Brauerei – Lebenserinnerungen von Manfred II Mautner Markhof

Geschichte

Unsere Familiengeschichte lässt sich mit meinem Ururgroßvater Adolf Ignaz Mautner beginnen, der aus dem Tschechischen Smiřice (bei Königgrätz) nach Wien gekommen war. Dieser Adolf Ignaz Mautner pachtete 1840 die Brauerei St. Marx, wo er sich auch entschloss, mit seiner Familie zu wohnen. Neben seiner Arbeit in der Brauerei entwickelte er die Backhefe in Form der sogenannten Presshefe, die allerdings nicht in St. Marx, sondern in Simmering produziert wurde und sich in dieser Form sehr lange halten konnte. Sowohl die Hefeproduktion in Simmering als auch die Brauerei St. Marx liefen so erfolgreich an, dass die Produktionsstätte erweitert werden musste, und so kaufte Adolf Ignaz das zu St. Marx gehörende Kloster auf. Die kleine Kirche des Klosters wurde viel später in den 3. Bezirk „umgesiedelt“, dorthin, wo auch das Mautner Markhof´sche Kinderspital gebaut wurde. Durch großen Fleiß gelang es Adolf Ignaz, innerhalb von nur zwei Jahrzehnten, ein reicher Mann zu werden, und konnte so 1856 die bis dahin gepachtete Fabrik in St. Marx auch käuflich erwerben. Die St. Marxer Presshefe hatte längst den ganzen Wiener Markt erobert und wurde nicht nur in benachbarten Provinzen, sondern bis ins Ausland verkauft. Als ich 1948 das erste Mal bei der amerikanischen Brauerei Anheuser Busch in St. Louis war, und mich der Braumeister dort im Werk herumführte, brachte er mit meinem Namen den Erfinder der Presshefe in Verbindung! Die Bierbrauerei steigerte sich von Jahr zu Jahr, so dass St. Marx in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, nach dem Pilsener Brauhaus und Dreher, in Schwechat die drittgrößte Brauerei des alten Österreich wurde. 1872 wurde Adolf Ignaz in den Adelsstand erhoben und nannte sich nun Mautner von Markhof. Markhof wird von St. Marx abgeleitet, Marx ist eine Verballhornung von Marcus; also ist Markhof gleichbedeutend mit Marcushof. Als Wappen wählte er die Kleeblätter im linken, roten Turm und den Turm im rechten, blauen Feld. Das vierblättrige Kleeblatt repräsentiert die vier Söhne, die zwei dreiblättrigen Kleeblätter erinnern an die sechs Töchter von Adolf Ignaz. Der Turm ist identisch mit jenem der kleinen Kirche, die sich innerhalb der Brauerei befand.

Mein Urgroßvater Georg Heinrich war der dritte Sohn von Adolf Ignaz. Adolf Ignaz hatte meinen Urgroßvater noch zu Lebzeiten einmal nach seinem Berufswunsch gefragt, und Georg Heinrich hatte dabei großes Interesse an der Bierbrauerei angemeldet. So erkundigte sich Adolf Ignaz für seinen Sohn, war unter anderem auch an den steirischen Brauereien interessiert gewesen, allerdings ging damals die Mähr´, das steirische Wasser führe zu Kropfbildung. So errichtete Georg Heinrich, auf der anderen Seite der Donau, in Floridsdorf, die Brauerei St. Georg. Darüber hinaus heirateten zwei Töchter von Adolf Ignaz zwei aus Westfalen kommende Brüder, Reininghaus, die beide durch ihre Familientradition mit dem Brauereiwesen eng verbunden waren. Die Brüder Reininghaus hielten Einzug im „Mauthaus“, dem am Rande der Grazer Siedlung gelegenen ehemaligen Königshofer Brauhaus am Steinfeld. Mit Adolf Ignaz wurde die stille Vereinbarung getroffen, dass der Semmering die Grenze für die jeweilige Brauerei bedeuten würde. Diese stille Grenze hat sich fast bis zum heutigen Tag erhalten! Ich erinnere mich genau, wenn mein Vater Sitzungen mit Peter Reininghaus vereinbart hatte, trafen sie sich am sogenannten „99. Breitengrad“, am Semmering!

