Urlaubsparadies der Belle Époque

Paul Kupelwieser

Der berühmteste Sohn einer Kleinindustriellenfamilie aus dem niederösterreichischen Piesting hieß Leopold, wurde Professor für Historienmalerei an der Wiener Akademie und gewann durch seine Altarbilder internationales Ansehen. Paul wurde 1843 als das neunte Kind des Ehepaares Leopold und Johanna Kupelwieser geboren und studierte an der Bergakademie in Leoben insbesondere Eisenverarbeitung. Nach absolviertem Studium begann er eine überaus erfolgreiche Karriere als Industriekapitän und Sanierer von Verhüttungsbetrieben und Stahlwerken. Er leitet für Albert Salomon Anselm Freiherrn von Rothschild die Eisen- und Stahlwerke im niederösterreichischen Ternitz, im böhmischen Teplitz sowie im mährischen Witkowitz. Vor allem das größte österreichische Eisenwerk im damaligen Königreich Böhmen hatte unter seinem Direktorium einen ungeheuren Aufschwung genommen. Von dort aus wurde auch Kriegsmaterial an die Marinewerft in Pola geliefert. Es ist anzunehmen, dass er dadurch auf einer Geschäftsreise die Brioni-Inseln für sich entdeckte. Als er 1893 schließlich genug vom Kampf um Aufträge, Intrigen und Spekulationen hatte, beschloss er als selbständiger Unternehmer etwas Bleibendes zu schaffen. Da er zudem fürchtete, dass die Begabungen seiner Söhne Carl (21) und Leopold (17) für eine höhere Bildung nicht ausreichten, und die beiden der Versuchung des leichtfertigen Umgangs mit Geld erliegen könnten, wollte er ihnen „an nützliche Arbeit gebundene und durch sie schon etwas gesicherte Werte“ hinterlassen. Darüber hinaus wollte er beweisen, dass auch im vernachlässigten österreichischen Süden wirtschaftlich sinnvolle Entwicklung möglich war. Als ihm die verwahrlosten Brionischen Inseln (rund 700 ha Land vor der Südwestküste Istriens) zum Erwerb angeboten wurden, reiste er mit der istrianischen Staatsbahn bis Pola, von dort den Einspänner nach Fažana besteigend und mit einem Fischerboot nach Brioni Grande rudernd, kauffreudig an. Der Aufenthalt im versumpften Gebiet galt wegen einer tödlichen Form von Malaria als äußerst gefährlich, was ihn jedoch keineswegs abschreckte „Ich hatte durchaus den Eindruck, es konnte bei Aufwand von ein wenig Verstand, Geduld, natürlich auch von immerhin größeren Geldmitteln gelingen, diese Erdscholle gesund, fruchtbar und in ihrer Vegetation auch sehr schön zu gestalten.“  So kaufte er – in nur innerhalb von dreizehn Tagen – zwölf der vierzehn Brionischen Inseln.

Ein kostspieliger Ruhestand

75.000 Gulden (entspricht etwa 700.000 Euro) – das war der Kaufpreis, den Paul Kupelwieser eigenen Angaben zufolge im Sommer 1893 für zwölf der vierzehn Insel des Brijuni/Brioni-Archipels an einen Herrn Wildi aus Triest bezahlte. Der Kaufpreis entsprach drei seiner Jahresgehälter als Generaldirektor der Stahlwerke. Zu jener Zeit war die gesamte Inselgruppe von wirtschaftlich kaum nutzbarem Buschwald bewachsen und mit Steinbruchschutt übersät, da sich Venedig (bis 1797 waren die Inseln venezianisch, danach Teil des österreichischen Küstenlandes) Jahrhunderte lang mit dem dortigen Baumaterial versorgt hatte. Zum Zeitpunkt des Kaufes war Brennholz die einzige Ausbeute, doch auch dieses aufgrund eines nicht weit zurückliegenden Waldbrands nicht üppig vorhanden. Ein aus militärischen Gründen verhängtes Bauverbot minderte noch zusätzlich den Wert: Auf dem Gipfel der höchsten Erhebung der Hauptinsel Brioni Maggiore/Veli Brijun, knapp 50 Meter über dem Meeresspiegel, stand eine nach Admiral Tegetthoff benannte Festung (der Sieger von Lissa ließ am 19. Juli 1866 seine Flotte im Kanal von Fažana Aufstellung nehmen), die wegen der Malariagefahr allerdings nur von täglich 2 Soldaten bewacht wurde. „Wenn ich schon damals erkannt hätte, dass dieser Luxus einer Altersarbeit, wie er mir erschien, weit über meine verhältnismäßig bescheidenen Mittel hinausgehen würde, hätte ich nicht den Mut besessen, dieselbe zu übernehmen.“ Erinnerungen Paul Kupelwieser. Der Kauf der Inseln war tatsächlich vergleichsweise bescheiden im Hinblick auf die weiteren Investitionen, die danach zu tätigen und zudem hochriskant waren, da sie auch Fremdkapital verschlangen, dessen Ertragssicherung bei weitem nicht gewährleistet war.

