand, die so maßlosen Schaden anrichteten und für Hunger und Elend der Bevölkerung sorgten. Bei allem Ernst, wurde Colin bei uns aber den Namen “der Heuschreckenjäger” nicht mehr los.
Die erste ihrer vier Töchter kam im darauf folgenden Jahr, zwei Monate verfrüht, im Spital Redhill, welches sich in der Nähe unseres Wohnortes Purley befand, zur Welt. Die “kleine Emy” wog bei ihrer Geburt kaum 1,5 Kilo und blieb lange Zeit im Brutkasten und mit ihr Emy im Spital. Ich ging damals noch zur Schule, und wenn Colin, dessen Eltern in Nord London wohnten, bei uns vorbeikam, viel es mir öfters zu, ihn zu betreuen. Ich bereitete ihm fast immer Bratwürstel, die bekannten „Walls Pork Sausages“, die eine seiner Lieblingsspeisen waren und von mir keine großen Kochkünste erforderten.
Als beide Emys schließlich aus dem Spital entlassen werden konnten, waren sie bald darauf am Weg nach Nairobi, wo Colin sie bereits sehnsüchtig erwartete. Noch drei Mädchen sollten Emy und Colin geschenkt werden, ehe sie Afrika endgültig verließen. Mehrere Jahre Montreal/Canada folgten, bevor sie sich nach Colins Pensionierung am Franziskanerplatz, in der ehemaligen Corti Wohnung, niederließen. Dort, wo Mutti und Baba ihre so schönen und glücklichen letzten zwanzig Jahre verbracht hatten.
Kurz vor Montreal hatten Emy und Colin mich und José Manuel zu Weihnachten in Washington DC besucht. Ihre jüngste Tochter war damals noch ein Baby. Wir hatten es riesig nett zusammen. Im Februar fuhren wir mit einem Greyhound Bus hinauf nach Canada und besuchten sie in ihrer noch provisorischen Wohnung. Die zwei älteren Mädchen verbrachten ihre anschließenden Sommerferien bei uns. Dann, im Jahr drauf, wieder im Februar, fuhren wir erneut nach Montreal, unser letzter Besuch vor José Manuels Versetzung nach Stockholm. Bei diesem Besuch war Emy, wie immer, die liebevollste und fürsorglichste Schwester. Auch die beste Hausfrau, die man sich vorstellen kann. Sie gab für uns ein prachtvolles Diner mit netten, interessanten Freunden. Es war gerade diese Tage recht warm für dortige Verhältnisse. Tauwetter und fast kein Schnee. José Manuel hatte an einem jener Tage beiläufig, eher spaßhaft zu Emy gemeint: “Schade mit dem Wetter. Ich hätte so gerne einen Blizzard (Schneesturm) erlebt.” Am selben Abend, gegen Mitternacht, wir waren schon im Bett und hatten das Licht ausgelöscht, kam Emy im Nachthemd zu uns hereingestürzt und schrie in größter Aufregung: “José, ein Blizzard, ein Blizzard!!!” Und tatsächlich, es war ein wüster, wilder Blizzard, der aber nicht einmal fünf Minuten dauerte. Wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und der Augenblick bleibt mir unvergesslich.
Später, als Emy und Colin die Wohnung am Franziskanerplatz bezogen hatten, luden sie uns immer herzlich ein bei ihnen zu wohnen, wenn wir nach Wien kamen. Lauter wunderschöne Erinnerungen, die mich mit meiner lieben Schwester auf immer und ewig verbinden, sind auch damit verbunden.
Colin Everard war ab seinem 24. Lebensjahr für die Leitung von Teams in Nordostafrika zur Bekämpfung von Wüstenheuschreckenplagen verantwortlich. Er arbeitete mit Desert Locust Control am Horn von Afrika sowie in Kenia, dem damaligen Tanganjika (heute Tansania) und in Uganda. Als Einsatzleiter war er für die strategische Planung und Leitung von Kampagnen zur Bekämpfung der riesigen Invasionen von Wüstenheuschrecken verantwortlich, um die Landwirtschaft und Viehzucht der Region zu schützen. Anschließend engagierte ihn die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) als Leiter der Logistik, wobei er in Folge 200 Flugsicherheitsprojekte in 100 Entwicklungsländern umsetzte. In den darauffolgenden zehn Jahren leitete und beaufsichtigte er 75 internationale Flugsicherheitsprojekte in Asien und dem pazifischen Raum. Colin wurde dafür mit dem begehrten Gold Award der ICAO ausgezeichnet und ist auch weltweit der einzige geblieben, dem diese Ehrung zuteil wurde. Er lebte in sieben Ländern und hatte aus beruflichen Gründen mehr als fünfzig weltweit bereist. In Anerkennung seiner Dienste für das Land, überreichte ihm der pakistanische Präsident bei zwei Gelegenheiten die „Presidents Gold Medal“. Erst während seines Ruhestands hatte er erfahren, dass seine Karriere von Forschern und Gelehrten als Paradebeispiel analysiert und untersucht wurde; die Einzelheiten und Ergebnisse sind in einer Datenbank in den Bodleian Libraries der Universität Oxford gespeichert. Seine private Leidenschaft war und blieb der Golfsport.
Seine zahlreichen Eindrücke und Erfahrungen hat er in mehreren Büchern verarbeitet – zuletzt in seinem Abschlusswerk „Stories of Other Worlds“, das er seiner geliebten Emy gewidmet hat. Die Buchpräsentation, zu der Freunde und Familie weltweit angereist waren, fand am 23. Jänner 2025 im Vienna Ritz Carlton Hotel statt.
Colin Everard bei der Präsentation seines Buches „Stories of Other Worlds“, 23.1.2025, Ritz Carlton Vienna
Berührendes und lebendiges Menschenbild. Im Zuge des Ablebens von Marcus Mautner Markhof (*Wien 30.9.1958, † Wien 31.12.2024) gezeichnet von einem Klassenkameraden des Kollegium Kalksburg.
Ein vergilbtes Bild aus dem vergangenen Jahrhundert. Ein Dutzend junger Buben, nach heutigen Begriffen sehr ärmlich gekleidet, aber offensichtlich gut gelaunt. Mitten unter ihnen ein dunkelhaariger Knabe, dessen Gesichtsausdruck verrät, dass er entweder einen Streich gespielt hat oder knapp davor ist wieder einen solchen auszuhecken. Marcus Mautner Markhof (MMM) – es gab in den sieben Jahren des gemeinsamen Internatlebens so gut wie keinen Unsinn an dem „Mausi”, wie er auf eigenen Wunsch genannt wurde, nicht beteiligt gewesen wäre.
Wieder wird bewusst, wie sehr der „harte Kern” (also fast die ganze Klasse) des Maturajahrganges 1977 in den prägenden Jahren des Lebens zusammengewachsen ist. Mausi kam mit einem Jahr Verspätung in das Internat. Der Name Mautner Markhof war damals in Österreich ein Begriff. Die Brauerei Schwechat, der omnipräsente Familienpatriarch Manfred (auch MMM) mit kaiserlichem Backenbart und Rolls Royce, Vater Georg als liberal gesinnter Abgeordneter der FPÖ im Nationalrat, das nach der Stifterfamilie benannte Kinderspital, Senf/Essig und Hefe waren die Säulen von Wohlstand und Bekanntheit.
Marcus tat sich leicht, sich in das anfänglich recht strenge Internatssystem einzufügen, es half die Erfahrung der Zeit in einem bayerischen Internat, der ältere Bruder Quintus und vor allem seine gewinnende Art und das vorurteilslose Zugehen auf Mitschüler, Lehrer und dann später, schon in der Tanzkurszeit, auf die Damenwelt.
In den siebziger Jahren waren geschiedene Ehen eher die Ausnahme. Für Marcus bedeutete das: ein Wochenende beim Vater, ein Wochenende bei der Mutter und zwei Wochenenden pro Monat im Internat. So hat Kalksburg, wie für viele andere, Halt und wohl auch eine Art Zuhause bedeutet.
Jeder Einzelne, der ihn kannte, hat schöne, lustige oder auch berührende Erinnerungen an Mausi. Meine ist unvergesslich: Als mein Vater starb und ich nach einigen Stunden zuhause am selben Tag wieder in das Internat geschickt wurde, war er der Einzige, der auf mich zukam und mich tröstete – der Vierzehnjährige einen Dreizehnjährigen. David Bowies „Space Oddity”, abgespielt auf einer Tonkassette des großen Bruder Quintus, verbinde ich bis heute mit Mausi und mit diesen traurigen Monaten. Damals sprach man kaum über das, was einen bedrückte. Aber zumindest konnte ich ihm einige Wochen vor seinem Tod dafür danken, ohne dass ich wusste, dass es unser letztes Treffen sein würde. Er wollte ja dann „eh auf dem Altkalksburger Ball Bier ausschenken“. Das war Mausi. Traurig haben wir ihn nie gesehen, immer zuversichtlich – auch, als er uns von seiner Krebserkrankung erzählte.
Mausi war cool. Wie kein anderer kannte er den Standort des einzigen unversperrten, das heißt nur angelehnten Fensters, durch das man einsteigen konnte, wenn man erst nach Mitternacht aus der Innenstadt in das eigentlich fest verschlossene Internat zurückkam. Er bestand darauf, dass in Kalksburg ein Kochkurs eingeführt wurde. Das war im Jahr 1976 und in einer Bubenschule bis dahin völlig undenkbar. Beim Fußballspielen gab er im Strafraum immer Vollgas – in alle Richtungen. Mausi war Mittelpunkt jedes Maturatreffens und sehr vielen Kalksburgern, nicht nur den eigenen Klassenkameraden, ein naher Freund, mit dem man sich über so vieles austauschen konnte.
Als wir beide einen Streich zu viel erfunden hatten und wenige Monate vor der Matura gemeinsam aus dem Internat flogen, wurde Marcus jeden Tag aus Simmering von einem Chauffeur in die Schule gebracht und wieder abgeholt. Diesen Fahrer – in dunklem Anzug mit Mütze – und seine Kommentare zur aktuellen Lage kannten wir alle. Marcus ließ uns mit der für ihn charakteristischen Offenheit immer an allem teilhaben. Sei es ein samstägliches Mittagessen im „Coq d’Or“, ein Besuch beim eleganten Herrenfriseur der Innenstadt, die ersten Liebesbriefe, die Eigenheiten der Großfamilie… .
Nach der Schulzeit blieb die Verbundenheit bestehen. Kaum ein Maturatreffen, das Mausi ausgelassen hat. Bis zuletzt war er aktiver Teilnehmer in der, mit manchmal spätpubertärem Eifer betriebenen klasseneigenen Whatsapp-Gruppe.
Marcus hatte nach dem Jus Studium und einigen Lehrjahren das Familienunternehmen im Jahr 1994 von seinem bewunderten und oft von ihm zitierten Vater übernommen. 2002 beschloss die Familie dessen Verkauf. Die Simmeringer Hauptstraße, Heimat von Fabrik und Familie, war nicht mehr.
Mausi blieb in der Nahrungsmittelindustrie. Mit großem Einsatz verschrieb er sich dann dem turnaround der von ihm erworbenen Brauerei Grieskirchen. Kein Gastwirt im oberösterreichischen Hausruckviertel, der ihn nicht gekannt hätte. Stets unermüdlich und optimistisch im Geschäftsleben, stets eine witzige oder auch einfühlsame Bemerkung auf den Lippen, stets zu seiner Meinung stehend – dies oft genug gegen den Zeitgeist.
Seine Frau Martina war zeitlebens Partnerin und beherzte Mitkämpferin in diesem bewegten Leben. Die Kinder Mercedes, Antonia und Georg haben von ihm Charme, Zuversicht und Mut geerbt. Am Silvestertag ist Marcus Mautner Markhof nach langer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich entschlafen.
Leb wohl lieber Mausi! Dein Lachen im Ohr, Dein Verständnis im Herzen, Dein Enthusiasmus in der Erinnerung, Dein Optimismus als Vorbild!
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10.000 Stunden Mautner Markhof
/in Allgemein /von Beate HemmerleinEin Projekt dieses Ausmaßes – gemeint ist die vorliegende Website – kann man nicht alleine mit konzeptivem Know-how, kreativer Stärke, Arbeitswillen und Durchhaltevermögen bewältigen. Es ist die Seele eines Werkes, die seine Vollkommenheit ausmacht – und ich hatte gute Begleiter, die es mir ermöglicht haben, dieses Werk mit Seele zu vollbringen. Jeder für sich hat mich immer wieder bestärkt und motiviert – jeder auf seine Art und Weise; manche aktiv, manche aus dem Gendenken heraus, manche punktuell, manche stetig. Sie sind es, deren Beitrag ich nicht ungewürdigt lassen möchte:
Für Adolf Ignaz
Dessen Pioniergeist, Fleiß und Wille (wie passend sein Wahlspruch zum Wappen) im Zeitraum eines nur halben Menschenlebens Unglaubliches für Generationen hinweg ermöglichten. Ein Selfmade-Mann mit dem Herz am rechten Fleck, dessen Andenken es gilt weit über wirtschaftliche Errungenschaften hinaus zu würdigen und dessen Biographie – so wie ich hoffe – all seinen Nachfahren die Motivation gibt, sich nicht nur auf eventuelle ererbte gesellschaftliche Privilegien zu beschränken.
