Gemeinsam Reininghaus. Unsere Zeit ist unser Bier. Eine Mitmach- und Mitwachs-Ausstellung in der Tennenmälzerei / Graz Reininghaus
Auf dem Areal der ehemaligen Brauerei Reininghaus ist seit 2018 ein neuer Stadtteil entstanden. Über 200 Jahre wurde hier gebraut, seit über zehn Jahren vor allem gebaut.
Die Realisierung der ersten Wohnquartiere begann 2017 – und bereits 2020 bezogen die ersten Bewohner*innen das „Quartier 7“. Am 26. November 2021 hielt die Straßenbahnlinie 4 zum ersten Mal an ihrer neuen Endstation „Reininghaus“. Im April 2026 wurde gemeinsam mit den Schüler*innen der neu errichteten VS und AHS Reininghaus der Reininghausplatz eröffnet und zukünftig, bis 2040, sollen hier 10.000 bis 12.000 Einwohner*innen Wohnraum finden.
Zwischen den neu errichteten Quartieren erinnern vereinzelte denkmalgeschützte Gebäude an die einst industrielle Nutzung. Sie machen Neuankömmlinge neugierig oder wecken bei Ortskundigen Erinnerungen wach: „Wie hat sich das Gebiet im Laufe der Zeit verändert? Wie erleben wir Reininghaus heute? Was wird hier 2040 sein? Woran werden wir uns hinsichtlich der Brauereigeschichte und der Stadtteilentwicklung zukünftig erinnern?“
Unter dem Motto „Gemeinsam Reininghaus. Unsere Zeit ist unser Bier.“ machten das Graz Museum und das Stadtteilbüro Reininghaus diese Fragen zum Ausgangspunkt ihrer gemeinschaftlichen Mitmach-Ausstellung, die am 7. Oktober 2026 eröffnet wurde. Die Ausstellung versteht Stadtgeschichte nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als etwas, das sich gemeinschaftlich entwickelt, unterschiedliche Perspektiven beinhaltet und sich laufend verändert.
Die Idee, eine Ausstellung für die Tennenmälzerei als Kooperation zwischen Graz Museum und Stadtteilbüro/Stadtteilmanagement Reininghaus (If Space) zu konzipieren, entstand aus einer inzwischen langjährigen Zusammenarbeit mit dem Sprachennetzwerk Graz. Bei einer gemeinsamen Diskussion wurde rasch erkennbar, dass sowohl in der Museumsarbeit als auch in der Stadtteilarbeit beide Kooperationspartner*innen mit der Bevölkerung ähnliche Erfahrungen in Bezug auf den Stadtteil Reininghaus gemacht haben: „Was war hier davor?“, „Was wird hier zukünftig sein?“ und „Wie wird bei der Stadtteilentwicklung vorgegangen?“ Diese Auseinandersetzung mit Reininghaus als Areal mitten in der Stadt, seine Veränderung und seine Nutzung wurde oftmals und vielstimmig diskutiert. Seine Geschichte und Entwicklung beschäftigt die Grazer*innen und sollte daher unbedingt weiter thematisiert werden. Viele Alteingesessene sehen einen Identitätsverlust des Ortes, für Neubewohner*innen wiederum gibt es nur wenige Informationen, die zur Identitätsformung dieses neuen Stadtteils beitragen könnten.
Fakt ist: Das Areal ist für Graz historisch relevant! Das Graz Museum und das Stadtteilbüro konzipierten daher vor Ort eine permanente, stark partizipativ gedachte und daher auch größtenteils mobile Ausstellung in der Tennenmälzerei. Um dieses Ziel zu erreichen, wird thematisch auf drei Säulen aufgebaut: „Was wir bereits wissen“ (die Geschichte des Stadtteils Reininghaus), „Was wir selbst erleb(t)en“ (Beiträge der Bevölkerung) und „Was wir uns zukünftig wünschen“ (aktuelle Themen, Ideen und Anliegen). Sie eröffnen unterschiedliche Sichtweisen auf Reininghaus und ergeben doch zusammen ein gemeinsames Bild. Zudem liegt ein Stadtteilplan mit Hintergrundinformationen auf, um relevante Orte selbst erkunden zu können.
„Gemeinsam Reininghaus. Unsere Zeit ist unser Bier.“ Ist bewusst als wachsende Ausstellung konzipiert worden. An vielen Stellen können Besucher*innen ihre eigenen Gedanken, Erfahrungen und Wünsche einbringen und so selbst Teil der Exposition und so auch der zukünftigen Stadtteilsammlung werden. Ein „Mitmach-Symbol“ weist darauf hin, an welchen Stellen und auf welche Weise Besucher*innen partizipieren können (z. B. bei wichtigen fehlenden Aspekten oder Perspektiven, persönlichen Erinnerungen oder Erfahrungen oder aufkommenden Fragen). Denn: Was heute Gegenwart ist, wird morgen bereits Teil der Geschichte des Stadtteils sein. Die Ausstellung richtet den Blick deshalb nicht nur auf die Vergangenheit, sie fragt auch danach, wie der Stadtteil gegenwärtig erlebt wird und wie man ihn gemeinsam weiterentwickeln könnte/möchte.