Gestaltung eines Inseltraums

Pauls jüngerer Bruder Max (ehem. Hütteningenieur in Witkowitz) und seine beiden Söhne Carl und Leopold begannen gleich zu Beginn, gemeinsam mit einem Dutzend Holzarbeitern, erste Rodungsarbeiten durchzuführen, Unterstände zu errichten und Wasserzisternen anzulegen. Um die Kultivierung voranzubringen und die nötige Infrastruktur zu schaffen, setzte er den aus Albona stammenden Alojz Čufar/Alois Zuffar als Güterdirektor ein. Er wird als Forstexperte und „Mann von großem Anstand“ an den Bauherren Kupelwieser empfohlen und übersiedelt 1894 mit Frau und Kindern auf die verwilderten Inseln. Vom ersten Tag an arbeitete er unermüdlich und treu an der Verwirklichung der Ideen seines Dienstgebers. Er war auf Brioni Forstmann (ließ an die 10.000 Bäume pflanzen), Geometer, Baumeister und Straßeningenieur in einer Person. Nach dem radikalen Roden gestaltete man sanfte Waldlandschaften, geschwungene Wiesen, plante Promenadewege für jede Jahreszeit und legte stimmungsvolle Alleen mit exotischen Pflanzen an. Den Transport der ausgesuchten Gewächse und Samen (die Kupelwieser aus London und Paris nach Brioni schicken ließ) übernimmt die k. u. k. Kriegmarine. Auch galt es fruchtbaren Boden für Viehzucht, Feldbau, Wein- und Obstgärten zu gewinnen. Schutt aus den venezianischen Steinbrüchen musste mit Kippwaggons auf Schienen verfrachtet werden, um neues Terrain für Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Parkanlagen und Landwirtschaft zu schaffen. Knapp vor der Jahrhundertwende standen dann den Gästen die ersten 14 Zimmer zur Verfügung. Aber noch waren Malaria und Trinkwasserversorgung eine ständige Bedrohung und Hindernis für den Tourismus.

Malaria

Den größten Stolperstein am Weg zum luxuriösen Gästeparadies stellte ohne Zweifel die permanente Malariagefahr dar. Schon von seinem ersten Besuch auf seinem neuen Besitz brachte Paul Kupelwieser dieses Souvenir mit, das ihn während einer Vortragsreise in London an den Rand des Todes brachte. Statt nach wenigen Wochen konnte er erst im Jänner 1894 wieder nach Brioni reisen. Einige Jahre später wurde er durch eine Zeitungsnotiz auf die Malariaforschung von Professor Robert Koch aufmerksam und bat dem späteren Nobelpreisträger für Medizin an, seine Studien auf Brioni fortzusetzen. Koch willigte ein und Kupelwieser stellte ihm eine Versuchsstation zur Verfügung. Im November 1900 wurden daraufhin Professor Frosch mit seinem Assistenten Dr. Elsner zur Begutachtung in den Süden entsandt. Noch am Abend ihrer Ankunft, nachdem sie unverzüglich Blutproben der Gepäckträger und Oberkellner entnommen hatten, präsentierten sie die Resultate: Die Mücken gehörten der gefährlichen Familie Anopheles an. Die Präparate wurden im Berliner Labor von Koch untersucht, er war Pionier in der Entwicklung bakteriologischer Techniken für die Seuchenbekämpfung. Dr. Frosch leitete vor Ort die Forschung und die Behandlung der erkrankten Menschen, er setzte dabei auf die Anwendung von Chinin. Die Ausrottung der die Erreger übertragenden Mücken ging man dann grundlegend an. Wasseroberflächen wurden mit Petroleum besprüht, das man abbrannte, um die Larven zu vernichten. Tümpel und Sümpfe wurden trockengelegt, indem sie mit Schotter aus den dort vorhandenen Steinbrüchen zugeschüttet wurden. Paul Kupelwieser hatte 1902 seine erste große Hürde genommen und Robert Koch erhielt 1905 den Nobelpreis für Medizin. Von diesem Zeitpunkt an konnte die zusätzliche Öffnung als Reiseziel während der Sommermonate stattfinden, was einen ganzjährigen Tourismus ermöglichte, der für die Rentabilität einen unschätzbar wichtigen Faktor darstellte. Josef Engelharts Denkmal zu Ehren Robert Kochs auf der Insel zeugt noch heute von der großen Dankbarkeit der Familie Kupelwieser.

