Verhaftung meines Vaters – Lebenserinnerungen von Manfred II Mautner Markhof

1939 wurde mein Vater verhaftet, mit einer ganz fadenscheinigen Vorgeschichte, die er in seinem Buch „Haltestellen und Stationen in meinem Leben“ genau schildert:

Ich selbst wurde am 22. Dezember 1938 zum damaligen Staatskommissar in der Privatwirtschaft, Dipl.-Ing. Raffelsberger, berufen, der mir klipp und klar folgendes mitteilte: „Es ist der Befehl des Führers, dass Sie heute noch den Sohn des Herrn Reichsschatzmeisters Schwarz als Direktor in Schwechat einstellen!“. Mir war natürlich sofort klar, welche Gefahr das für uns bedeutete, und so suchte ich irgendeine Verzögerung. Ich antwortete daher: „Herr Staatskommissar, es ist wohl selbstverständlich, dass ich einen Wunsch (ich wiederholte absichtlich nicht das Wort ´Befehl`) des Führers zu befolgen habe, aber ich muss die Bitte vorbringen, über die Ausführung dieses Wunsches des Führers mit dem Gauleiter Bürckel zu sprechen, wobei ich ersuche, mir gleich eine Audienz beim Gauleiter zu verschaffen, damit keine Verzögerung in der Erfüllung dieses Führerwunsches eintrete“. Raffelsberger war natürlich sofort gereizt, sagte, dass er Bürckel nicht anrufen werde, um mich zu avisieren, und wiederholte den Befehl des Führers, wobei er das ´heute noch` besonders betonte. Ich vollführte einen formvollendeten Deutschen Gruß und war draußen. Also, was tun? Ich eilte ins Parlament, dem Amtssitz des Gauleiters, obgleich ich gar nicht recht wusste, was zu sagen. Dort drang ich tatsächlich bis zum Sekretär Dr. Dumm vor, den ich um eine Unterredung mit dem Gauleiter bat, wobei ich natürlich den Grund nannte. Dr. Dumm verschwand im Zimmer des Gauleiters und kam nach einer Weile wieder, um mitzuteilen, dass der Gauleiter mich leider nicht empfangen könne und mich bitte, mich an Minister Dr. Fischbeck zu wenden. Als er mir dies mitteilte, ging die Tür auf, Bürckel trat in das Zimmer und blieb stehen. Ich grüßte, wartete einen Augenblick und sagte dann mit lautester Stimme: „Ich nehme zur Kenntnis, dass der Gauleiter heute nicht mit mir sprechen kann, ich lehne es aber ab, mich mit Minister Fischbeck zu unterhalten und bin daher gezwungen, mich telefonisch direkt an Reichsleiter Bormann zu wenden.“ Sprach´s, riss einen gewaltigen ´Heil Hitler` und war draußen. Nun war ich schon einmal in Fahrt. Obwohl ich annahm, das ich kaum mehr ungeschoren aus dem Parlament hinauskommen würde, erreichte ich mein Büro. Kurze Beratung – dann Blitzgespräch mit der Reichskanzlei in Berlin. Man bedauerte sehr, dass der Reichleiter nicht anwesend sei, er befände sich am Obersalzberg (bekanntlich der Lieblingsaufenthalt Hitlers). Ich war bestürzt, sagte, ich müsste ihn ganz dringend sprechen, hätte aber im Moment die Nummer nicht zur Hand, und bat, sie mir durchzugeben. Das Unglaubliche geschah – ich konnte im nächsten Augenblick die Nummer notieren. Also, was nun? In die kurze Beratung, die ich mit meinen vertrauten und hervorragend verlässlichen Beamten führte, klingelte das Telefon. Es war die Gauleitung, die mich sprechen wollte. Der Regierungspräsident, Dr. Dellbrügge, teilte mir mit, dass der Gauleiter mich bäte, am 4. Jänner zu ihm zu kommen. Ich sagte natürlich zu, betonte aber, dass dies zu spät sei, da mir ja der Staatskommissar den Befehl des Führers mitgeteilt hatte, wonach ich noch heute Herrn Schwarz anzustellen hätte. Im Übrigen warte ich gerade auf ein Gespräch mit dem Obersalzberg, wo ich den Reichsleiter Bormann sprechen wolle. Dellbrügge: „Ach, könnten Sie dieses Gespräch nicht wieder absagen?“ – Ich: „Ja, aber was machen wir mit dem Staatskommissar Raffelsberger?“ – Dellbrügge: „Eine diesbezügliche Anweisung an den Staatskommissar ist bereits hinausgegangen!“ Ich bedankte mich höflich, sagte zu, am 4. Jänner pünktlich zu erscheinen, wir wünschten einander ein frohes Weihnachtsfest, und das Telefonat war beendet.
… Ziemlich genau vier Wochen nach diesem… 2. März wurden mein schon früher erwähnter Vetter Georg und ich ganz plötzlich von der Gestapo festgenommen und eingesperrt. Nach ein paar Tagen waren wir wieder frei, um kurze Zeit später nochmals geschnappt zu werden. Dabei gelang es mir, nachdem ich von der neuerlichen Verhaftung meines Vetters blitzartig verständigt worden war, zunächst zu fliehen. Ich trieb mich mit meiner Frau neunzehn Tage hindurch in ganz Deutschland umher…

Mein Vater verbrachte dann die nächste Zeit in Berlin, was ihm keine große Qual bedeutete, weil er das dortige kulturelle Leben sehr genießen konnte! Als er schließlich doch einmal wieder zurückkehrte, berichtete er von einem jungen Österreicher, von dem wir noch viel hören werden! Das war der damals noch völlig unbekannte Herbert von Karajan.

… Noch einige Tage – und ich tappte in eine ordinär gestellte Falle, um mich für die nächsten sechs Wochen im Käfig zu befinden. … Bedrohlich wurde die Situation, als man mir und, wie ich nachher erfuhr, auch Vetter Georg, einen sogenannten Fahrschein aushändigte, in dem durch persönliche Unterschrift des gefürchteten Heidrich angeordnet wurde, dass wegen Gefahr der Zersetzung des deutschen Wesens (oder so ähnlich) die Überstellung, bis auf weiteres, in ein Anhaltelager (KZ) durchzuführen sei. Von einem solchen Ort wieder vorzeitig herauszukommen, war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Wir hatten also auf den nächsten Transport zu warten. Zu dieser Zeit war just der 11. Juni 1939, der 75. Geburtstag von Richard Strauss, der in Wien ein Philharmonisches Konzert dirigierte. In Wien angekommen, machte er sofort meiner Frau einen Besuch und erkundigte sich über den Stand der Dinge. In der Pause des Konzerts, in der Goebbels, der extra deswegen nach Wien gekommen war, in Begleitung von Bürckel, Richard Strauss noch einmal gratulierte, benützte dieser die Gelegenheit, die beiden Männer darauf aufmerksam zu machen, dass einer seiner sehr viel jüngeren Freunde nunmehr schon viele Wochen eingesperrt sei und es sich hier nur um einen Irrtum handeln könne. Zwei Tage später war nicht nur ich, sondern auch mein Vetter Georg wieder frei, obwohl ich bereits den Gratisfahrschein, von Herrn Heidrich persönlich unterschrieben, nach Dachau in Händen hielt und nur auf den nächsten Transport zu warten hatte.