Für Carl Ferdinand
Der mich innerlich rührte. Als Knabe, in jungen Jahren und noch einfachen Verhältnissen bereits für die Familie sorgend, als junger Erwachsener pflichtbewusst den vorbestimmten Weg an der Seite seines Vaters beschreitend, als gereifter Mann sich gezwungen sah, den Freitod zu wählen. Und dies mit der so einfachen berührenden letzten Bitte um Vergebung, ihm dennoch die Sterbesakramente nicht zu verweigern.
Für Victor
Den ich im vorliegenden dynastischen Kontext als erfrischend herausleuchtend empfinde. Nicht auf sozialen Aufstieg durch Heirat bedacht, kinderlos geblieben, den schönen Künsten und individueller Lebensfreude zugetan kann ich nicht umhin, dass dieser historisch belegte heitere und angenehme Zeitgenosse, Bruder und Onkel mir immer wieder ein Lächeln auf die Lippen zaubert. Und, wie ich feststellen musste, er nicht ausreichend dafür gewürdigt wird, dass es nur seiner wirtschaftlichen Entscheidung zu verdanken ist, dass letztendlich die Brauerei Schwechat in die Familie übergehen konnte.
Für Manfred II.
Im Gedenken an den lieben Herrn Professor, der mir ausnahmslos freundlich und wohlwollend gegenübergetreten ist und sein Büro an der Seilerstätte bei Bedarf immer mit mir geteilt hat. Nie werde ich auch unsere letzte Begegnung im Lift am Stubenring vergessen.
Für Jussi
… den in jeder Hinsicht unglaublichen Mr. Azizi. In tiefer Zuneigung und großer Dankbarkeit für jede gemeinsam verbrachte Stunde.
Für Uki
Der Liebevollen und Sorgsamen, deren Herzensbildung und Gesinnung einer Nachfahrin von Adolf Ignaz mehr als würdig genannt werden darf. Selbst Schriftstellerin, hat sie dafür gesorgt, dass viel Wertvolles erhalten bleibt und konnte auch so manche ausführliche Schilderung noch aus vielen eigenen Erinnerungen beisteuern.
Für Maximilian
Der allen Stürmen und Widrigkeiten trotzend, mit Intelligenz, Humor, Scharfsinn und auch großem Herzen unermüdlich daran arbeitet, die Werte, Fähigkeiten und Tugenden der vorangegangenen Generationen nicht nur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern sie auch zu leben und vor allem mit modernem Know how eine zeitgemäße Brücke ins 21. Jahrhundert zu schlagen. Für Maximilian – den letzten Ritter!
Für Viktor
Den besten, korrektesten und zuverlässigsten Partner, den man sich nur wünschen kann und der niemals Zeit und Mühe gescheut hat, um mit seinen detailgenauen Recherchen das Projekt auf den inhaltlich hochwertigen Stand zu bringen, den wir mit dieser Website präsentieren können.
Für Abi & Rike
Die mit so viel Engagement und Hingabe ihr Erbe durchforsten und in vieler Nächte Arbeit unermüdlich recherchieren, scannen und transkribieren. Dank ihnen konnte auch – aber nicht nur – die Linie Reininghaus wieder zum Leben erweckt werden!
Für Theodor Heinrich
Der mich zu Beginn des Jahres 2017 auf diese historische Reise schickte, die mich nicht nur durch einen großen Teil österreichischer Geschichte geführt hat, sondern auch endlich all die Erzählungen verstehen ließ, denen ich während der vergangenen drei Jahrzehnte – mehr zusammenhanglos – gelauscht hatte. Einzig seiner Vision, Tatkraft und Großzügigkeit ist es zu verdanken, dass all das, das einst in Böhmen mit Adolf Ignaz seinen Anfang genommen hat und in den 1990er Jahren von Georg (IV.) J. E. aufgegriffen wurde, seinen Weg aus den Papierarchiven finden konnte und durch den Einsatz zeitgemäßer Medien auch künftigen Generationen weltweit erhalten bleiben kann.
10.000 Stunden Mautner Markhof – möge die spannende Reise noch viele Stunden Mautner Markhof mehr bringen.
Die Weitergabe des Feuers
/in Allgemein /von Theodor Heinrich Mautner MarkhofDie Geschichte des Hauses Mautner Markhof ist eine Geschichte vieler Schicksale. Eine Geschichte von Tradition, von Erfolgen und natürlich auch von Rückschlägen. Herausragend sind die Pioniere, die mit Leidenschaft ihre Visionen verfolgten und so auch die Gesellschaft der jeweiligen Zeit mit beeinflussten, manche davon nachhaltig.
Familie kann man sich nicht aussuchen, wie es so schön heißt, das gilt natürlich auch für jeden von uns, mit allen Vor- und Nachteilen. Das, was das Haus Mautner Markhof jedoch all seinen Mitgliedern und Nachkommen mitzugeben vermag, ist die Gewissheit, dass mit Hingabe, Engagement, Glauben, Willen und Durchhaltevermögen alle Träume, Wünsche und Vorstellungen realisierbar sind.
Adolf Ignaz war mutig, fortschrittlich, kreativ und wegweisend. Er hat erschaffen, hat bewirkt, gestaltet, hervorgebracht und – vor allem anderen – hatte das Herz am rechten Fleck. Seinen Geist zu bewahren, bedeutet also vielmehr nicht nur Nutznießer materieller und gesellschaftlicher Privilegien zu sein, sondern couragiert neue Wege zu beschreiten, an sich zu glauben und eigene richtungsweisende Ideen und Projekte ins Leben zu rufen.
“Innovate don´t imitate“ – oder um es mit Gustav Mahlers Worten zu sagen „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche“.
Um dies auch zu ermöglichen und allen Familienmitgliedern, wo sie auch sein mögen, ihre Wurzeln zu erhalten, habe ich im Zeitalter der neuen Medien die Gelegenheit ergriffen ihre Möglichkeiten zu nutzen und den Grundstein dazu im Rahmen der Internetseite gelegt. Ich wünsche und hoffe, dass sich auch in jeder kommenden Generation ein paar Nachkommen finden, die das weiterführen, was ich initiiert habe und somit das erhalten, was Adolf Ignaz so herausragend begonnen hat.
Verfasst von Theodor Heinrich Mautner Markhof
Das Mautner Markhof’sche Kinderspital – eine Institution verschwindet, seine Geschichte bleibt!
/in Mautner Markhof’sche Kinderspital /von Beate HemmerleinTheodor Mautner Markhof im Interview.
Liesi Engelhart und Dorli Ettenreich-Azizi – Mutter und Tochter
/in Carl Ferdinand Ritter Mautner von Markhof /von Beate HemmerleinLiesi Ettenreich mit Tochter Dorli Azizi
Elisabeth Maria Dorothea „Liesi“ Engelhart (*Wien 22.6.1898, † Wien 5.3.1994) hatte als älteste Tochter von Josef Engelhart seinen willensstarken Charakter und den ihrer Großmutter Marie Engelhart geerbt (näheres zu ihrer Kindheit). Nachdem sie die damalige Bürgerschule erfolgreich absolviert hatte, bestand sie die anschließende Lehramtsprüfung für Französisch, welches sie jedoch fataler Weise nur mit schrecklichem Akzent zu beherrschen vermochte. Als sie kurz nach Kriegsende, nur sechs Monate nach ihrem Arbeitsantritt verkündete, dass Sie aufgrund ihrer bevorstehenden Hochzeit den Dienst bereits wieder quittieren würde, war der ihr vorgesetzte Direktor mehr als erleichtert gewesen.
Lisi Engelhart, Josef Engelhart ca. 1902
So heiratete sie am 11.9.1919 in Waidhofen/Ybbs den begabten Physiker, Radiotechniker und Erfinder Robert Ettenreich (*Wien 1.11.1890, † Wien 7.1.1951), den sie schon in ihrer Kindheit während der Sommerfrische in Mattsee zum ersten Mal getroffen hatte. Robert war Sohn des Juristen Robert Neumann-Ettenreich, dem Enkel Josef Christian Ettenreichs, dem Lebensretter von Kaiser Franz Joseph I.. Robert Neumann-Ettenreich zeichnete sich als Senatspräsident des Verwaltungsgerichtshofs aus, wurde von Kaiser Karl I. zum Mitglied des Reichsgerichts ernannt und später von Karl Renner zum provisorischen Staatsnotar der Republik Deutschösterreich. 1920, nach Inkrafttreten der Bundesverfassung, war er gemeinsam mit Hans Kelsen Mitglied und ständiger Referent des Verfassungsgerichtshofs.
Bereits ein Jahr nach ihrer Eheschließung kam Tochter Dorothea „Dorli“ und 1922 Sohn Robert jun. zur Welt.
Dorothea „Dorli“ Ettenreich (*Wien 25.10.1920, † Wien 30.10.2008) war großgewachsen und blond und besuchte die vom katholischen Schulverein geleitete Volksschule in der Hegelgasse, die damals jede Woche vom sozialistischen Stadtschulratspräsidenten Otto Glöckl dahingehend inspiziert wurde, ob sie sich im Sinne der von ihm reformierten Bildung auch konform verhalten würde. So wurde auch der Muttertag neu eingeführt, der gleichsam für Großmütter gelten sollte. Da Dorli neben ihrer Mutter auch noch zwei Großmütter und zwei Urgroßmütter hatte, mussten für jede Veranstaltung fünf Karten besorgt werden, was im Lehrkörper für Verwirrung sorgte.
Dorothea Dorli Ettenreich
Mit Eltern und Bruder lebte sie bis zu ihrem 10. Lebensjahr in einer kleinen Mietwohnung am Schottenhof, bevor die Familie 1930 nach Sievering übersiedelte. Das alte Weinhaus, von Dorlis Onkel Michel Engelhart im Stil eines britischen Cottages – mit riesiger Halle und offenem Kamin – umgebaut, konnte man sich leisten, da Vater Robert Mitbegründer der Wiener Radiowerke war und seine Unternehmensanteile an Schrack verkauft hatte. Dorli besuchte daraufhin in Wien Währing das Gymnasium Haizingergasse. 1934 wurde sie als Austauschkind nach England geschickt und lebte bei den Disneys. Ihr Austauschvater war im 1. Weltkrieg einer der ersten Piloten der Royal Air Force gewesen, als man vor jedem Zweikampf anderen Piloten noch salutierte.
1938, knapp vor ihrer Matura, wurde u. a. auch die Haizingergasse von den Nationalsozialisten übernommen. Bereits bei Schuschniggs Rede war Dorli in Tränen ausgebrochen und so zeigte sich auch während der kommenden Jahre bei allen erdenklichen Gelegenheiten ihr mutiger authentischer Charakter. Zum Beispiel, als die systematische Judenverfolgung in der Wiener Innenstadt begonnen hatte und Dorli ebendort im Dirndl spazieren gegangen war, wurde sie auf Lärm aus dem Haus der jüdischen Hochschülerschaft aufmerksam. Als das Haustor öffnete sah sie, wie SA-Männer jüdische Intellektuelle misshandelten, schlugen, traten. Als Dorli bemerkte, dass alle weiteren Passanten wegsahen und weitergingen, lief sie quer über die Straße und schrie die Täter mit „Was sind denn das für Methoden!“ an. Da sie sich weigerte ihren Namen preiszugeben, wurde sie gemeinsam mit den Misshandelten zum Morzinplatz, ins Hotel Métropole, dem Hauptquartier der Gestapo, gebracht. Dort wurden die Juden mit Fußtritten ins Gebäude geprügelt. Sie war die letzte im Wagen, als ein Wehrmachtsmann zu ihr sagte: „Schau, dass du weg kommst“. Atemlos rannte sie zum Stephansplatz und blieb völlig erschöpft und heulend vor dem Altar des Doms liegen. Zuhause in Sievering erzählte sie nichts. Erst viele Jahre später berichtete sie ihrem erwachsenen Sohn Jussi Azizi darüber.