Finanzielle Schwierigkeiten

Paul galt bald als reicher Mann, der sich einen spleenigen Luxus leistete. Die Steuerbehörden wurden aufmerksam, er wurde zusammen mit seinem älteren Bruder Karl, dem prominenten Wiener Rechtsanwalt und Begründer des Radiologischen Instituts in Lunz am See, der Steuerhinterziehung bezichtigt. Grund wäre ein (fälschlicherweise) als fingiert vermuteter Kredit Karls an Paul über 200.000 Gulden. „Auf siebzehn Millionen Gulden schätzte die Steuerkommission mein Vermögen und entsprechend wurde ich besteuert, geärgert und gekränkt und konnte nur mit viel Mühe und vielen Plackereien einen Teil der mir viel zu hoch vorgeschriebenen und unter Androhung der Exekution einverlangten Steuern wieder zurückerhalten.“ Erinnerungen Paul Kupelwieser Auch hielten viele von Pauls Freunden das Unternehmen Brioni für wirtschaftlich unsinnig und verweigerten die dringend notwendige Aufstockung bereits gewährter Kredite. Stattdessen verschaffte man ihm zur Verbesserung seiner Einkommensverhältnisse Aufsichtsratsposten in der Industrie. Karl Wittgenstein, dessen Schwester Bertha mit Paul Kupelwiesers Bruder Karl verheiratet war, half schließlich aus, indem er Paul zu „günstigem“ Preis den Grund für den Bau von zwei Villen auf Brioni Maggiore ablöste. Die Finanzlage war um die Jahrhundertwende mehr als angespannt, Paul musste im Frühjahr 1901 aus finanziellen Gründen sogar eine private Reise abbrechen.

Wasser

1903 ließ Paul Kupelwieser eine Wasserleitung auf dem Meeresboden verlegen, durch die Brioni fortan mit dem kostbaren Nass versorgt werden konnte. Dies geschah von einem Grundstück auf dem Festland bei Fažana aus, das er in weiser Voraussicht schon einige Jahre zuvor erworben hatte. Wenig später wurde dann in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Pola, in Form eines heutigen „Public Private Partnerships“ eine weitere, qualitativ noch bessere und ergiebigere Quelle erschlossen, die sowohl Pola als auch Brioni mit Trinkwasser belieferte.

Transport

Die ersten Gäste waren zwar bereits 1896 nach Veliki Brijun gekommen, aber erst nach der Beseitigung von Malaria stieg ab 1903 die Anzahl stetig an. Obwohl Paul Kupelwieser bereits zwei Boote für den Transfer zwischen Festland und den Inseln in Betrieb hatte, war der Bedarf nach einem komfortableren und moderneren Transportmittel, das den Ansprüchen der wohlhabenden und elitären Gäste entsprechen konnte, nicht mehr von der Hand zu weisen. So beauftragte er den Bau eines neuen Schiffes, das 1908 auf der Werft San Marco vom Stapel lief und dessen Entwicklung und Bau auch für seine Konstrukteure von größtem Interesse sein musste. Schließlich handelte es sich dabei um das erste Passagierschiff, das durch einen Dieselmotor angetrieben wurde, also eine Weltneuheit! Durch den Einsatz dieser neuen Antriebstechnik wurde die Schifffahrt revolutioniert, da der flüssige Dieselbrennstoff erheblich weniger Lagerraum als Kohle beanspruchte, wodurch sich der Aktionsradius beträchtlich erweiterte und die Kosten minimiert werden konnten. Somit hat das Binnenland Österreich nicht nur mit der Entwicklung der Schiffsschraube, sondern auch mit der Einführung des Dieselantriebs für Passagierschiffe Meilensteine in der Entwicklung der modernen Seefahrt gesetzt. Die „Brioni“ versah ihren Dienst daraufhin jahrzehntelang zuverlässig, überlebte beide Weltkriege und war noch bis in die 1960iger Jahre nachweislich in Betrieb.