Nach dem Tod von Adolf Ignaz wurde St. Marx vom älteren Bruder meines Urgroßvaters, Carl Ferdinand übernommen. Carl Ferdinands Nachfolger wurde Victor, sein einziger Sohn unter zehn Kindern! Victor war übrigens auch der Taufpate meines Vaters gewesen. Dieser Victor war ein wahrer Lebemann, er wohnte in einem prachtvollen Palais in der Riemergasse, wo er eine stattliche Waffensammlung sowie beeindruckende Bildergalerie hatte. Daneben besaß er an die zweihundert Rennpferde, die im gleichen Marchfelder Gestüt standen, wo auch heute noch meine Pferde untergebracht sind. In unserer Linie, also in der Linie meines Urgroßvaters Georg Heinrich, wurden die Brauerei in Floridsdorf, sowie die Hefefabrik in Simmering weitergeführt. In der Simmeringer Fabrik gründete mein Großvater Theodor mit seinem jüngeren Bruder Georg die TH & G Mautner Markhof, die vor allem Essig und Senf produzierte.

Die Schwechater Brauerei kam 1935 in den Besitz der Familie Mautner Markhof, hat aber selbst eine viel längere Geschichte. Gegründet wurde das Schwechater Brauhaus 1632 von Peter Drescrolier, dem „Camerdiener und Camerzahlmeister“ des Erzherzog Matthias. Die Klein-Schwechater Brauerei am Frauenfelde zu Schwechat, wurde mehrfach zerstört und wechselte öfter den Besitzer. 1796 jedoch wurde das Brauchaus von Franz Anton Dreher sen., Braumeister der K.K. Haupt- und Residenzstadt Wien, gekauft. Dessen Sohn Anton Dreher läutete eine neue Ära in der Brauereigeschichte ein, indem er seine Brauerei auf Untergärung umstellte und damit die Geschichte des Lagerbiers einleitete. Der Durchbruch gelang Dreher 1841, als er erkannte, dass für sein untergäriges Bier, eben das „Lager“ oder „Wiener Typ“, vor allem eines entscheidend war: die Kühlung. Dreher legte also riesige Keller an und lagerte Eis ein. Die erste Kühlmaschine wurde 1877 aufgestellt. Um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert waren die Dreher´schen Brauhäuser zum größten Brauereiunternehmen der Welt geworden, das von einem Eigentümer, Anton Dreher jun., geführt wurde.

Die Brauerei St. Marx wurde im Laufe der Zeit eine spürbare Konkurrenz für die Schwechater Brauerei. 1913 kam es als logische Schlussfolgerung zur Fusion der Brauerei Schwechat mit der Brauerei St. Marx sowie auch mit der Brauerei Simmering zur „Vereinigten Brauereien Schwechat, St. Marx, Simmering – Dreher, Mautner, Meichl Aktiengesellschaft“. Mit dem Unfalltod des Sohnes von Anton Dreher jun., Anton Eugen Dreher, 1925 starb der letzte Nachkomme der Dreher-Dynastie, und auch Victor Mautner Markhof hatte keine Nachkommen. Durch das Einbringen der Brauerei St. Georg kauften wir 1935 gemeinsam mit der Familie Schoeller die Vereinigten Brauereien AG, und waren so plötzlich Mehrheitseigentümer. In der Kriegszeit war es für die Brauerei nicht möglich, größere Investitionen vorzunehmen. Aus diesem Grund wollte mein Vater anders investieren und kaufte schon während des Krieges Bilder unzähliger bekannter und damals auch noch unbekannter Künstler. Unter anderem hatte mein Vater auch ein Bild von Lucas Cranach erstanden. Um sicherzustellen, dass es nicht der Plünderei zum Opfer fiel, hängte er es in Jägerhaus am Grimming über das Ehebett! Als die Amerikaner kamen, erkannte ein Soldat das Bild, meinte aber, sich täuschen zu müssen und sie zogen wieder ab. Wäre das Bild gut verpackt und verstaut gewesen, wäre es sicherlich abhandengekommen. Ein Tizian fand sich auch unter den neu gekauften Bildern, allerdings wurde dieses Bild nach Genehmigung vom Denkmalamt für eintausend Lastwagenreifen in die Schweiz „verkauft“. Das erste, was nach Kriegsende in Simmering produziert wurde, war Brunnenwasser für den Bezirk. Langsam aber sicher konnte dann auch wieder mit der Hefeerzeugung begonnen werden, und die Produktion der verschiedenen Erzeugnisse ging dann in weiterer Folge sehr schnell voran.