Ihr Vater Robert war Monarchist und absolvierte geheime Missionen für Otto Habsburg, der in einem belgischen Schloss seine Zelte aufgeschlagen hatte. Am Tag nach dem Anschluss wurde der habilitierte Professor von allen staatlichen Ämtern und beruflichen Funktionen enthoben und hatte von einen Tag auf den anderen weder Arbeit noch Einkommen. Robert blieb vorerst in Wien, machte die Patentanwaltsprüfung und übersiedelte nach der Prüfung nach Berlin, wo sich das Reichspatentamt und der Reichspatentgerichtshof befanden. Aufgrund seiner guten Beziehungen zu Philips wurde ihm dort vom Konzern die Vertretung deren Patentrechte übertragen und er lebte als freiberuflicher exklusiver Patentanwalt von Philips ohne Familie und Freunde, isoliert in der Reichshauptstadt.
Dorli wurde, wie damals üblich, nach der Matura zum einjährigen Arbeitsdienst eingezogen und übte mehrere Tätigkeiten aus. Unter anderem in Faistenau als Aushilfe bei einem verwitweten Bergbauern mit sechs Kindern und als Fließbandarbeiterin in einem Industriebetrieb. Überall wurde ihr Fleiß gelobt. Auch musste sie Handschuhnähen und Buchbinden lernen, um die Familie bei etwaiger Emigration miterhalten zu können. Zurück in Wien wollte sie ihrer großen Leidenschaft, dem Studium der Botanik nachgehen. Doch waren die einstigen hervorragenden alten Professoren von den Nazis inzwischen eliminiert und durch blutjunge Vortragende in SA-Uniform ersetzt worden. Als sich beim nächsten Familientreffen herausstellte, dass sowohl Vater als auch Tochter todunglücklich waren, übersiedelte Dorli 1940 nach Berlin, um ihr Studium in der Stadt fortzusetzen, in der der Nationalsozialismus innerhalb der Bevölkerung weniger radikal verbreitet war als in Wien.
Dorothea Dorli Ettenreich (verehel. Azizi)
Liesi und der um zwei Jahre jüngere Bruder folgten erst ein Jahr später, nachdem man das Haus in Sievering vermietet hatte. Dorli studierte Botanik mit Nebenfach Chemie an der Humboldt-Universität und, da sie auch literarisch sehr interessiert war, besuchte auch Vorlesungen über Poetik. Am Vortag ihres Rigorosums hatte am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler stattgefunden. Da man zu dieser Zeit als guter Wissenschaftler auch nachweisen musste, dass man parteitreu war, wurde jedem wissenschaftlichen Teil ein politischer beigefügt. So lautete am 21. Juli die erste Frage: „Frau Kollegin, was denken Sie über die Ereignisse des gestrigen Tages?“ Dorlis Antwort: „Dasselbe wie Sie, Herr Professor.“ Daraufhin: „Sehr gut, gehen wir jetzt zum fachlichen Teil über.“
Nachdem Robert jun. während des Russlandfeldzuges vermisst und nicht zurückgekehrt war, suchte Dorli mit der verzweifelten Liesi das Wehrmachtshauptquartier in Berlin auf, um Informationen über sein Verbleiben zu erlangen. Als ihnen fadenscheinig Auskunft verweigert wurde, begleitete Dorli ihre Mutter hinaus, kehrte in das Büro zurück und schrie dem Beamten entgegen: „Sie haben einer Mutter in herzloser Art und Weise den Tod ihres Sohnes ins Gesicht geschleudert. Ich verfluche Sie, ich verfluche Sie, ich verfluche Sie“. Alle blieben erstarrt zurück, während sie unbehelligt das Gebäude verließ. Diese Episode ist ein Beispiel für den legendären „heiligen Zorn der Dorli“, deren Persönlichkeit sich zeitlebens durch ein zutiefst verwurzeltes Gerechtigkeitsgefühl, große Zivilcourage, Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe und Menschlichkeit auszeichnete. Der Verlust von Robert jun. sollte zeitlebens nie verwunden werden und hinterließ einen dunklen Schatten im Leben der Familie.
1943 lernte sie in Berlin Ali Asghar Azizi (*Gasvin/Iran 25.4.1914, † Wien 21.6.1992) kennen. Dieser war mit zehn Jahren nach Teheran übersiedelt, wo er das Gymnasium der französischen Jesuiten besucht und anschließend Pharmakologie bis zum Lizenziat studiert hatte. Da im Iran bereits die Familienapotheke Azizi existierte, schickte man ihn nach dem Militärdienst nach Europa, um seine Kenntnisse auch international zu vervollständigen. Aufgrund seiner französischen Sprachkenntnisse hatte man sich für Brüssel entschieden, wo er vom Kriegsbeginn überrascht wurde. Die Universitäten wurden geschlossen, die Grenzen gesperrt und man konnte Belgien als Drittstaatenangehöriger nur dann verlassen und weiterstudieren, wenn man bereit war „ins Reich“ zu kommen. So reiste er zuerst nach Leipzig, um die deutsche Sprache zu lernen und danach an der Humboldt-Universität das Doktoratsstudium in Berlin abzuschließen zu können.
Dorothea Dorli Ettenreich (verehel. Azizi)
Ali Asghar Azizi
1944 kehrte die Familie Ettenreich nach Wien zurück, wo Dorli und Ali Asghar am 28. September heirateten. Von Wien aus forderte Dorli ihre Promotionsurkunde an und unterfertigte ihr Schreiben mit „vorzüglicher Hochachtung“. Als die Urkunde, ausgestellt auf Kriegspapier in Wien eintraf, schloss das Begleitschreiben des Dekans mit „… im Übrigen möchte ich Sie darauf hinweisen, daß der Gruß Heil Hitler lautet.“ Nach der Rückkehr nach Wien waren die frisch Vermählten gemeinsam mit den Eltern in das Haus in Sievering gesiedelt. Zuerst wurde 1945 Tochter Soraya Elisabeth Mariam geboren, dann folgten 1948 Sohn Josef „Jussi“ und 1950 Tochter Nargess († 3.11.2020). 1951, nach dem Tod des Vaters, wurde das Zusammenleben mit Mutter Liesi für die Jungfamilie Azizi immer schwieriger, sodass sie 1953 nach Hietzing übersiedelte. Man lebte zuerst in der Wenzgasse, bevor man 1958 das Haus in der Trauttmannsdorffgasse bezog. Als sorgsame Mutter legte Dorli großen Wert auf Bildung. So hat sie zum Beispiel ihren Kindern über viele Jahre hinweg, am Ende jeder Mahlzeit 30 Minuten aus erlesener Literatur vorgelesen.
Die bereits mehrfach beschriebene Zivilcourage ist ihr bis ins hohe Alter erhalten geblieben. Noch mit siebzig Jahren packte sie einen jungen Mann, der ein Hakenkreuz auf einen U-Bahn-Träger gemalt hatte und zwang ihn es wieder wegzuwischen.
Ehepaar Ali Asghar und Dorothea Dorli Azizi.
Liesi Ettenreich (Mitte) mit Tochter Dorli Azizi (li.) und Nichte Beatrice (re mit Baby). Dahinter Fiorentina, Josef, Soraya, Nargess und Amedeo Azizi.
Josef Azizi – Jurist und Philanthrop
/in Carl Ferdinand Ritter Mautner von Markhof /von Beate HemmerleinJosef „Jussi“ Azizi im Mantel seines Urgroßonkels Victor Ritter Mautner von Markhof, 2025.
Hon.-Prof. MMag. Dr. Josef „Jussi“ Azizi (*14.4.1948) wurde als einziger Sohn des Dipl.-Pharm. Dr.rer.nat. Ali Asghar Azizi und der Dr.rer.nat. Dorothea „Dorli“ (geb. Ettenreich) in Wien geboren. Gemeinsam mit der älteren Schwester Soraya und jüngeren Schwester Nargess wuchs er als Urgroßenkel von Doris Engelhart mit ihr und den Geschwistern seiner Großmutter Liesi (Onkel Michel sowie den Tanten Christl, Maridl, Susi und Pepi) im Familienverband auf.
Liesi Engelhart, 1899
Liesi Engelhart, Büste von ihrem Vater Josef Engelhart
Dorothea „Dorli“ Azizi (geb. Ettenreich), gezeichnet von ihrem Onkel Michel, Sammlung Josef Azizi
80. Geburtstag von Doris Engelhart (geb. Mautner von Markhof) mit ihren Urenkeln Nargess, Josef „Jussi“ (als „Malkunst“), Soraya (als „Poesie“) Azizi und Beatrice Spornberger (als „Liebe“), 1951
Nach der Vor- und Volkschule im Lyçée français de Vienne besuchte er das Realgymnasium der Theresianischen Akademie, wo er am 13. Juni 1966 maturierte. Zum damaligen Zeitpunkt war das „Theresianum“ noch ein neusprachliches Gymnasium mit österreichweiter Aufnahmeprüfung, Sonderlehrplan und generellem Repetierverbot; die obligaten Sprachen waren Französisch, Englisch, Russisch und Latein. Seine Studien an der Universität Wien begann er zunächst an der Philosophischen Fakultät, wo er Vergleichende und Allgemeine Sprachwissenschaft sowie Indogermanistik inskribierte. Trotz durchwegs sehr guter Kolloquien- und Übungszeugnisse (einschließlich Sanskrit) wechselte er nach einem Semester die Studienrichtung und nahm im Sommersemester 1967 das Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Studienrichtung Soziologie, an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät auf. Unabhängig davon bestand er zu Ende des Sommersemesters 1967 an der Philosophischen Fakultät mit der Note „gut“ die schriftliche und mündliche Ergänzungsprüfung zur Reifeprüfung in Altgriechisch. Nach der Ablegung der ersten wie der zweiten Diplomprüfung mit der Gesamtnote „mit Auszeichnung bestanden“ sowie nach der mit der Beurteilung „sehr gut“ durch Univ.-Prof. Dr. Pütz erfolgten Approbation seiner Diplomarbeit aus dem Fach Sozialpolitik („Das Betriebsrätegesetz 1947: Motive, Entstehung und Anwendung“) fand am 7. Juli 1971 die Sponsion zum Magister der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften statt (die Diplomarbeit wurde von der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien im damaligen Höchstausmaß von öS 10.000.- gefördert).
Seit dem Wintersemester 1969 hatte er neben dem bisherigen Studium auch das der Rechtswissenschaften betrieben (er belegte auch kurzzeitig Japanisch, brach jedoch trotz sehr guter Zeugnisse ab, um sein Jus Studium nicht zu verzögern) und die erste Staatsprüfung noch im Wintersemester 1970/71 mit Auszeichnung absolviert. Nach Ablegung aller Staatsprüfungen und Rigorosen promovierte er schließlich am 13. November 1973 auch zum Doktor der Rechtswissenschaften. Bereits gegen Ende dieses Studiums erstellte er im Zuge der damals aktuellen Diskussion zur Reform des Jus Studiums einen allgemeinen Entwurf für eine neue juristische Studienordnung. In Form eines Netzplans wurde darin die Chronologie des Einbezugs einzelner Rechtsmaterien als Vortrags- und Prüfungsfächer in das Studium vor allem durch das Prinzip inhaltlicher Bedingtheit bestimmt. Systematisch sollte also der Ablauf des Studiums dadurch bestimmt werden, dass jene Fächer, die inhaltlich die Kenntnis anderer Fächer voraussetzen, auf diesen aufbauend durchwegs jeweils erst später absolviert werden sollten. Es folgte eine beispiellose Karriere:
Dr. Josef Azizi, Curriculum Vitae
Dr. Josef Azizi, fachbezogene Wissensvermittlung / Lehrtätigkeit
Dr. Josef Azizi, Schwerpunkte der wissenschaftlichen Tätigkeit
Dr. Josef Azizi, innovative Begleiterscheinungen und Auswirkungen seiner wissenschaftlichen Arbeit / beruflichen Tätigkeit
Dr. Josef Azizi, Publikationen
Dr. Josef Azizi, Mitglied- und Mitherausgeberschaften
Laudatio von Univ. Prof. Dr. Thomas Jaeger anlässlich der Verleihung des Goldenen Doktordiploms an Josef Azizi, 19. April 2024
Dankesworte von Dr. Josef Azizi anlässlich der Verleihung des Goldenen Doktordiploms an Josef Azizi, 19. April 2024
Im Verlauf seiner richterlichen Tätigkeit befasste er sich (als Berichterstatter oder Beisitzer) u. a. mit Direktklagen (Nichtigkeitsklagen, Untätigkeitsklagen und Schadenersatzklagen) aus den Bereichen der Wettbewerbsrechts (Wettbewerbsrecht i.e.S. und Beihilfenrecht), des Markenrechts, des Dienstrechts, des Nahrungsmittel-, Chemikalien-, Umwelt- und Gesundheitsschutzrechts, des Artenschutzrechts, des Landwirtschaftsrechts, des Vergaberechts, der restriktiven Maßnahmen, der Wirtschafts- und Währungspolitik, des Zugangs zu Dokumenten etc. Während seiner fast neunzehnjährigen Amtszeit als Richter am EuG wurde er wiederholt (für insgesamt neun Jahre) zum Kammerpräsidenten gewählt und übte während der letzten sechs Jahre überdies die Funktion eines Mitgliedes des Comité administratif (des zentralen obersten Verwaltungsausschusses) des Gerichtshofs der Europäischen Union aus. Einen überaus ungewöhnlichen Umstand kennzeichnete seine letzte Wiederbestellung im Jahr 2010: Er erhielt im EU-Unterausschuss des Nationalrates die ausdrückliche einstimmige parlamentarische Zustimmung nicht nur der Regierungsparteien, sondern auch (ohne Stimmenthaltung!) sämtlicher Oppositionsparteien.