Hotellerie

Nachdem alle Voraussetzungen geschaffen waren, konzentrierte sich Kupelwieser auf den weiteren Ausbau Brionis. Der junge Architekt Eduard Kramer (Schüler Otto Wagners, bekannt für seine revolutionären Entwürfe und einen Baustil mit neuen Materialien und Konstruktionen) arbeitete erstmals 1902 beim Bau der Bootshütte mit. Er plante fortan die mit modernstem Komfort ausgestattete Hotelanlagen im sezessionistischen Stil. Für den Montanisten Kupelwieser ist Eisenbeton das Material der Wahl. Nach den bereits bestehenden kleinen Hotels „Brioni“ und „Neptun I“ entstanden 1908 das Hotel „Carmen“, 1910 das Hotel „Neptun II“ und schließlich 1912 das große Hotel „Neptun III“, mit dem die Gesamtkapazität auf 320 Zimmer hochschnellte. Nebenbei 10 Villen für Europas Elite – alles selbstverständlich mit Bädern, elektrischem Strom und Telefon ausgestattet. Dazu kam 1913 das „Winterschwimmbad“, bekannt als das erste Hotelhallenbad in ganz Europa, mit einem „weiten, überaus edlen, lichten Raum, in den das erwärmte Meerwasser einflutete, mit Galerien für Zuschauer, mit Sitzen für Ausruhende unter Palmen und Blüten“ Erinnerungen Paul Kupelwieser Auch Tennisplätze sorgten für sportliche Betätigung und drei Aussichtswarten aus „gutem Witkowitzer Eisen“ ermöglichten einen weitschweifenden Blick über die Gegend. Besondere Attraktion war der Tierpark mit Antilopen, Zebras, Giraffen, einem Tiger, einer Straußenzucht und der „Affenakademie“, den der bekannte hamburger Zoodirektor und Tierhändler Carl Hagenbeck neben einer Akklimatisierungsstation für den Handel mit exotischen Tieren auf Brioni eingerichtet hatte (dieses Projekt wurde nach Hagenbecks Tod 1913 nicht mehr weitergeführt). Der Hotelbetrieb war in eine umfassende Infrastruktur eingebettet: Gestüt, Gehöfte, Stallungen, Magazine, eine Musterlandwirtschaft, eine Molkerei (der echte Brioni „Imperial-Käse“ galt als feinster Dessertkäse nach französischer Methode als besondere Delikatesse) und Weingärten mit Burgunder, Riesling, Malvasier, Refosco und Bordelaiser Rebsorten (der 15 % Alkohol schwere „Brioni Wein“ wurde in eigenen Verkaufsniederlassungen in Wien, Graz, Prag und Lemberg vertrieben). Neben Wohnhäusern für Beamte und Arbeiter verfügte der funktionierende Mikrokosmos auch über eine Schule und ein Spital. Die Wahl eines geeigneten Arztes fiel auf Otto Lenz aus Wien. Persönlich begleitete Paul Kupelwieser den Mediziner zu Geheimrath Koch zur Einschulung an dessen Berliner Institut. Kurarzt Dr. Otto Lenz eröffnet 1903 im Bootshaus mit stattlich eingerichteter Apotheke und chirurgischen Instrumenten seine täglich geöffnete Ambulanz. Auch historische Bildung kam nicht zu kurz, ein archäologisches Museum wurde errichtet. Sehr bald stieß man bei Erdarbeiten auf antike Mauerreste und der Fachmann für Archäologie und Denkmalpflege, Anton Gnirs, der zu dieser Zeit an der Marineschule in Pola unterrichtete, übernahm mit Eifer die Erforschung der Altertümer. Unter den reichhaltigen Funden aus allen Epochen ragt der römische Villenkomplex aus dem 1. Jh. n. Chr. in der Bucht Verige heraus – ein Juwel antiker Landbaukunst. Reste einer Römersiedlung rund um die Bucht Val Catena, darunter auch ein Tempelzentrum, befinden sich ebenso auf einer Fläche von rund einem Hektar, wie die verschiedensten Spuren von Illyrern (3000 v. Chr.), der Spätantike, der Ostgoten, Byzantiner, aber auch aus der Karolingischen Zeit und der venezianischen Epoche.

