Junge Familie – Lebenserinnerungen von Manfred II Mautner Markhof

Ballsaison

Wie bereits kurz erwähnt, war der Fasching für uns als Kriegsgeneration die große „Nachholzeit“. Hier konnten wir uns austoben. Wir, das waren hauptsächlich vier Freunde, die auch bei der FLAK gemeinsam zugeteilt gewesen waren: Rudolf Kinsky, Rudi Fugger, Hansi Spee und Andi Piatti. An dieser Stelle möchte ich eine Bemerkung einfügen: Ich habe es immer als höchst anerkennungswürdig empfunden, dass all diese Menschen, die nach dem Krieg nichts mehr besaßen, und zwar nur deshalb, weil sie eben „nicht dazugehört haben“, eine sehr beeindruckende Haltung angenommen hatten. Sie nannten sich scherzhalber die „Nouveaux Pauvres“, und es wäre ihnen nicht im Traum eingefallen, zu mucken oder zu klagen, ganz im Gegenteil, sie ertrugen ihre Lage immer mit ganz bemerkenswerter Haltung. Zurück zur Ballsaison, die für mich noch eine ganz besondere Bedeutung bekommen sollte: Ich eröffnete damals jeden nur erdenklichen Ball, unter anderem auch den Philharmonikerball 1949. Ich eröffnete ihn mit der Tochter des damaligen englischen Generalkonsuls, einem sehr hübschen Mädchen. Als wir tanzten, kam plötzlich ein junger Beamter des Außenministeriums und meinte, der Herr Außenminister Gruber lässt bitten, mit dem jungen Mädchen zu tanzen. Ich gab meine Tanzpartnerin nur sehr ungern her, blieb deshalb nahe der Tanzfläche auf den Stufen stehen und wollte dem Außenminister nicht mehr als einen Tanz erlauben. In dem Moment kam mein Freund Rudolf Kinsky mit jeweils einer Dame an einem Arm zu mir, um mir seine Begleitung vorzustellen. Ich aber war vollkommen auf meine Tanzpartnerin fokussiert und hinterließ bei den Damen keinen sehr guten ersten Eindruck. Ich konnte später erfahren, dass beide mich damals für unglaublich eingebildet hielten. Ein paar Wochen später wurde für meine Schwester Elli ein Fest gegeben. Zu diesem Anlass bat mich Christl, ich solle mich bei diesem Fest um die beiden Cassis-Schwestern kümmern, die extra aus Kitzbühel angereist kämen und niemanden kannten. Ich war nicht sonderlich begeistert von dieser Idee und bat meinen Freund Rudolf, diese Aufgabe mit mir gemeinsam zu übernehmen. Am Abend des Festes erwarteten wir also die Gäste, und es kamen auch die besagten Schwestern, Tintschi und Margherita, mit identischen Kleidern die Stiegen herauf. Meine erste Reaktion, als ich Margherita erblickte, war: „Die werde ich heiraten!“ Erst dann klärte mich Rudolf darüber auf, dass die Cassis-Schwestern jene beiden Damen waren, die ich am Philharmoniker Ball kaum beachtet hatte. Gita war damals 17, ich 21 Jahre alt. Lustiger Weise hatte ich meinen zukünftigen Schwiegervater schon lange gekannt, bevor ich meine Frau kennen gelernt hatte: meine Eltern waren schon lange mit der Familie Cassis-Faraone befreundet gewesen. An dieser Stelle ist es vielleicht nicht uninteressant, in aller Kürze etwas mehr über den Ursprung der Familie Cassis-Faraone zu erzählen. Auch wenn es eine sozusagen ur-österreichische Familie ist, liegen ihre Wurzeln woanders: Zu der Zeit Joseph II. kam ein Vorfahre der Cassis aus von Ägypten nach Triest, wo er sich sehr erfolgreich niederließ. Am Ende seines Lebens gehörten ihm sehr große Gebiete um Triest. Unter Joseph II. wurden die Faraones österreichische Grafen, später sogar päpstliche Marquese. Nachfahren bauten die Oper von Triest. Einer der Nachkommen jedoch erlag seiner Spielleidenschaft und verlor so das gesamte Vermögen. Der Großvater meiner Frau lebte dann bereits in Österreich, war Bezirkshauptmann in Stockerau und mit meinen Großeltern eng befreundet.