Für seine Verdienste wurden ihm von mehreren Staaten Auszeichnungen verliehen.
Österreich:
Luxemburg:
Privat ist er seit 1973 mit Dr. Veronika Azizi-Burkart verheiratet. Das Paar hat die Kinder Fiorentina (*1975) und Amedeo (*1977) sowie die vier Enkelkinder Anatol u. Emil Azizi und Thea und Dora Azizi-Hacker.
Back to the start. Goldene Hochzeit Josef und Veronika Azizi mit Familie und ehemaliger Trauzeugin (re) in Edinburgh, Dezember 2023
Jussi gemalt von seiner Großtante Maria „Maridl“ Engelhart (verehel. Friedinger), 1948
Josef „Jussi“ mit Eltern und Schwester Nargess, 1951
Josef „Jussi“, Soraya und Nargess, Weihnachten 1952
Nargess, Soraya und Josef „Jussi“ Azizi, 1957
Nargess, Dorli, Ali Asghar und Josef „Jussi“, 1961
Josef, Nargess und Soraya, 1963
Nargess und Josef „Jussi“ Azizi, 1967
Dorothea Azizi (geb. Ettenreich) mit ihren Kindern Soraya, Nargess und Josef „Jussi“
80. Geburtstag von Liesi Ettenreich (Mitte) mit Tochter Dorli und Schwiegersohn Ali Asghar sowie den Enkelkindern Nargess, Josef und Soraya, 1988
Susanne Engelhart-Spornberger – die Schauspielerin
/in Carl Ferdinand Ritter Mautner von Markhof /von Beate HemmerleinSusanne Engelhart (verehel. Spornberger)
Susanne (*10.10.1904, † 20.5.1968) wurde als fünftes Kind von Josef und Doris Engelhart und Enkeltochter von Carl Ferdinand Mautner von Markhof in Wien geboren und wuchs am Familiensitz in der Steingasse 11 – 13 auf. Neben ihrem Bruder Michel maturierte „Susi“ als einziges Mädchen der Familie, war hochintelligent und studierte ein paar Semester Chemie.
Gemalt von Josef Engelhart, Susanne 1917
Doch ihr großer Traum war es immer gewesen Schauspielerin zu werden – gegen den Willen ihres Vaters, dessen abschätzender Kommentar dazu lautete: „DU willst Schauspielerin werden? Du gibst doch höchstens eine komische Alte“. Ironischer Weise sollte er recht behalten, denn diese Rolle war ihr in späteren Jahren quasi auf den Leib geschneidert.
Susanne war kein Kind von Traurigkeit, so beschreibt der Filmschauspieler Leon Askin sie in seinen Memoiren als die „große Liebe seines Lebens“. Zweimal verheiratet, ehelichte sie 1932 zuerst in Düsseldorf den Schauspieler und späteren Fernsehkoch Carl Clemens Hahn (Künstlername Clemens Wilmenrod), von dem sie bereits 1933 wieder geschieden wurde. Ihre zweiten Ehe mit Georg Spornberger sollte jedoch von 1942 bis zu ihrem Tode halten. Ihr entsprang auch Tochter Beatrice, welche sie bezeichnender Weise nach ihrer Lieblingsrolle, der Beatrice in Shakespears „Viel Lärm um nichts“, benannte.
Ihre enorm exaltierte Persönlichkeit charakterisiert sich u. a. in folgenden Begebenheiten: In früheren Jahren mussten bei jedem Grenzübertritt Dokumente unter Angabe des Berufes ausgefüllt werden. Diesen betitelte sie jedes Mal mit Masochistin, was die einfachen Zollbeamten, die den Ausdruck nicht verstanden, immer schwer beeindruckt zurückließ. Auch konnte sie es sich nicht verkneifen ihr Talent im Alltag zur Schau zu stellen. Als sie zur Sprechstunde im Gymnasium Wenzgasse vorgeladen wurde, weil Tochter Beatrice in einem Hauptfach so schlecht abgeschnitten hatte, erwiderte sie der ernsthaft besorgten Lehrerin „Ich verstehe gar nicht, dass sie so schlecht in Mathematik sein soll, wo das Kind doch so schen die Gas anzünden kann.“ Danach wurde „die dümmliche Mutter“ nie wieder zu einer Sprechstunde gebeten.
Susanne war eine exzellente Schauspielerin und hatte u. a. Engagements bei Louise Dumont in Düsseldorf. Trotzdem wurde ihr großes Talent nicht immer nur goutiert. So wurde sie einmal von Gerhard Hauptmann, bei dessem Stück sie mit einer kleinen Rolle besetzt war, nach der Uraufführung scharf kritisiert: „Sie machen viel zu viel aus dieser Rolle. Das ist eine NEBENROLLE!“ Ihre Burgtheaterkarriere wurde leider durch einen anderen Umstand vereitelt. 1945, als das Wiener Wahrzeichen durch Bomben schwer beschädigt war, mussten die Aufführungen an einen anderen Spielort verlegt werden und Raoul Aslan fungierte interimsmäßig als Direktor. Susi bewarb sich bei ihm und begann den schweren Fehler, ihrem Ehemann, den durch und durch preußischen Offizier mit durchdringender Stimme und Monokel im Auge, zu gestatten sie zum Gespräch zu begleiten. Aslan, überzeugter Altösterreicher mit schweren Aversionen gegen das preußische Militär, erteilte ihr daraufhin eine Absage.
Jungschauspielerin Susanne Engelhart beim häuslichen Theaterspiel.
Susanne Engelhart in einer ihrer ersten Bühnenrollen.
Susanne Spornberger (geb. Engelhart) als Maria Stuart.
Schauspielerin Susanne Engelhart, porträtiert von Pacher während ihrer Zeit bei Louise Dumont in Düsseldorf
Georg Spornberger stieß nicht nur bei Aslan auf Ablehnung. Auch seinem Schwager, Michel Engelhart war er sogar fast verhasst. Abgesehen davon, dass die Ehe seiner Schwester nicht unbedingt immer als glücklich zu bezeichnen war, schien ihm seine politische Gesinnung mehr als fragwürdig. Spornberger war, wie sein Vater, Arzt. Dieser hatte während des Boxeraufstandes in China als Regimentsarzt gedient. Dort, um die Jahrhundertwende, in einem ländlichen Dorf, hatte er einem ansässigen Schneider einen seiner Tropenanzüge ausgehändigt, um nach dessen Vorlage weitere Exemplare anfertigen zu lassen. Zu seinem Erstaunen waren die gewünschten Stücke bereits am nächsten Morgen abholbereit. Perfekt genähte Duplikate. So perfekt, dass sich der Flicken, der sich am Original befunden hatte, bei den neuen Anzügen an genau derselben Stelle minutiös eingepasst war. Der einfache chinesische Schneider hatte natürlich keine Ahnung von europäischer Kleidung und den Auftrag pflichtgetreu ausgeführt. Georg Spornberger selbst (1911 – 1990) war auf einem Schloss in Pommern (heute Polen) aufgewachsen. Als deutscher „Herr“ unter rein polnischer Bevölkerung. So erlebte er noch, dass während seiner Kindheit und Jugend von seinem Onkel, dem Schlossherrn, das ius primae noctis praktiziert wurde und er auch Zeuge sonstiger mittelalterlicher Gebräuche der Machtausübung wurde. Als z. B. Arbeiter, nachdem sie gestreikt hatten, am darauffolgenden Tag wieder im Schloss erschienen, verriegelte sein Onkel das Tor des Hofes und ließ sie in Reih und Glied antreten. Alle Arbeiter folgten dem Befehl freiwillig, um der Reihe nach ausgepeitscht zu werden. Sowohl Herr als auch Gesinde vollzogen dieses Ritual ohne mit der Wimper zu zucken. Dies, sein Dienst in der Armee und der Verlust eines Beines an der Ostfront mögen dazu beigetragen haben, dass Spornberger nicht mit der sanftesten Seele gesegnet war. Gepeinigt vom Phantomschmerz griff er öfter zu Alkohol, um diesen zu betäuben. So kam es im Haushalt Engelhart-Spornberger immer wieder zu gewalttätigen Szenen, die mit dem Besuch der Polizei endeten. Aber wie in so vielen Ehen, hatte auch Susanne immer davon abgesehen, tatsächlich Anzeige zu erstatten. Auch wuchs Tochter Beatrice nicht im Elternhaus auf, sondern war in einem Mädchenpensionat nahe ihrer Schule untergebracht.
So tragisch Etappen von Susannes Ehe gewesen sein mögen, umso tragischer war ihr Ableben. In der TV-Produktion Die Moritat vom Räuberhauptmann Johann Georg Grasel war sie 1968 unter der Regie von Otto Anton Eder und weiteren bekannten Schauspielern wie Peter Vogel, Guido Wieland, Gertraud Jesserer, Hanns Obonya, Kurt Sowinetz und Ernst Stankovski mit der Rolle der „Alt’Schindlerin“ besetzt. Auf eine Regieanweisung hin, sollte Peter Vogel ihr mit einem Hammer auf den Schädel schlagen – doch selbstverständlich auf den Kopfpolster daneben zielen. Vogel verfehlte den Polster und traf Susanne mit voller Wucht auf den Schädel. Nach einem markerschütternden Schrei (der fataler Weise nicht gespielt war) wurde sie auch noch rollengemäß mit Fußtritten eine Wendeltreppe hinunter gestoßen. Aus Angst davor, keine Rollen mehr angeboten zu bekommen, hatte sie sich nicht getraut der weiteren Torture zu widersetzen. Die folgenden Tage verbrachte sie zurückgezogen und klagte über körperliche Beschwerden. So schrieb sie u. a. an ihren Bruder Michel „Ich habe so Kopfweh, seit mir der Grasel auf den Schädel gehaut hat.“ Drei Tage nach dem Vorfall war sie tot. Die Obduktion ergab, dass der Schlag eine schwere Gehirnblutung hervorgerufen hatte. Gertraud Jesserer, um ihren Mann zu schützen, drohte Georg Spornberger telefonisch. Doch trotz verzweifelter Bemühungen seitens des Ehemanns, wurde von der Staatsanwaltschaft nie Anklage gegen Peter Vogel erhoben. Es sei erwähnt, dass der Schauspieler ab diesem Zeitpunkt an Depressionen gelitten hatte, und sich 1978 das Leben nahm.
Filmographie Susanne Engelhart
Das Reininghaus´sche Herrenhaus am Steinfeld
/in Reininghaus/Linie 1 /von Beate HemmerleinReininghaus´sche Herrenhaus am Steinfeld in Graz
Das alte Herrenhaus der Familie, ein Kleinod aus der Gründerzeit, befindet sich direkt beim Haupteingang zum Areal, am nördlichen Ende der Unesco-Esplanade, direkt an der Haltestelle Reininghausstraße und stellte einst den historischen Eingang zur ehemaligen Brauerei dar.
Lage des Herrenhauses / Reininghausgründe, Graz
Bis zur Neuentwicklung und Erschließung der Reininghausgründe war es dem Verfall preisgegeben.
Herrenhaus Reininghausgründe vor der Sanierung, © Annenpost
Herrenhaus Reininghausgründe vor der Sanierung
Nach seiner umfassenden denkmalgerechten Sanierung (Synthesa Gruppe, Architekt Thomas Pucher, Baugesellschaft Lederer) erstrahlt es seit 2022 in neuem Glanz. Die neue außergewöhnliche Fassade, gestaltet vom Künstler Bernhard Wolf, unterstützt durch Georg Dinstl, verbindet historische Elemente mit moderner Kunst. Besonders beeindrucken die extravaganten Linien mit Capa Gold (eine seidenglänzende Acrylat-Dispersionsfarbe mit goldenem Metalleffekt für innen und außen), die das Gebäude in einen dynamischen Dialog aus Licht und Schatten tauchen sollen. Die Arbeit trägt den Titel „Gesture“, wobei die matt-goldene Textur die vier Seiten des Hauses miteinander verbindet und einen dynamischen Rundumblick bieten soll.