Elitäres Ferienparadies der k. u. k. Monarchie

Für das Image waren damals wie heute berühmte Gäste von großer Bedeutung. Ausschließlich Adelige, Industrielle, Großgrundbesitzer und erfolgreiche Freiberufler wie Ärzte, Maler, Schriftsteller, Komponisten und Wissenschaftler konnten es sich leisten, Urlaub zu machen. Durch die Verschwägerung mit Bertha Wittgenstein aus der reichen Industriellenfamilie, die auch Ludwig, den Philosophen, und Paul, den nach einer Kriegsverletzung einarmigen Klaviervirtuosen hervorbrachte, bestand Verbindung zu höchsten Industriellenkreisen und brachte zahlungskräftige Gäste auf die Insel. Brioni lockte nicht nur gekrönte Häupter und die Hocharistokratie, sondern auch Persönlichkeiten, die in der Monarchie reich geworden waren oder, zum Beispiel als Künstler etwas galten, an. Auch waren auf den Tanzfesten die Marineoffiziere aus dem nahen Haupthafen der österr.-ungar. Kriegsmarine, in ihren mehr betörenden als martialischen Galauniformen gern gesehen. Kupelwieser bot seinen Gästen ein unvergleichliches Urlaubsparadies, das an Luxus nichts zu wünschen übrigließ. 1906 entdeckt das österreichische Kaiserhaus die Insel zur Rekreation, allen voran Erzherzogin Maria Josepha, die Mutter des späteren (und letzten) österreichischen Kaiser Karl I. Auch Sachsens König Friedrich August genoss Klima und Meer im standesgemäßen Urlaub und Kaiser Wilhelm II. besichtigte das Paradies 1912. Der Hochadel brachte automatisch den Geldadel und das Großbürgertum mit sich. So manch einer Österreichs großer Söhne und Töchter war mit Brioni verbunden. Beispielsweise erzählte Marcel Prawy noch bei letzten Auftritten in der Wiener Staatsoper von seiner ersten Kindheitserinnerung: den Kunststücken des Affenmädchens Missy auf Brioni. Das arme Affenkind verweigerte die Nahrung und starb, nachdem sein Wärter 1914 zum Kriegsdienst eingezogen worden war. Oder Thomas Mann, er reiste während der Arbeit an „Felix Krull“ mit Frau Katja und Bruder Heinrich nach Brioni, wo ihn auch die Nachricht vom Tode des Komponisten Gustav Mahler erreichte, er daraufhin Mahlers Bild aus der Zeitung ausschnitt und es zur Beschreibung Aschenbachs im „Tod in Venedig“ benutzte. Manchmal jedoch gestaltete sich die Beziehung zur Elite allerdings auch als äußerst schwierig. Beispielsweise verliebte sich der österreichische Thronfolger dermaßen in Brioni, dass er es ganz für sich alleine in Anspruch nehmen wollte. Samt seinem Hofstaat besuchte er die Insel von 1910 – 1912 jeweils für einige Wochen im Frühjahr. Das Klima erwies sich als dermaßen günstig für sein Asthmaleiden, dass er begann Kupelwieser wiederholt zu bedrängen, ihm alles zu verkaufen. Paul Kupelwieser musste fürchten, bei Widerstand gegen die Pläne des Erzherzogs enteignet zu werden. Im Winter 1911 scheiterten Verhandlungen über einen Ankauf und schließlich begnügte sich Franz Ferdinand (nachdem ihm sein Beichtvater ins Gewissen geredet hatte) damit, einen entlegenen Teil der Insel für ein neues Märchenschloss am Meer zu übernehmen. Dazu sollte es nicht mehr kommen: am 28. Juni 1914 starben der österreichsiche Thronfolger und seine Frau Sophie durch die Schüsse in Sarajevo. Die Beziehung zu Paul Kupelwieser blieb jedoch bis zu seiner Ermordung extrem gespannt.