Bericht von Antonia Nussmüller, Kuratorin
Die Umsetzung eines gemeinschaftlichen Ausstellungsprojekts in und für Reininghaus war mir ein besonderes Anliegen, da ich bei den Geschichts- und Erinnerungsstammtischen, die ich im Rahmen meiner Museumsarbeit mit der topothek Graz abhalte, wiederholt bemerkt habe, dass das Thema die Menschen in Graz stark beschäftigt. Das Brauereiareal hatte sich in den vergangenen Jahrzehnten, nachdem es als Wirtschaftsstandort Stück für Stück aufgegeben wurde, zu einem beliebten Naherholungsgebiet und Freiraum für die Grazer*innen entwickelt. Jedoch nach dem Abriss der historischen Gebäude und strukturgebenden Elemente, nahmen viele Einwohner das Areal als „Nicht-Ort“ wahr.
Einfach deshalb, weil sie die Ab- und Umbrüche ganz stark als Identitätsverlust erleb(t)en. Dem gegenüber gibt es unglaublich viele Menschen, die sehr gerne in Reininghaus leben – in modernen Wohnungen mit vergleichsweise viel Grünraum für ein Gebiet, das mitten in der Stadt liegt. Es ist in sich verkehrsberuhigt, aber dennoch optimal an öffentliche Infrastruktur und Radwege angebunden. Allerdings wissen viele der Bewohner*innen wenig bis gar nichts über die Geschichte des Stadtteils und: Die Community ist hier erst am Entstehen. Das Stadtteilbüro unterstützt mit seinen Angeboten und Formaten sowie den Räumlichkeiten in der Tennenmälzerei die Menschen maßgeblich bei diesem Prozess der Gemeinschaftsbildung. So haben wir aus dem Museum und Stadtteilbüro heraus gedacht, dass eine Ausstellung, die gemeinsam mit den Menschen entsteht und permanent als Informationszentrale zur Stadtteilgeschichte zur Verfügung steht, unterstützend und hilfreich wirken könnte. Die Ausstellung soll dabei helfen, dem Stadtteil ein Stück Identität zuzuführen bzw. diese zu festigen. Sie trägt durch ihren Mitmach-Charakter auch maßgeblich zur Gemeinschaftsbildung bei und kann Informationen zu Leuten, für die ein Ausstellungsbesuch oder eine Teilnahme an einem Geschichtsstammtisch aus unterschiedlichen Gründen eine Hürde darstellt, niederschwellig transportieren. Auch Schüler*innen, die täglich die Schulen in Reininghaus besuchen, können etwas über die lokale Geschichte lernen, da sie das Areal zumeist nur so, wie es heute aussieht kennen. Übrigens: Die Inputs auf dem Erzählträger „Was wir uns wünschen“ werden regelmäßig ausgetauscht, je nachdem worüber im Stadtteil gerade heiß diskutiert wird. Alles Material, das wir bekommen, wird nicht bloß gezeigt, sondern auch für die Zukunft gesammelt. Alle Beiträge bekommen gleich viel Raum – so entsteht eine Gleichgewichtung der Inhalte, unabhängig davon, wer sie beiträgt. Und auch kritische Betrachtungen sind erlaubt. Deshalb heißt die Ausstellung auch doppelsinnig „Gemeinsam Reininghaus. Unsere Zeit ist unser Bier.“
Bereits die Ausstellungseröffnung war gut besucht, ein besonderes Highlight war die Gesangsdarbietung des Reininghaus-Chors. Bei der Pressekonferenz sprachen ergänzend zum Ausstellungsteam auch Judith Schwentner (Vizebürgermeisterin Stadt Graz) und Claudia Unger (Kulturstadträtin Stadt Graz). Das Publikum war gut durchmischt: Bewohner*innen von Reininghaus, Schüler*innen der ansässigen Schulen, Museumsgeher*innen und Kultur-/Geschichtsinteressierte sowie Mitarbeiter*innen der Stadt Graz aus unterschiedlichen Abteilungen. Am Eröffnungstag wurden auch Objekte und weitere Beiträge als Geschenke mitgebracht und der Ausstellung hinzugefügt. Die besondere Freude für mich war natürlich das große Interesse der Menschen und auch von so vielen die Bereitschaft, etwas beizutragen oder sich einzubringen. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir der inzwischen erblindete über 90 Jahre alte ehemalige Mälzerei-Mitarbeiter, der mit seiner Frau zur Eröffnung gekommen ist – einfach, weil er sich so darüber gefreut hat, dass es jetzt einen dauerhaften Ort gibt, an dem aktiv auch an die Vergangenheit und Relevanz der Gebrüder Reininghaus für Graz erinnert wird. Und an dem auch zukünftige Generationen etwas über diesen neuen Stadtteil und seine Geschichte lernen können.
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Die Dauerausstellung ist im Stadtteilbüro Reininghaus, Tennenmälzerei, Ebene 1, UNESCO-Esplanade 9, 8020 Graz zu sehen. Bis Ende Dezember 2026 in einer ausgedehnten Version, ab Jänner 2027 in einer kleineren Variante.
Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag: 10 – 14 Uhr / Mittwoch: 10 – 18 Uhr
Kontakt: reininghausgruende@stadt.graz.at

