Herrenhaus Reininghaus 2024, Quelle Synthesa Gruppe
Herrenhaus Reininghaus, Reininghausgründe Graz Steinfeld, Architektur Aktuell 02/2025
Michel Engelhart – Architekt und künstlerisches Allroundgenie
/in Carl Ferdinand Ritter Mautner von Markhof /von Beate HemmerleinMichael Engelhart, Selbstporträt
Michael „Michel“ (*Wien 7.7.1897, † Wien 5.3.1969) war das erste Kind von Josef Engelhart und Doris (geb. Mautner von Markhof) und Bruder von Elisabeth „Liesi“ (verehel. Ettenreich), Chistine „Christl“ (verehel. Kern), Maria „Maridl“ (verehl. Friedinger), Susanne „Susi“ (verehl. Spornberger) und Josefine „Peperl“ Engelhart.
Josef Engelhart malte seinen Sohn Michel 26 Tage nach seiner Geburt, Sammlung Josef Azizi
Michel Engelhart, 1898
Michel mit Kinderfrau. Josef Engelhart, 1898.
Liesi Engelhart mit ihrem Bruder Michel, 1899
Liesi und Michel, Josef Engelhart
Michel Engelhart, 1900
Michel Engelhart, 1901
Michel (als Fiaker) und Liesi (als Wäschermädl) Engelhart, 1902
Christl, Doris, Michel, Liesi und Josef Engelhart, 1902
Christl, Doris und Michel Engelhart mit Kindermädchen, 1906
Gemeinsam mit seinen Geschwistern wuchs er in den beiden Biedermeierhäusern Steingasse 11 und 13, 1030 Wien auf. Haupthaus war Nr. 13 und 11 die ehemalige Fleischerei der Großeltern Engelhart, in dessen Souterrain sich noch ein Eiskeller befunden hatte. Auf dem, zwischen den Ausläufern des Mautner-Markhof’schen Parks (Carl Ferdinands Wohnsitz) und dem Haus Steingasse 13 gelegenen Grundstück, wurde 1901 das Haus Steingasse 15 errichtet, das – im Gegensatz zu den Häusern Nr.11 und Nr. 13. – heute noch steht. Steingasse Nr. 15, das wegen dem sich über dem Eingang befindlichen Lindwurms sogenannte „Drachenhaus“, wurde vom Architekten Fellner errichtet, der Lindwurm vom Maler und Bildhauer Bacher, einem Freund Josef Engelharts, gestaltet.
„Drachenhaus“
Dieses neue Haus in unmittelbarer Nachbarschaft wurde die Wohnstätte von Marie Engelhart (geb. Apfelthaler), der Mutter von Josef. Sie war eine überaus herrische und eigenwillige Persönlichkeit, die die ganze Familie – mit Ausnahme des von ihr vergötterten Sohnes Josef und seiner ihr artverwandten Tochter Liesi – in Angst und Schrecken versetzt (heute würde man sagen „terrorisiert“) hatte. Kein Wunder, dass sie sogar von ihrem eigenen Sohn humorvoll als „Drachen“ bezeichnet wurde. Dementsprechend erlaubte sich mein Urgroßvater Josef Engelhart, der oft zu Späßen aufgelegt war, einen Schabernack der besonderen Art: Er ließ unmittelbar zur Fertigstellung des Hauses Steingasse Nr.15 im Jahr 1902 für seine Mutter zu ihrem 60. Geburtstag von seinem Freund, dem Bildhauer Bacher, über dem Portal ihrer neuen Wohnstätte als besondere Geburtstagsüberraschung eine imposante (eindeutig weibliche!) metallische Drachenfigur anbringen, die hinter Gitterstäben gleichsam in Schranken gehalten wird. Marie Engelhart soll’s mit Humor genommen haben. Das Haus erhielt sehr bald die naheliegende Bezeichnung „Drachenhaus“. Doch von Anfang an wussten eigentlich nur die Eingeweihten um des Namens tiefere Bedeutung. Josef Azizi
Marie Engelhart (geb. Apfelthaler)
Marie Engelhart, geb. 1842, Bildnis von Josef Engelhart
Josef Engelhart mit seiner Mutter und dem Maler Hohenberger, 1903
Marie Engelhart im Alter von 85 Jahren, Josef Engelhart 1927
Im Haus Nr. 13 gab es eine wunderschöne Treppe, bei der jedes zweite Paneel ein Familienmitglied darstellte. Im 1. Stock befand sich eine Glasveranda, welche die Wohn- von den Gesellschaftsräumen trennte. Den Kindern war es streng verboten, bei Besuch die Gesellschaftsräume zu betreten. Eines Tages organisierte Josef Engelhart rund um die berühmte Mata Hari eine große Abendgesellschaft. Extra dafür wurde von ihm ein Brillantcollier geliehen, mit dem „bekleidet“ sie tanzen sollte. Liesi und Susi schlichen hinüber, um das Verbotene zu erspähen. Susi versteckte sich in einer großen chinesischen Vase, die dann zertrümmert werden musste, um das Kind wieder herauszuholen. Mitten in der Vorführung erschien ein preußischer Offizier, machte der Hari eine riesen Szene, schnappte sie und transportierte sie mit seiner Kutsche ab. Nachdem der Schreck abgeklungen war, stellte Josef fest, dass sie ja noch das Brillantcollier umgelegt hatte. So verbrachte er daraufhin die Nacht vor ihrem Zimmer im Hotel Imperial, um sicher zu stellen, dass sie mit dem wertvollen Schmuck nicht entkommen könne. Das Collier konnte ihr schlussendlich wieder abgenommen werden.
Der Hof der Steingasse war mit sechseckigen, glasierten, roten Terakotta-Pflastersteinen belegt. Von ihm aus gelangte man in den Garten, auf dessen einer Seite man zum Mautner Markhof´schen Park blickte. Michel und seine Geschwister durften aufgrund eines Verbotes ihres Vaters nicht mit den Kindern von Edita und Koloman Moser spielen, sondern mussten sich heimlich mit ihren Cousins treffen, die am angrenzenden Grundstück wohnten, neben dem sich auch eine überdachte funktionstüchtige Kegelbahn befand.
Hof der Steingasse 13, Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
Hof der Steingasse 13, Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
Im Engelhart´schen Haushalt herrschte bei Tisch eine strenge Sitzordnung, bei welcher der Sohn zur Rechten seines Vaters sitzen musste. Michel, beim Sprechen immer mit den Händen wild gestikulierend, hatte dabei die regelmäßige Angewohnheit, das Weinglas des Vaters umzustoßen, welcher mit einem cholerischen Tobsuchtsanfall reagierte. Einmal bei Tisch, erlitt er einen Erstickungsanfall durch eine im Rachen steckende Fischgräte, die ihm von der tatkräftigen Schwester Liesi kurzerhand mit ihren kleinen Kinderhänden aus dem Schlund gezogen wurde. Diese „Lebensrettung“ bestärkte nochmals die enge Beziehung des Geschwisterpaares.
Susi, Maridl, Christl, Doris, Josef, Michel, Gouvernante, Liesi, Frl. Sophie Wendisch (von li. vorne nach re.), in der Steinbasse Nr. 13, 1907
Josef und Michel waren die zwei einzigen männlichen Wesen im Haushalt gewesen. Ansonsten gab es lauter Mädchen, welche bei Großmutter Apfelthaler in der Rangordnung wenig bis gar nicht zählten. Ihren Augenstern Michel pflegte sie mit „Wo ist mein Golddiamant?“ zu rufen, wobei sie die Enkeltöchter keines Blickes würdigte, was diese zum Teil nachhaltig traumatisierte. Wie man sich vorstellen kann, entwickelte sich Michel nicht zuletzt dadurch, seinen Schwestern gegenüber als äußerst dominant. Besondere Zuneigung empfand er jedoch für Liesi, mit der er von Kindheit an die engste Beziehung pflegte.
Maridl, Susi, Liesi und Christl Engelhart, 1911
Grafik von Michel Engelhart für seine Schwester Liesi, die immer darauf hoffte, nur fälschlicher Weise bei den Engelharts gelandet zu sein und davon träumte, dass sie ihr „wahrer Vater“ eines Tages finden und heimholen würde.
Die nächst jüngere Schwester Christl war von beiden schon weit weniger ernst genommen, wurde sie doch als „Spielpuppe“ betrachtet, die sie wenig sorgsam behandelten. So schleiften sie sie beim Spielen oft die Treppe mit hinunter, wobei sie unter anderem auch unvermeidlicher Weise immer wieder mit dem Kopf auf den Stufen aufgeschlagen war. Zitat Christl aus späteren Tagen: „Kein Wunder, dass ich nicht so g´scheit bin, wie die beiden anderen.“
Christl Engelhart, 1901
Christl Engelhart, 1903
Spielzeugschiff von Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
Seine Schulzeit absolvierte Michel im humanistischen Gymnasium in der Kundmanngasse in 1030 Wien, welche ihn nachhaltig geprägt hatte. Lebenslang liebte er Altgriechisch und Latein und die Sagen und Geschichten des Altertums. Beim Spielen in einer Pause stolperte einmal versehentlich ein Kind über seinen Fuß. Unglücklicher Weise ein Erzherzog, wobei Michel daraufhin fälschlich beschuldigt wurde, absichtlich einem Mitglied des Kaiserhauses das „Haxl“ gestellt zu haben. Daraus entwickelte sich ein riesen Skandal mit Disziplinarverfahren, was den Monarchisten Michel lebenslang belastete und zu schaffen machte.
Nach der Matura, blutjung, rückte er in den 1. Weltkrieg ein. Erst in der Grundausbildung das Reiten erlernend, erwies er sich dabei als so talentiert, dass ihm in Folge die Bereiterei der Offizierspferde anvertraut wurde. Zuerst war er an die russische Front abkommandiert, wobei er einmal damit beauftragt wurde, über ein russisch kontrolliertes Sumpfgebiet eine wichtige Nachricht zu den österreichischen Linien auf der anderen Seite zu bringen. Im Sumpf verlor das Pferd den Halt, versank bis zum Bauch vollends im Morast, konnte aber mit Michels unermüdlichem Einsatz wieder Tritt fassen, sodass er doch noch die Linien durchqueren und die Botschaft überbringen konnte. Für diese enorme Leistung und tapfere Tat wurde ihm die Silberne Tapferkeitsmedaille verliehen. Diese symbolträchtige Honorierung, die auch noch in der Zweiten Republik mit einer monatlichen kleinen Zuwendung gewürdigt wurde, erfüllte ihn bis zu seinem Tod mit großem Stolz.
Michel Engelhart, Weihnachten 1915
Liesi und Michel Engelhart, Weihnachten 1915
Nachdem Russland ab 1917 kein Kriegsgegner mehr war, wurden die Truppen an die Südfront gegen Italien verlegt. Dort hatte sich dann auch Michel zum historischen Zeitpunkt befunden. In einer uneinnehmbaren Stellung – die sich im Tal befindliche italienische Armee hätte keine Chance gehabt. Das einzige Problem war der Nachschub, der zwar für die Ungarn funktioniert hatte, nicht jedoch für die Soldaten der österreichischen Reichshälfte. Im Herbst 1918 wurde – drei Tage vor dem offiziellen Waffenstillstand zwischen Österreich und Italien – den Österreichern jedoch der Befehl erteilt, das Feuer gegen die Italiener einzustellen. Die österreichischen Truppen, die sich problemlos noch lange hätten halten können, aber dem Befehl gehorchen mussten, wurden in Folge von den Italienern zurückgedrängt. Nur dadurch konnte Südtirol in italienische Hand fallen! Tausenden Soldaten, darunter auch Michel, wurde durch diesen falschen Befehl ein tragisches Schicksal zuteil. Auch er hatte sich am Tag des Inkrafttretens hinter den feindlichen Linien befunden und geriet so in italienische Kriegsgefangenschaft, die sich schrecklich auswirkte. Unterverpflegung, Krankheiten und Kälte machte die folgenden Monate für alle zur Hölle.
Als er dann endlich zurückkehrt war, wollte er seiner geliebten Schwester Liesi, die sich in der Zwischenzeit mit Robert Ettenreich, dem anerkannte Physiker, Universitätsprofessor und Mitbegründer der Wiener Radiowerke vermählt hatte, ein Hochzeitsgeschenk machen. In Ermangelung finanzieller Mittel, verzierte er die Türen eines alten Schrankes mit den Schattenrissen des frischgetrauten Ehepaares.
Hochzeitsgeschenk für Liesi Ettenreich von ihrem Bruder Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
Schattenriss von Michel Engelhart am Kasten für seine Schwester Liesi Ettenreich, Sammlung Josef Azizi
Liesi Ettenreich (geb. Engelhart) mit Tochter Dorothea, Michel Engelhart 1921, Sammlung Josef Azizi
Seine musikalische Begabung drückte sich im Cello Spiel aus, das er auf dem von seinem Vater gespendeten Instrument (das sich heute im Besitz und Gebrauch seine Großneffen Josef „Jussi“ Azizi befindet) vorzüglich beherrschte. Dieses Cello, respektive sein Kasten, diente seiner Mutter auch im jährlichen Italienurlaub zum Schmuggeln von Kaffee über die österreichische Grenze.