Wirtschaftliches Abenteuer

Obwohl, oder weil, Brioni rund ein Dutzend Jahre nach dem Erwerb, also 1905, noch immer keine Erträge abgeworfen hatte, stürzte sich Paul in ein weiteres wirtschaftliches Abenteuer, indem er Grundstücke an der Südspitze Istriens erwarb, um die Bucht von Medulin zu einem Handelshafen auszubauen. Recherchen zufolge schien es zu diesem Zeitpunkt nicht unrealistisch, dass sich hier auch größere Industrien ansiedeln würden. So kaufte er in den Jahren 1906 – 1908 Liegenschaften im Wert von rund 700.000 Kronen (ca. drei Millionen Euro) und weitere 500 Hektar völlig vernachlässigten landwirtschaftlichen Bodens, auf dem – allerdings nur unter weiterer Kapitalzufuhr – eine moderne, rentable Landwirtschaft hätte entstehen sollen. Er spekulierte darauf, dem Handelsministerium in Wien den größten Teil des Grund und Bodens ohne Gewinn weiterverkaufen zu können und dadurch eine Wertsteigerung des ihm verbleibenden Restes zu lukrieren. Wien jedoch winkte ab, denn „wirtschaftliche Vernünftigkeit alleine wäre zu wenig, da man vor Ort keine Wählerstimmen gewinnen könne, die ins Gewicht fallen würden“. Darüber hinaus starb im Herbst 1907, knapp nach Beginn des „Medolino-Abenteuers“ der umsichtige Betriebsdirektor Alois Zuffar. Aus Dankbarkeit für dessen zukunftsweisenden Arbeitseinsatz beauftragte die Familie Kupelwieser den gefeierten Wiener Künstler Josef Engelhart (verheiratet mit Dorothea Mautner von Markhof, dem siebenten Kind von Carl Ferdinand Ritter Mautner von Markhof) mit der Gestaltung eines Denkmals. Die Geschäftsführung wurde den beiden Söhnen übertragen, Paul selbst kümmerte sich um Expansion und Öffentlichkeitsarbeit. Im Herbst 1912, nach Fertigstellung von „Neptun III“, geriet Paul schlussendlich in erhebliche Zahlungsschwierigkeiten. Nur sein Bruder Karl war bereit ihm auszuhelfen, jedoch unter der Bedingung strenger Auflagen: Die auf dem Festland angeschafften ertraglosen Grundstücke müssten schnellstens verkauft, die Produktion des qualitativ nur durchschnittlichen Weines (Sohn Leopold kümmerte sich darum) zurückgefahren, das Futter für die Viehwirtschaft billiger zugekauft und der Personalstand erheblich reduziert werden. Ebenso hielt Karl den Nachfolger Zuffars wie seinen Neffen Carl der Geschäftsführung für unfähig. Während Paul nur ein Liquiditätsproblem sah, bezweifelte sein Bruder die Ertragskraft des ganzen Unternehmens und war der Meinung, dass das vorhandene Vermögen nicht mehr die getätigten Anschaffungskosten wert sei. Daher wurde zur Lösung der Finanz- und Geschäftsmisere bereits vor Ausbruch des Weltkrieges die Gründung einer Aktiengesellschaft erwogen, da dadurch die Schulden bei Verwandten und Freunden wenigstens teilweise in Beteiligungskapital umgewandelt werden würden (Dept-Equity-Swapt zwecks Verbreiterung der Eigenkapitalbasis).

Treffpunkt der Haute Volée um 1910

Mit der Zeit gab sich nicht nur mehr die allerfeinste Gesellschaft im Urlaubsparadies ein Stelldichein, sondern auch das gehobene Bürgertum fand seinen Weg in den altösterreichischen Süden. Die Pensionspreise lagen nicht oder nur unwesentlich über jenen der anderen aufstrebenden Tourismuszentren der damaligen österreichischen Riviera. März und April waren die Monate der Hochsaison, doch konnten die Gäste auch durch die besonders milden Wintertemperaturen (durchschnittlich knapp über 6 Grad) auf den nach Süden ausgerichteten und gegen Norden geschützten Terrassen die wärmende Sonne genießen. Der ganz große „Hype“ um Brioni fand nach der Aufstockung der Hotelkapazität in einem Zeitabschnitt von nur wenigen Jahren vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges statt, denn ab 1912 konnten Gäste im Eisenbahn-Schlafwagon von Wien aus direkt bequem nach Pola fahren.

Erster Weltkrieg

Der erste Weltkrieg unterbrach den Touristenstrom und verwandelte das Inselparadies mit einem Schlag in eine Militärfestung. In die Hotels zog die k u. k Kriegsmarine ein, Brioni wurde U-Boot-Stützpunkt und Ausbildungszentrum.  Da die Inseln nördlich der Einfahrt in den ehemaligen Haupthafen der Kriegsmarine liegen, waren sie nach der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn ab Ende Mai 1915 auch unmittelbar gefährdet. Touristen, Frauen und Kinder hatten die Insel zu verlassen. Man nahm es zu diesem Zeitpunkt relativ gelassen hin – der Krieg sollte ja nur kurz dauern. Da die österreichische Küste Istriens von den Italienern nie erobert wurde, gelang es Kupelwieser das landwirtschaftliche Gut auch ohne Tourismus während des Kriegs am Leben zu erhalten. Er konnte sich in Folge mit Lieferungen von landwirtschaftlichen Produkten an die Marine über Wasser halten, sein Kurarzt Dr. Lenz betrieb ein kleines Lazarett und die Kriegsmarine verlegte einen U-Boot-Stützpunkt hierher. Nach Ende des Krieges fand sich Brioni auf italienischem Staatsgebiet wieder – immerhin mit einigermaßen intakten Anlagen. Paul Kupelwieser hatte im Oktober 1914 sein Vermögen auf 10 Millionen Kronen (etwa 40 Millionen Euro) geschätzt, was jedoch vor dem Hintergrund des bereits ausgebrochenen Krieges wohl unrealistisch war.