Junge Familie

Am 29. September 1951 heiratete ich Margherita in der Kirche von Ober St. Veit; sie war in Hietzing aufgewachsen. Die Hochzeit hätte ursprünglich im Frühjahr 1951 stattfinden sollen. Mein Vater hatte allerdings einen furchtbaren Autounfall und musste wochenlang im Spital liegen, deshalb verschob sich unser Termin in den September 1951. Unser Hochzeitstag war ziemlich verregnet, was der Freude keinen Abbruch tat. Getraut wurden wir von meinem Onkel Hans Oppolzer, Pfarrer in Mauerbach, von dem ich auch schon getauft worden war. Mein Trauzeuge war Rudolf Kinsky. Gita ließ mich etwas länger vor der Kirche warten, wie sich später herausstellte, weil sie selbst vor dem Bahnübergang aufgehalten worden war. Anschließend ging man zu einem Mittagessen ins Palais Pallavicini, auch das begleitet von einem wahnsinnigen Gewitter. Unsere Hochzeitsreise führte uns nach einer Woche in Österreich mit dem Schiff nach Amerika, eine Reise, die ich mit großer Seekrankheit überstehen musste. Der Amerikabesuch selbst war ein großer Erfolg. Ein Highlight war sicherlich der Besuch bei Thomas J. Watson, dem Gründer von IBM, der mit den Großeltern van Vliessingen, also der Familie der Mutter meiner Frau, sehr eng befreundet gewesen war. 1952 wurde unser Sohn Manfred Leo geboren, im gleichen Jahr gründete ich auch meine Werbegesellschaft, die Hager, über die gesondert noch ausführlich berichtet werden wird. Es folgten Marguerite, Theodor Heinrich und Gabrielle. Meine Kinder sind Gott sei Dank ohne irgendwelche gröberen Vorkommnisse, wenn auch viel zu schnell, groß geworden und, bedingt durch meine Pferde-Vernarrtheit, ist es ihnen natürlich auch nicht erspart geblieben, dass sie allesamt aufs Pferd gesetzt wurden. So habe ich vor allem mit meinen Buben viele Wochenenden bei den Pferden verbracht und kann mich noch gut daran erinnern, dass ich beide wieder einmal fragte, wer mich denn diesmal zum Reiten begleiten würde. Daraufhin hörte ich, wie der eine zum anderen sagte: „Heute ist DEIN Tag!“ Dabei wollte ich immer tunlichst vermeiden, den gleichen Fehler zu begehen wie mein Vater, der sich als leidenschaftlicher Jäger nichts mehr gewünscht hätte, als dass ich seine Leidenschaft mit ihm teilte. Ich bin nie ein großer Jäger geworden, mein Herz hat immer den Pferden gehört. Unzählige Wochenenden verbrachte ich mit meinen Pferden, die im ehemaligen Gestüt meines Großonkels Victor im Marchfeld abgestellt waren, und mein Hauptaugenmerk galt immer der Dressur. Wie bereits erzählt habe ich hauptsächlich während des Krieges an diversen Tournieren teilgenommen und auch einiges gewonnen! Meine Pferdeleidenschaft ist direkt auf meine Enkel übergegangen, unter denen es ein paar begeisterte Polospieler gibt! Gita und ich lebten von Anfang unserer Ehe an auf demselben Grundstück wie meine Eltern, wo wir das ehemalige Stallgebäude zu einem Wohnhaus umbauten. Eigentlich sind wir Mautner Markhofs der Linie Georg Heinrich ja Floridsdorfer, wo die ursprüngliche Brauerei gestanden hatte. Auch in Floridsdorf hatten meine Großeltern im gleichen Haus wie mein Vater und sein Bruder Gerhard gelebt, jeweils mi den eigenen Familien. Als diese Firmengründe zu klein wurden, fand mein Vater unser jetziges Haus in Simmering, auf den Gründen der früheren Brauerei Simmering, die der Familie Meichl gehört hatte. Während des Krieges verbrannte das ursprüngliche Haus meines Vaters, er baute es nach dem Krieg 1949 jedoch wieder auf, mittlerweile wurde es verkauft und existiert nicht mehr.

Zurück zu unseren ersten Ehejahren, in denen wir die Stallungen neben dem Haus meiner Eltern für die Familie ausbauten. Wir hatten mit meinen Eltern immer eine sehr gute Beziehung, das nebeneinander Wohnen bedeutete uns eigentlich nie Schwierigkeiten. Für mich war das natürlich ein gewohntes Terrain – nicht zuletzt hatte ich ja schon von Kind auf immer in sehr nahem Verhältnis mit meinen Großeltern in Floridsdorf, nämlich Tür an Tür, gelebt. Schon damals besuchten meine Eltern meine Großeltern jeden Nachmittag zum schwarzen Kaffee.