Michel, selbst künstlerisch hochbegabt, durfte seiner Neigung zur bildenden Kunst aufgrund eines Verbots seines Vaters beruflich nicht nachgehen. Obwohl er das große Talent seines Sohnes immer zu ignorieren verstand, spannte er ihn aber doch einmal kurzerhand ein, um einen Auftrag, den er zwar annehmen musste, aber unter seiner Würde ansah, für ihn auszuführen. Er betraf die Restaurierung eines Bildes. Michel, der dies nie erlernt hatte (Joseph hatte ja jegliche diesbezügliche Ausbildung strikt untersagt), stand nun mit einem entsprechenden Lehrbuch vor dem Gemälde und ging den darin abgebildeten Vorgang Schritt für Schritt durch. Plötzlich jedoch, nachdem er die Fixiermittel ordnungsgemäß abgetragen hatte, begann das Bild vor seinen Augen langsam zu zerrinnen. In seinem Schock drehte er das Bild kurzerhand um, damit die Farben mit Hilfe der Schwerkraft wieder zurückfließen konnten. Kaum waren sie an der seiner Meinung nach richtigen Stelle, fixierte er sie rasch wieder und schob den Auftrag weit von sich. Weder Joseph noch irgendjemand sonst waren jemals dahinter gekommen.
Michel begann also ein Studium an der Technischen Hochschule für Architektur, wurde Dipl. Ing. Dr. Tech. und verfasste seine Dissertation über das Dach des Wiener Stephansdoms. Er erstellte dessen Pläne (die Originalpläne aus dem Mittelalter waren schon längst verschollen gewesen), wobei er es persönlich erklimmend, vermessen hatte. Diese Pläne sollten beim Wiederaufbau des Doms nach 1945 eine wichtige Rolle spielen. Als der Stephansdom abgebrannt war, lädt Kardinal Innitzer Michel zu einem Gespräch und beauftragt ihn mit dem Wiederaufbau. Mitten im Gespräch geht Türe auf, herein kommt der Dombaumeister – Innitzer springt auf, geht auf diesen zu und meint vor Michel „Mein Lieber, gerade habe ich mit dem Professor besprochen, dass ich SIE mit dem Aufbau beauftrage“. Michel war von Innitzers Opportunismus tödlich getroffen. Seine Pläne wurden dennoch herangezogen. Innitzer und Michel kannten sich von dessen Jugend an, da Josef Engelhart mit dem Kardinal in einer gemeinsamen Tarockrunde spielte. Nach dem Tod des Vaters hatten beide weiterhin Kontakt gehalten. 1938, nach dem Anschluss, kam es zu einer riesigen Demonstration der katholischen Jugend gegen den Nationalsozialismus. Die HJ stürmte daraufhin das Erzbischöfliche Palais und stürzte den Sekretär des Kardinals aus dem Fenster, was Innitzer dazu veranlasst hatte, der Bewegung etwas differenzierter gegenüber zu stehen. Michel, beim nächsten Besuch, wurde vom Kardinal dann unvermittelt in dessen Räumlichkeiten geführt und durch eine Geheimtür zu einem Kasten, der Zivilkleidung enthielt. „Dies ist für den Notfall“, meinte Innitzer zu ihm.
Josef Engelhart, deutschnational aber nicht nationalsozialistisch, hatte im Zuge der Los-von-Rom-Bewegung, von einem Tag auf den anderen beschlossen, dass die ganze Familie zum evangelischen Glauben konvertieren müsse. Die drei jüngsten Kinder wurden daher bereits evangelisch getauft, alle Kinder evangelisch erzogen. Liesi trat nach dem 2. Weltkrieg wieder der katholischen Kirche bei, da ihr Mann Robert Ettenreich ansonsten durch die Ehe mit einer Evangelischen von den Sakramenten ausgeschlossen geblieben wäre.
Michel jedoch blieb lebenslang evangelisch und ehelichte Gertrude Heller (Tochter des Dr. Richard Heller, des Leibarztes von Anton Bruckner) in der evangel. Kirche in Salzburg. Der frisch gebackene Akademiker reiste mit seiner Frau nach Rumänien, wo er sich in der Unterkunft stolz als „Doktor“ eingetragen hatte. Am kommenden Morgen stand eine Menschenschlange vor der Tür des Gasthauses, um sich vom „Arzt“ kurieren zu lassen. Um nicht als Hochstapler zu gelten, machte er gute Miene zu bösem Spiel und gab harmlose medizinische Empfehlungen, bevor er Hals über Kopf den Ort verließ. Die nächste Unterkunft, in Siebenbürgen, war heillos verwanzt und die frisch angetraute Braut verbrachte die ganze Nacht mit angezogenen Beinen sitzend im Bett unter aufgespanntem Regenschirm, der die von der Decke fallenden Wanzen abhalten sollte.
Ein Leben lang kaisertreu und konservativ, war Sozialdemokratie – wie in der gesamten Familie üblich – ein rotes Tuch, Nationalsozialismus geradezu verhasst. 1938 wurde er als Vierteljude eingestuft und mit einem Berufsverbot belegt. Beim Frick am Graben trifft er einen Kriegskameraden aus dem 1. Weltkrieg, Baron Pinschof, der ihm auf die Frage nach seinem Befinden antwortete: „Ich warte auf´s 4. Reich“. Dank des Zusammenhaltes der Großfamilie Mautner Markhof, konnte er sich in den Kriegsjahren finanziell über Wasser halten. Z. B. erteilte Manfred I. ihm 1941 den Auftrag die Broschüre für das Jubiläumsjahr der Brauerei Schwechat zu gestalten.
Jubiläumsbroschüre Brauerei Schwechat, Grafik Michel Engelhart
Jubiläumsbroschüre Brauerei Schwechat, Grafiken Michel Engelhart
Jubiläumsbroschüre Brauerei Schwechat, Grafiken Michel Engelhart
Jubiläumsbroschüre Brauerei Schwechat, Grafiken Michel Engelhart
Jubiläumsbroschüre Brauerei Schwechat, Grafiken Michel Engelhart
Jubliäumsbroschüre Brauerei Schwechat, „Braunnen“, Grafik Michel Engelhart
Jubliäumsbroschüre Brauerei Schwechat, „Bratpfannen“, Grafik Michel Engelhart
Jubliäumsbroschüre Brauerei Schwechat, „Kühlschiffe“, Grafik Michel Engelhart
Jubiläumsbroschüre Brauerei Schwechat, Grafiken Michel Engelhart
Jubiläumsbroschüre Brauerei Schwechat, Impressum
Prof. Dr. Michael Engelhart war nicht nur Architekt, ordentlicher Hochschulprofessor für Geschichte der Architektur, als Denkmalschutzexperte maßgeblich am Wiederaufbau zerstörter Gebäude beteiligt, sondern auch Maler, Zeichner und Designer. Unter anderem entwarf er Bücherregale, Bücherkästen (aus Nussbaum für die Familie Harmer) und ein überlanges Bett ohne jeglichen Nagel, das sich so mühelos auf- und abbauen lässt.
Prof. Dr. Michel Engelhart
Bücherregal Design Michel Engelhart
Auch war Michel, so wie seine Schwester Liesi, literarisch sehr begabt. Zu den verschiedensten Familienanlässen verfasste er passende Gedichte. Als z. B. Cousine Mizzi den Notariatsanwärter Albert heiratete, dichtete er in Anlehnung an die damals bekannte Keksfabrik „Albert“: „Schon als Mädchen tät´ sie beißen in die Keks, die Albert heißen“. Auch fand ein in Versform gehaltenes balladenartiges Melodram, in dem er ironisch die Vorkommnisse im Zusammenhang mit der Hochzeit seiner Nichte Beatrice (Spornberger) verarbeitete, innerhalb der Familie großen Beifall. Anlässlich des 95. Geburtstages seiner Mutter Doris lud er zum Festessen in den großen Jugendstilsalon der Steingasse. Nicht die gesamte Familie, sondern nur die Jubilarin, seine Schwestern und als einzigen männlichen Vertreter seinen Großneffen Jussi Azizi ein. Die Eigendynamik dieser hauptsächlich weiblichen illustren Runde gipfelte in einem riesen Tumult und Geschrei, als Michel seine Rede damit begonnen hatte, der bereits schwerhörigen Mutter lauthals entgegenzuschmettern: „Liebes „Mäunchen“, ich wünsche dir, dass du mich noch viele Jahre überlebst“. Die enorm empörten Schwestern fielen daraufhin unisono über ihn her und Doris blieb verdutzt und ratlos in ihrer Mitte sitzend über. Der weitere Inhalt der Rede blieb für immer ein Geheimnis.
Er hatte die Häuser Steingasse 11 und 13 geerbt und auch lebenslang in ihnen gelebt. Im oberen Stock von Haus Nr. 11 befand sich sein Atelier, indem er die Pläne für Burgtheater, Palais Schwarzenberg, Kuppel Stift Melk, Tiergarten Schönbrunn denkmalschützerisch überarbeitete. Eine Wohnung direkt unter dem Atelier war an Ingrid Haebler, die weltberühmte Pianistin vermietet, welche naturgemäß viele Stunden am Tag üben musste. Völlig entnervt davon, kaufte sich Michel eine Kindertrompete, in die er wild hineinprustete, sobald die Haebler wieder zu spielen begann. Einmal so lange, bis er einen Blutsturz bekam. Jahre später bekannte Haebler seinem Großneffen Josef Azizi gegenüber, dass sie von den provozierten „Störungen“ nie etwas mitbekommen hätte. In der Steingasse wurde auch ein Hausmeister beschäftigt, ein Straßenbahner und Betriebsrat, laut Michel ein „Sozi“, der dort lebe wie „die Made im Speck“. Herr Denk, ein Faktotum, bewohnte das Parterre.
Nach seinem Tod gingen Steingasse 11 und 13 an seine Universalerbin, Dorothea „Dorli“ Azizi (geb. Ettenreich), der Tochter seiner geliebten Schwester Liesi, über. Diese musste sie jedoch veräußern, um die Legate bedienen zu können. Nach dem Tod seiner Frau, war Michel mit der Stv. Präsidentin des Bundesdenkmalamtes, Frau Dr. Tripp, eng befreundet gewesen. Dank ihr konnten die Immobilien aus dem Denkmalschutz befreit werden, um sie liquidieren zu können. Sie wurden von der Raiffeisen Bank erworben. Diese ließ sie abreißen und auf ein Hochhaus folgte ein Wohnhaus. Das große gläserne Atelier Josef Engelharts im Garten blieb unter Denkmalschutz erhalten und Michel hatte es noch zu Lebzeiten an den Antiquitätenhändler Asenbaum verkauft, der sich darin wohnlich einrichtete. Ehefrau „Trudl“, aus wohlhabenden Verhältnissen stammend, hatte ein Landhaus in Hallstatt, das „Uselhaus“, eines der drei ältesten Liegenschaften des Ortes geerbt. Da die Ehe leider kinderlos geblieben war, war es nach ihrem Tod auf Michel übergegangen, der es aber unter dem Druck hoher eigener Genesungskosten veräußern musste. Jahrelang hart arbeitend und kettenrauchend, hatte er sich schwere Lungenschäden zugezogen und musste in den letzten Jahren seines Lebens viel Geld für entsprechende Behandlungen ausgeben. U. a. verbrachte er ein halbes Jahr in einem Sanatorium in Basel (wo er sich auch einer Lungenoperation unterzogen hatte) und kurte in Arosa.
Dorothea „Dorli“ Azizi (geb. Ettenreich), gezeichnet von ihrem Onkel Michel, Sammlung Josef Azizi
Für seine Leistungen im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der historischen Bauwerke wurde ihm als ersten Träger das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst verliehen. Das grafisches Gesamtwerk seines Nachlasses wurde von der Albertina als so wertvoll erachtet, dass sie es in ihre Bestände übernommen hat.
Zu Michel Engelharts Eigenschaften sei gesagt, dass neben seinen künstlerischen und dichterischen Begabungen und einem subtilem Humor auch verwöhnt, jähzornig, pedantisch, cholerisch und egozentrisch dazuzählten. Wie Leute meinten, spiegelten sich viele dieser Züge in seinen Hunden (er hielt sich immer Foxterrier, die alle „Schnipfi“ hießen) wider. Mautner Markhof blieb er stets verbunden, er trug bis an sein Lebensende den Adelsring seiner Mutter.
Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
„Frühlingssturm“, Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
Weihnachtskarte 1962, Michel Engelhart, Sammlung Josef Azizi
Emy Bertele v. Grenadenberg und Colin Everard
/in Georg II. Anton Mautner von Markhof /von Beate HemmerleinEmy Everard, geb. Bertele v. Grenadenberg
Colin Everard
Emy Bertele von Grenadenberg (*Wien 6.3.1932, † Wien 18.12.2023) wurde als das zweite von sieben Kindern der Marceline Mautner v. Markhof und des Hans Bertele v. Grenadenberg geboren. Gemeinsam mit den Eltern und ihren Geschwistern Otto, Marceline „Marcy“ (verehel. McMichael), Hans, Elisabeth „Lisl“ (verehel. Naqvi), Ursula „Ucki“ (verehel. de Allendesalazar) und Ulrich „Uly“ übersiedelte sie 1947 nach England. Am 27.9.1958 heiratete sie den Engländer Colin Everard (*London 14.11.1930) in Nairobi, den sie zuvor im Zug nach Tirol kennengelernt hatte. Ihrer Ehe entsprangen vier Töchter. Nach dem Ableben der Eltern zogen Sie in die „Corti-Wohnung“ im dritten Stock des Franziskanerplatzes, die Wohnung, die einst das Zuhause von Gertrude und Egon Conte Corti gewesen war.
ERINNERUNGEN VON UCKI AN IHRE SCHWESTER EMY, Madrid, 7. März 2025
Ich lernte meine Schwester Emy erst Mitte August 1947 in England kennen, als ich bereits fünfeinhalb Jahre alt war – und sie sechzehn. Bereits vierzehn Tage davor war sie mit unserem Vater dorthin gereist, um ihm bei den letzten Vorbereitungen für die Übersiedlung der ganzen Familie aus Österreich zu helfen (außer dem jüngsten Bruder Uly, der noch in Gaaden bleiben sollte). Sie war das Zweitälteste der Kinder und schon damals ein äußerst verantwortungsvolles Mädchen. Gemeinsam mit Baba (wie wir unseren Vater nannten), stand sie also abends am Bahnhof in London, um uns alle abzuholen. Schwester Liesl und ich hätten dort netterweise gleich für die ersten Wochen von einer Pflegefamilie übernommen werden sollen, um zu Beginn die Last einer vielköpfigen Familie für Mutti etwas zu erleichtern. Liesl nahm die bevorstehende Trennung ohne Murren hin, ich aber brach angesichts einer solchen in Tränen aus und sträubte mich mit Händen und Füssen dagegen. Hatte ich ja meine Eltern und Geschwister erst vor kurzem kennengelernt (ich war die ersten Jahre meines Lebens in Gaaden, bei der lieben Omi, gut aufgehoben gewesen).
So kamen wir nachts in unserem neuen Haus in Purley an. Und damit begann mein Zusammenleben mit Emy, der ich als ihr “Zimmerkind” zugeteilt wurde. Ihr war es gegeben, auf mich aufzupassen und mich zu leiten. Sie war meine „Zimmerfrau“, so hieß es. Wir teilten das hübsche, helle Zimmer im obersten Stock, das Richtung Garten schaute, auf einen großen Zierkirschenbaum, der im Frühling, vollkommen mit weißen Blüten bedeckt, immer so herrlich blühte. Wir hatten die beste Aussicht. Emy betreute mich ab diesem Zeitpunkt mehrere Jahre lang riesig liebevoll und das schmiedete ein Band der immerwährenden Liebe – und Dankbarkeit meinerseits – zwischen uns.
Der Arbeitsaufwand für Mutti war immer enorm, aber Emy stand ihr bei allem großartig bei, was auch wirklich eine ganz bewundernswerte Leistung war. Zirka drei Wochen nach unserer Ankunft begann im September die Schule. Wir vier Mädel gingen alle in dieselbe Klosterschule, St Annes. Emy und Marci in die Grammar School, Liesl und ich in die Primary School. Emy stieg gleich in der dritthöchsten Klasse ein und schloss bereits nach zwei Jahren ihr Studium mit Auszeichnung ab. Danach ging´s mit einem Stipendium am Kings College/London weiter, wo sie ihr Studium mit Zoologie begann, um sich danach auf Entomologie – Insektenkunde – zu spezialisieren (davon noch später).
Im England der Nachkriegsjahre herrschte strenge Rationierung, teilweise bis 1955. Fleisch aßen wir nur einmal in der Woche, am Sonntag. Aus Wien wurden Mutti Paprika geschickt und sie machte öfters ein Kartoffelgulasch und fügte zur Geschmacksverbesserung Speckrindel dazu. Emy machte gerne Guglhupf, immer nur mit einem Ei. Und da es bei uns zu Hause oft etwas zu feiern gab (außer den kirchlichen Festtagen auch die Geburts- und Namenstage einer Großfamilie) zauberte sie trotz der spärlich vorhandenen Zutaten, wie durch ein wahres Wunder, immer irgendwelche Mehlspeisen hervor.
Nach eineinhalb Jahren wurde dann auch der kleine Uly, von einer jungen Steirerin, die als Haushaltshilfe und Kindermädchen dienen sollte, nach England gebracht. Aber sie taugte zu keinem der beiden und verlies uns bald wieder. So blieb die Arbeit für Emy weiterhin groß. Auch im Garten hatte sie ein stattliches Blumenbeet zu betreuen.
Phantastisch beherrschte sie auch die Kunst des Nähens. An nur einem Nachmittag konnte sie ein Kleid für Liesl oder mich fertigen. Etwas, das ich, als ich später selbst zu nähen begann und bei Singer einen Kurs besuchte, nie begreifen konnte. Gut erinnere ich mich an ein hell türkisgrünes Taffetakleid mit Rüschen, das sie für mich anlässlich einer Kinderparty nähte und viele weitere Alltagskleider.
Als Emys Studium am Kings College begann, reiste sie jeden Morgen mit dem Zug nach London und kam am späten Nachmittag zurück. Von einem Teil ihrer ersten Stipendiumsgelder kaufte sie mir einmal ein silbernes Kettenarmband, das ich bis heute besonders schätze und das nun mit lauter kleinen Charms behangen ist.
Als unser ältester Bruder Otto heiratete und auszog, übernahm Emy sein schönes Zimmer mit Zugang auf die große Terrasse, die auf die Rückseite unseres Gartens blickte. Wie alle Zimmer dieses Hauses, welches aus der Viktorianischen Zeit stammte, hatte jedes Zimmer seinen eigenen Kamin. Da die später eingebaute Zentralheizung nicht funktionierte, wurde sonntags im Wohnzimmer der Kamin geheizt. In Küche und Speisezimmer waren Dauerbrenner mit Koks. Für Emys kleinen Kamin holte ich Kohle aus dem Keller, machte Spandeln, schleppte alles hinauf, heizte an und blieb dann auch schön bei der Wärme sitzen, da es oben im Zimmer, das ich nun mit Liesl teilte, kalt und feucht war. In Emys Zimmer war auch ihr Plattenspieler, auf dem ich gerne ihr Schallplatten hörte.
Sehr intensiv widmete sie sich dem Studium der Entomologie. Sie nahm gerne an Studienausflügen teil, war gesellig und schloss nette neue Freundschaften unter den Studenten und sonst wo. In einem Jahr hatte sie mit dem Studium der gefürchteten Wüsten-Riesenheuschrecken (locusts, desert locusts) begonnen, die vor allem in Afrika so verheerende Schäden anrichten. So viel ich mich erinnere, kam Emy einmal am Ende eines der Sommer Trimester, mit einer sehr großen, eher flachen Kartonschachtel nach Hause. Drinnen saß ein einsamer Riesenheuschrecke. Allerdings farblich nicht braun-beige wie das Wüsteninsekt, sondern einfarbiges grün wie das einer unreifen Zitrone. Wir staunten alle. Emy brachte die Schachtel im dunklen Gästezimmer, das gegenüber von meinem Zimmer lag, unter. So fiel es mir zu, das Insekt zu füttern. Da ich bereits zweimal täglich mit der Sichel Gras für unsere Hasen schnitt, bekam der Heuschreck auch etwas davon ab. Sehr lange überlebte er, glaube ich, nicht unter meiner Obhut, an die genauen Umstände kann ich mich nicht mehr erinnern.
Emys Interesse und Vorliebe für Heuschrecken kann man rückblickend als schicksalhaftes Vorzeichen betrachten, da sie ein paar Jahre später Colin Everard, den “Heuschreckenjäger”, wie er bei uns zuhause zur allgemeinen Erheiterung genannt wurde, heiratete.
Ihr Studium am Kings College schloss Emy mit einem “Upper Second”, der zweithöchsten Auszeichnung in der Rangordnung blendend ab. Das bedeutete aber in England keineswegs ein Karriere-Sprungbrett für eine besonders begabte Akademikerin. Was wurde also aus Emy? Sie wurde Sekretärin bei der Londoner Niederlassung von DuPont de Nemours.
Emy war sehr hübsch, hatte schöne Beine von Mutti geerbt und eine gute Figur, die etwas ins Mollige neigte. Sie und Marci waren einige Zeit immer mit Abmagerungskuren beschäftigt. Emy hatte ein helles Lachen, war mit viel Sex-Appeal gesegnet und wirkte auf Männer höchst anziehend. Sie hatte viele “Boyriends” und war selbst einige Zeit sehr in ihren Chef verschossen. Einmal schickten die Eltern Emy und Marci zum Wiener Fasching und Muttis zwei jüngsten Brüder (Peter und Bili) nahmen sich damals sehr nett der beiden an.
Im letzten Jahr, in dem es noch Sitte war, dass Königin Elisabeth die Debütantinnen der Saison empfing, war auch Emy, dank der Befürwortung des damaligen österreichischen Botschafters Johannes Schwarzenberg, der Königin anlässlich des glänzenden traditionellen Ereignisses vorgestellt worden.
Als Emy dann schon bei Dupont war, nahm sie sich einmal im Februar Urlaub, um ihre Freundin Almuth zum Skifahren in Kitzbühel zu treffen. Baba begleitete sie zur Station und kaufte ihr zur Zerstreuung ein paar der klassischen englischen Illustrierten für die Reise. Emy legte sie auf die Sitzbank im Coupée und unterhielt sich mit Baba noch bis kurz vor der Abfahrt draußen am Bahnsteig. Als sie ins Coupée zurückkehrte, saß dort nun einen junger Mann, der eifrig in ihren Illustrierten las: “Wie kommt es, dass Sie sich erlauben, sich einfach meine Zeitschrift anzueignen?” sagte sie in eher schroffem Ton. Emy erhielt ihre Zeitschrift zurück, der Zug fuhr ab und es stellte sich alsbald heraus, dass der junge Mann, der sich als Colin Everard vorstellte, ebenfalls auf Skiurlaub nach Österreich fuhr – und zwar ins benachbarte Fieberbrunn. Dieser Skiurlaub in Kitzbühel sollte gleich den Grundstein für zwei Liebesgeschichten legen, denn zur selben Zeit war auch Onkel Peter Mautner Markhof dort und verliebte sich in Emys bildschöne deutsche Freundin Almuth…
Emy Bertele v. Grenadenberg, fotografiert von Colin Everard im Zug nach Tirol, 1957.
Colin hatte langen Urlaub von seiner Arbeit in Ostafrika und kam uns in Purley besuchen. Er erzählte eingehend von seiner Tätigkeit, die aus der Ausrottung der periodischen einfallenden riesigen Wüstenheuschrecken bestand, die so maßlosen Schaden anrichteten und für Hunger und Elend der Bevölkerung sorgten. Bei allem Ernst, wurde Colin bei uns aber den Namen “der Heuschreckenjäger” nicht mehr los.
Colin Everard als junger „Heuschreckenjäger“ in Afrika
Emy und Colin heirateten Ende September 1958 in Nairobi. In ihrer Hochzeitsreise erklommen sie dann gleich den Kilimanjaro.
Emy und Colin nach ihrer Trauung in Nairobi
Emy Everard geb. Bertele v. Grenadenberg
Emy und Colin Everard auf dem Gipfel des Kilimanjaros, 1958
Emy und Colin Everard als junges Paar.
Die erste ihrer vier Töchter kam im darauf folgenden Jahr, zwei Monate verfrüht, im Spital Redhill, welches sich in der Nähe unseres Wohnortes Purley befand, zur Welt. Die “kleine Emy” wog bei ihrer Geburt kaum 1,5 Kilo und blieb lange Zeit im Brutkasten und mit ihr Emy im Spital. Ich ging damals noch zur Schule, und wenn Colin, dessen Eltern in Nord London wohnten, bei uns vorbeikam, viel es mir öfters zu, ihn zu betreuen. Ich bereitete ihm fast immer Bratwürstel, die bekannten „Walls Pork Sausages“, die eine seiner Lieblingsspeisen waren und von mir keine großen Kochkünste erforderten.