Die Ära Carl Kupelwieser

1919 verstarb Paul Kupelwieser 76ig jährig in Wien. Sein Abenteuergeist hatte ihn bis zuletzt nicht losgelassen, er suchte in Serbien nach Goldadern und erkrankte dabei. Sohn Carl übernahm daraufhin die Leitung des nunmehr in eine Aktiengesellschaft umgewandelten Unternehmens. Er versuchte sich mit den neuen Machthabern zu arrangieren, nannte sich Carlo und war bestrebt Brioni für eine internationale Klientel neu zu positionieren. Ein Wasserflugzeug für schnellere Gästetransfers nach Triest wurde angeschafft. Er eröffnete ein Spielcasino, ließ Tennisplätze erweitern, den damals größten Golfplatz Europas errichten und züchtete Polopferde (was sich später als besonders verlustreich herausstellte, da die aufwändige Haltung der Pferde finanzielle Schwierigkeiten und Steuerschulden mit sich brachte). Die Poloturniere sorgten zwar immer wieder für noble Gäste, doch die Verschuldung des Unternehmens nahm sukzessive immer größere Ausmaße an. Allein die Weingärten, die sein Vater mühsam auf gerodetem Boden hochgezogen hatte, waren nun kommerziell wertlos. Italien hatte genug Wein und zu Österreich hin gab es hohe Zollbarrieren. Als zuletzt der Zusammenbruch der New Yorker Börse („Schwarzer Freitag“, Herbst 1929) eine Weltwirtschaftskrise auslöste, waren die Konsequenzen für Brioni unaufhaltsam. 1930 sah Carl keinen Ausweg mehr und beendete selbst sein Leben.

Italien, Mussolini und der Zweite Weltkrieg

1918 bis 1943 gehören die Inseln zu Italien. Nach weiteren Fehlversuchen mit externen Geschäftsführern wurde die Kupelwieser´sche Brioni Aktiengesellschaft Anfang 1936 zahlungsunfähig und in italienisches Staatseigentum übergeführt – der italienische Staat übernahm Schulden und Insel. 1938 werden die Inseln Brioni wegen ihrer unmittelbaren Nähe zum Kriegshafen Pula zur militärischen Sperrzone, Militärverwaltungen übernehmen das Kommando. Nach dem Sturz Mussolinis und dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten im September 1943 wurde Brioni von deutschen Truppen besetzt, was zur Folge hatte, dass die Inseln 1945 von den Alliierten mehrmals bombardiert wurden. Bei einem Bombenangriff am 25. April 1945 wurden zwei Hotels, viele Villen, das Seebad Saluga und ein großer Teil der Hafenanlagen schwer beschädigt bzw. völlig zerstört, die Inseln blieben verlassen zurück. Dann landeten die Truppen Titos auf Brioni.

Titos Refugium

Nach 1945 fällt das Gebiet (mit dem größten Teil Istriens) an Jugoslawien. Ab 1947 macht der jugoslawische Staats- und Parteichef Josip Broz Tito – er ist Präsident auf Lebenszeit – die Inseln zu seinem bevorzugten Aufenthaltsort. Dies geschieht unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die Inseln sind streng geschütztes militärisches Sperrgebiet. Die Reste der alten Gebäude werden abgerissen, ein Teil neu aufgebaut oder renoviert. Er errichtet auf Veli Brijuni mit der „Weißen Villa“ seine offizielle und auf der kleinen Insel Vanga seine private Residenz. Dort verbringt er viele Monate im Jahr, sein „Hofstaat“ sorgt dafür, dass es dem Präsidenten und Marschall der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien an nichts fehlt. Nur Staatsgäste für Besprechungen und Konferenzen sowie Celebreties sind gerne gesehen. Es kamen unzählige Könige, Minister (eine Fotoausstellung zeigt Bilder mit über 60 Staatsoberhäuptern) und Stars wie Sofia Loren, Gina Lollobrigida und Richard Burton/Elisabeth Taylor, um des Westens liebsten Diktator in entspannter Atmosphäre zu besuchen. Der erste in einer langen Liste sollte 1954 Äthiopiens Kaiser Haile Selassie I sein. 1956 unterzeichnet Tito dann zusammen mit dem indischen Premier Nehru und Ägyptens Staatschef Nasser das Abkommen zur Gründung der Blockfreien Staaten („Brioni-Deklaration„) und 1966 enthebt er hier den Serben Alexander Rankovic, Polizeichef Jugoslawiens, lange Zeit zweitmächtigster Mann in der Partei, seiner Posten. Tito hält für seine Gäste luxuriöse Domizile bereit, so die Villa Jadranka, die Weiße Villa und die Villa Brionka. 1978 errichtet Tito im nördlichen Teil der Insel einen 9 ha großen Safaripark, ein Zuhause für die vielen exotischen Tiere, die ihm bei Staatsbesuchen als Geschenk überbracht wurden. Selten lässt er es sich nehmen, den Besuchern persönlich die mediterrane Pflanzenwelt und historischen Stätten zu zeigen.

Die Hinterlassenschaft

Erst nach Titos Tod 1980 wurde die Hauptinsel Veli Brijun wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Immer noch ist sie Sommerresidenz des kroatischen Präsidenten und wird gerne für Staatsempfänge nutzt. So wurde hier 1991 mit der „Brioni-Erklärung“ der 10-Tage-Krieg Sloweniens mit Belgrad beendet. Seit 1983 ist der Archipel ein Nationalpark, die gesamte Inselgruppe wurde 1989 zum Naturschutzgebiet erklärt und Neubauten somit unmöglich gemacht. Der Nationalpark beeindruckt durch die Vielfalt seiner Natur. Auf der Insel existieren rund 680 Pflanzenarten, von denen viele im übrigen Istrien gefährdet sind (z. B. die großen Eichenwälder) und die sich hier noch frei entwickeln können. Neben verschiedenen einheimischen mediterranen Spezies wurden auch Palmen und Kakteen großzügig angepflanzt. Ein uralter Olivenbaum, der mittels C-14-Methode auf 1600 Jahre datiert wurde, stellt eine der besonderen Sehenswürdigkeiten des Naturparks dar. Über 250 Vogelarten, darunter seltene Kormorane bevölkern die Insel. Ein Vogelschutzgebiet wurde für sie in einer Saline errichtet. Feldhasen und importierte Hirsche, Rehe, Europäische Mufflons, unzählige Pfauen, Eidechsen, Käuzchen, Möwen und Zikaden sind auf Brioni angesiedelt. Ein Ethno-Park lädt zum Kennenlernen eines typischen istrischen Hofes mit Ochsen (Boškarin), Schafen (Pramenka), Eseln und Ziegen ein. Der Safaripark am Nordende Veli Brijuns präsentiert Elefanten, Lamas, Zebras, Nilgauantilopen, somalische Schafe, heilige indische Kühe und Esel. Auf Brioni herrscht Autoverbot, Hotelgäste können Fahrräder mieten, Tagesausflüglern steht ein nicht schienengebundener Bummelzug zur Verfügung. Man wandert unter „zutraulichen“ Wildtieren durch eine gepflegte Parklandschaft und kann sich darüber hinaus noch immer beim Golfspiel vergnügen. Für Investoren jedoch, auf welche die nunmehr abgewohnten Hotelanlagen aus Kupelwieser-Zeiten warten würden, bedeutet der Status empfindliche Beschränkungen. Nicht wenige haben hier schon ihr Interesse bekundet. Prinz Ernst August von Hannover z. B., der das ganze Archipel für sich und seine Caroline von Monaco alleine haben wollte, oder Umberto Angeloni, der mit seiner Luxus-Männermodemarke „Brioni“ wiederum ein ausschließliches Refugium für die Reichen und Schönen schaffen möchte. Seit einigen Jahren wird zumindest wieder Polo gespielt und Pferderennen werden abgehalten. Pläne für ein 8000 m2 großes „Wellnesscenter“, Casino, Golfresort und allerlei 5-Sterne-Hotels u. -Restaurants werden von Umweltschützern weiterhin scharf kritisiert.