Als beide Emys schließlich aus dem Spital entlassen werden konnten, waren sie bald darauf am Weg nach Nairobi, wo Colin sie bereits sehnsüchtig erwartete. Noch drei Mädchen sollten Emy und Colin geschenkt werden, ehe sie Afrika endgültig verließen. Mehrere Jahre Montreal/Canada folgten, bevor sie sich nach Colins Pensionierung am Franziskanerplatz, in der ehemaligen Corti Wohnung, niederließen. Dort, wo Mutti und Baba ihre so schönen und glücklichen letzten zwanzig Jahre verbracht hatten.
Colin Everard in Uganda
Emy Everard auf ihrem Jeep mit dem Kennzeichen ihres Geburtstages (6.3.´32) und ihren geliebten Hunden.
Emy Everard in Afrika
Kurz vor Montreal hatten Emy und Colin mich und José Manuel zu Weihnachten in Washington DC besucht. Ihre jüngste Tochter war damals noch ein Baby. Wir hatten es riesig nett zusammen. Im Februar fuhren wir mit einem Greyhound Bus hinauf nach Canada und besuchten sie in ihrer noch provisorischen Wohnung. Die zwei älteren Mädchen verbrachten ihre anschließenden Sommerferien bei uns. Dann, im Jahr drauf, wieder im Februar, fuhren wir erneut nach Montreal, unser letzter Besuch vor José Manuels Versetzung nach Stockholm. Bei diesem Besuch war Emy, wie immer, die liebevollste und fürsorglichste Schwester. Auch die beste Hausfrau, die man sich vorstellen kann. Sie gab für uns ein prachtvolles Diner mit netten, interessanten Freunden. Es war gerade diese Tage recht warm für dortige Verhältnisse. Tauwetter und fast kein Schnee. José Manuel hatte an einem jener Tage beiläufig, eher spaßhaft zu Emy gemeint: “Schade mit dem Wetter. Ich hätte so gerne einen Blizzard (Schneesturm) erlebt.” Am selben Abend, gegen Mitternacht, wir waren schon im Bett und hatten das Licht ausgelöscht, kam Emy im Nachthemd zu uns hereingestürzt und schrie in größter Aufregung: “José, ein Blizzard, ein Blizzard!!!” Und tatsächlich, es war ein wüster, wilder Blizzard, der aber nicht einmal fünf Minuten dauerte. Wir kamen aus dem Lachen nicht heraus und der Augenblick bleibt mir unvergesslich.
Emy und Colins Haus in Montreal
Später, als Emy und Colin die Wohnung am Franziskanerplatz bezogen hatten, luden sie uns immer herzlich ein bei ihnen zu wohnen, wenn wir nach Wien kamen. Lauter wunderschöne Erinnerungen, die mich mit meiner lieben Schwester auf immer und ewig verbinden, sind auch damit verbunden.
Emy Bertele von Grenadenberg mit Bruder Otto, 1936
Emy Everard mit 3 ihrer Töchter, José Manuel und Schwester Ucki de Allendesalazar (rechts), Weihnachten 1971
Emy und Colin Everard mit 3 ihrer Töchter und Schwester Ucki de Allendesalazar (rechts), Weihnachten 1971
Emy Everard geb. Bertele v. Grenadenberg
Emy Everard an ihrem 70. Geburtstag, 2002
Emy Everard (geb. Bertele von Grenadenberg), 2008
Emy Everard an ihrem 80. Geburtstag, 2012
Emy Everard (geb. Bertele von Grenadenberg), 2015
Colin Everard war ab seinem 24. Lebensjahr für die Leitung von Teams in Nordostafrika zur Bekämpfung von Wüstenheuschreckenplagen verantwortlich. Er arbeitete mit Desert Locust Control am Horn von Afrika sowie in Kenia, dem damaligen Tanganjika (heute Tansania) und in Uganda. Als Einsatzleiter war er für die strategische Planung und Leitung von Kampagnen zur Bekämpfung der riesigen Invasionen von Wüstenheuschrecken verantwortlich, um die Landwirtschaft und Viehzucht der Region zu schützen. Anschließend engagierte ihn die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) als Leiter der Logistik, wobei er in Folge 200 Flugsicherheitsprojekte in 100 Entwicklungsländern umsetzte. In den darauffolgenden zehn Jahren leitete und beaufsichtigte er 75 internationale Flugsicherheitsprojekte in Asien und dem pazifischen Raum. Colin wurde dafür mit dem begehrten Gold Award der ICAO ausgezeichnet und ist auch weltweit der einzige geblieben, dem diese Ehrung zuteil wurde. Er lebte in sieben Ländern und hatte aus beruflichen Gründen mehr als fünfzig weltweit bereist. In Anerkennung seiner Dienste für das Land, überreichte ihm der pakistanische Präsident bei zwei Gelegenheiten die „Presidents Gold Medal“. Erst während seines Ruhestands hatte er erfahren, dass seine Karriere von Forschern und Gelehrten als Paradebeispiel analysiert und untersucht wurde; die Einzelheiten und Ergebnisse sind in einer Datenbank in den Bodleian Libraries der Universität Oxford gespeichert. Seine private Leidenschaft war und blieb der Golfsport.
Abschiedsbrief seiner MitarbeiterInnen anlässlich Colin Everards Pensionierung
Ucki Bertele de Allendesalazars Geburtstagswünsche an ihren Schwager Colin anlässlich seines 90. Geburtstages.
Ucki Bertele de Allendesalazars Geburtstagswünsche an ihren Schwager Colin anlässlich seines 91. Geburtstages.
Colin Everard
Seine zahlreichen Eindrücke und Erfahrungen hat er in mehreren Büchern verarbeitet – zuletzt in seinem Abschlusswerk „Stories of Other Worlds“, das er seiner geliebten Emy gewidmet hat. Die Buchpräsentation, zu der Freunde und Familie weltweit angereist waren, fand am 23. Jänner 2025 im Vienna Ritz Carlton Hotel statt.
Colin Everard bei der Präsentation seines Buches „Stories of Other Worlds“, 23.1.2025, Ritz Carlton Vienna
„Storys of Other Worlds“ by Colin Everard, 2025
Widmung von Colin für Emy Everard
Einladung zur Präsentation des Buches „Stories of Other Worlds“ von Colin Everard, 23. Jänner 2025
Press Release zu „Stories of other Worlds“, Colin Everard
Nachruf/Gedenken an Marcus Mautner Markhof
/in Georg II. Anton Mautner von Markhof /von Beate HemmerleinBerührendes und lebendiges Menschenbild. Im Zuge des Ablebens von Marcus Mautner Markhof (*Wien 30.9.1958, † Wien 31.12.2024) gezeichnet von einem Klassenkameraden des Kollegium Kalksburg.
Gedenkkarte Marcus Mautner Markhof
Ein vergilbtes Bild aus dem vergangenen Jahrhundert. Ein Dutzend junger Buben, nach heutigen Begriffen sehr ärmlich gekleidet, aber offensichtlich gut gelaunt. Mitten unter ihnen ein dunkelhaariger Knabe, dessen Gesichtsausdruck verrät, dass er entweder einen Streich gespielt hat oder knapp davor ist wieder einen solchen auszuhecken. Marcus Mautner Markhof (MMM) – es gab in den sieben Jahren des gemeinsamen Internatlebens so gut wie keinen Unsinn an dem „Mausi”, wie er auf eigenen Wunsch genannt wurde, nicht beteiligt gewesen wäre.
Wieder wird bewusst, wie sehr der „harte Kern” (also fast die ganze Klasse) des Maturajahrganges 1977 in den prägenden Jahren des Lebens zusammengewachsen ist. Mausi kam mit einem Jahr Verspätung in das Internat. Der Name Mautner Markhof war damals in Österreich ein Begriff. Die Brauerei Schwechat, der omnipräsente Familienpatriarch Manfred (auch MMM) mit kaiserlichem Backenbart und Rolls Royce, Vater Georg als liberal gesinnter Abgeordneter der FPÖ im Nationalrat, das nach der Stifterfamilie benannte Kinderspital, Senf/Essig und Hefe waren die Säulen von Wohlstand und Bekanntheit.
Marcus tat sich leicht, sich in das anfänglich recht strenge Internatssystem einzufügen, es half die Erfahrung der Zeit in einem bayerischen Internat, der ältere Bruder Quintus und vor allem seine gewinnende Art und das vorurteilslose Zugehen auf Mitschüler, Lehrer und dann später, schon in der Tanzkurszeit, auf die Damenwelt.
In den siebziger Jahren waren geschiedene Ehen eher die Ausnahme. Für Marcus bedeutete das: ein Wochenende beim Vater, ein Wochenende bei der Mutter und zwei Wochenenden pro Monat im Internat. So hat Kalksburg, wie für viele andere, Halt und wohl auch eine Art Zuhause bedeutet.
Jeder Einzelne, der ihn kannte, hat schöne, lustige oder auch berührende Erinnerungen an Mausi. Meine ist unvergesslich: Als mein Vater starb und ich nach einigen Stunden zuhause am selben Tag wieder in das Internat geschickt wurde, war er der Einzige, der auf mich zukam und mich tröstete – der Vierzehnjährige einen Dreizehnjährigen. David Bowies „Space Oddity”, abgespielt auf einer Tonkassette des großen Bruder Quintus, verbinde ich bis heute mit Mausi und mit diesen traurigen Monaten. Damals sprach man kaum über das, was einen bedrückte. Aber zumindest konnte ich ihm einige Wochen vor seinem Tod dafür danken, ohne dass ich wusste, dass es unser letztes Treffen sein würde. Er wollte ja dann „eh auf dem Altkalksburger Ball Bier ausschenken“. Das war Mausi. Traurig haben wir ihn nie gesehen, immer zuversichtlich – auch, als er uns von seiner Krebserkrankung erzählte.
Mausi war cool. Wie kein anderer kannte er den Standort des einzigen unversperrten, das heißt nur angelehnten Fensters, durch das man einsteigen konnte, wenn man erst nach Mitternacht aus der Innenstadt in das eigentlich fest verschlossene Internat zurückkam. Er bestand darauf, dass in Kalksburg ein Kochkurs eingeführt wurde. Das war im Jahr 1976 und in einer Bubenschule bis dahin völlig undenkbar. Beim Fußballspielen gab er im Strafraum immer Vollgas – in alle Richtungen. Mausi war Mittelpunkt jedes Maturatreffens und sehr vielen Kalksburgern, nicht nur den eigenen Klassenkameraden, ein naher Freund, mit dem man sich über so vieles austauschen konnte.
Als wir beide einen Streich zu viel erfunden hatten und wenige Monate vor der Matura gemeinsam aus dem Internat flogen, wurde Marcus jeden Tag aus Simmering von einem Chauffeur in die Schule gebracht und wieder abgeholt. Diesen Fahrer – in dunklem Anzug mit Mütze – und seine Kommentare zur aktuellen Lage kannten wir alle. Marcus ließ uns mit der für ihn charakteristischen Offenheit immer an allem teilhaben. Sei es ein samstägliches Mittagessen im „Coq d’Or“, ein Besuch beim eleganten Herrenfriseur der Innenstadt, die ersten Liebesbriefe, die Eigenheiten der Großfamilie… .
Nach der Schulzeit blieb die Verbundenheit bestehen. Kaum ein Maturatreffen, das Mausi ausgelassen hat. Bis zuletzt war er aktiver Teilnehmer in der, mit manchmal spätpubertärem Eifer betriebenen klasseneigenen Whatsapp-Gruppe.
Marcus hatte nach dem Jus Studium und einigen Lehrjahren das Familienunternehmen im Jahr 1994 von seinem bewunderten und oft von ihm zitierten Vater übernommen. 2002 beschloss die Familie dessen Verkauf. Die Simmeringer Hauptstraße, Heimat von Fabrik und Familie, war nicht mehr.
Mausi blieb in der Nahrungsmittelindustrie. Mit großem Einsatz verschrieb er sich dann dem turnaround der von ihm erworbenen Brauerei Grieskirchen. Kein Gastwirt im oberösterreichischen Hausruckviertel, der ihn nicht gekannt hätte. Stets unermüdlich und optimistisch im Geschäftsleben, stets eine witzige oder auch einfühlsame Bemerkung auf den Lippen, stets zu seiner Meinung stehend – dies oft genug gegen den Zeitgeist.
Seine Frau Martina war zeitlebens Partnerin und beherzte Mitkämpferin in diesem bewegten Leben. Die Kinder Mercedes, Antonia und Georg haben von ihm Charme, Zuversicht und Mut geerbt. Am Silvestertag ist Marcus Mautner Markhof nach langer Krankheit im Kreise seiner Familie friedlich entschlafen.
Leb wohl lieber Mausi! Dein Lachen im Ohr, Dein Verständnis im Herzen, Dein Enthusiasmus in der Erinnerung, Dein Optimismus als Vorbild!
Wir sehen uns wieder!