Neue Zeiten

Meine eigene Karriere in der Schwechater Brauerei begann am 12. Oktober 1949, ein Jahr, nachdem ich von meinem Auslandsjahr in den USA zurückgekehrt war. Begonnen hatte ich in der Verkaufsabteilung, 1972 wurde ich Vorstandsvorsitzender, 1978 kam der Zusammenschluss mit der Brau AG. Ein wichtiger Meilenstein in diesen Jahrzehnten war die Gründung der EWG 1961 und damit entstanden europäische Industrieverbände. Unser portugiesischer Brauereikollege forderte damals, wir sollten auch innerhalb der EFTA eine ähnliche Verbandsorganisation aufbauen. Zu diesem Anlass gab es eine Sitzung in Lissabon, zu der mein Vater als Präsident des hiesigen Brauereiverbandes auch eingeladen gewesen war, er schickte allerdings mich als seine Vertretung. Das Ergebnis dieser Verhandlungen war die Gründung eines provisorischen EFTA Brauereiverbandes, mein Vater wurde zum Präsidenten und ich zu seinem Stellvertreter gewählt. Bei unserer ersten Gründungssitzung in Paris, ein halbes Jahr später, übernahm ich das Amt des Präsidenten und hatte es für die kommenden vier Jahre inne. Mir war damals schon sehr wichtig, dass wir so eng als möglich mit dem EWG-Verband zusammenarbeiteten, denn schon bald kristallisierte es sich als realistisch heraus, dass die E(W)G/EU auch unsere Zukunft werden würde. So lag es auch klar auf der Hand, dass wir uns früher oder später mit anderen Brauereien zusammenschließen würden. Ich war ursprünglich sehr interessiert daran gewesen, mit den steirischen Brauereien zusammen zu gehen, diese Pläne wurden jedoch jäh zerstört, als mein Onkel Peter Reininghaus 1973 plötzlich verstarb. Die Verhandlungen mit seinem Sohn Peter waren nicht mehr möglich zu Ende zu bringen. In der Steiermark fusionierte also die Gösser Brauerei mit Reininghaus, die Brauerei Schwechat AG ging 1978 eine Fusion mit der Brau AG ein. Zwanzig Jahre später fusionierten die Österreichische Brau AG und die Steirerbrau AG zur „Brau Union Österreich AG“. Die Brau AG war 1978 an einer Fusion mit uns sehr interessiert, schließlich war sie der „Gefahr“ ausgesetzt gewesen, vom deutschen Konzern Oetker aufgekauft zu werden. – In den siebziger Jahren war man allgemein noch sehr zufrieden mit der Vorstellung, österreichisch zu bleiben! In diese Zeit fällt auch eine Entwicklung, die ich in größeren Perspektiven gesehen hatte, auch wenn sie schlussendlich leider nie umgesetzt werden konnte: und zwar habe ich mit unseren Technikern ein Verfahren entwickelt, mit dem man Bier als Konzentrat herstellen konnte. Wir waren in dieser Entwicklung schon recht weit, Geschmackstoffe hätte man noch hinzufügen können, aber grundsätzlich war das Produkt fertig und kein Unterschied zu herkömmlichem Bier bemerkbar. Unser „Versuchsmarkt“ wäre die Sowjetunion gewesen, und so mussten wir den dortigen Markt in Hinsicht auf Interesse an unserem Bierkonzentrat erkunden. Erste Gespräche in dieser Hinsicht konnten wir über den damaligen Ministerpräsidenten Alexei Kossygin und dessen Schwiegersohn Michailowitsch Gwischiani, damals in einer leitenden Position am österreichischen IIASA (International Institute for Applied Systems Analysis), knüpfen. Dieses Land hätte vor allem wegen seiner durch die Größe bedingten riesigen Wetterunterschiede für unser Produkt von großem Interesse sein können. Man hätte es in der Ukraine, dem Getreideland schlechthin, herstellen und von dort aus in alle anderen Städte verschicken können, wo es dann lokal hätte abgefüllt werden können. Ich war damals sogar mit dem damaligen Chairman von Coca-Cola, Paul Austin, in Moskau, um das Produkt gemeinsam anzubieten (Coca-Cola hätte als Abfüller fungiert). Anlässlich einer großen Industriedelegation, angeführt von Bruno Kreisky, waren wir in Moskau dem damaligen Außenhandelsminister Nikolai Patolitschew vorgestellt worden, der ursprünglich schon ein gewisses Interesse an unserem Konzentrat zeigte. Als er mich jedoch fragte, wo in Österreich wir dieses Konzentrat vertreiben, und ich ihm antworten musste, dass das Produkt noch nicht auf dem Markt wäre, verweigerte er jegliches weitere Gespräch zu diesem Thema mit dem Ausspruch, er wolle nicht, dass die Sowjetunion als Versuchskaninchen benutzt würde. Interessanter Weise bekamen wir auch von den eigenen Technikern den größten Widersand zu spüren. Es stellte sich heraus, dass es bei diesem Thema vor allem um eine Einstellung ging. Bier konnte nur Bier sein in der Art, in der es schon seit Jahrtausenden produziert wurde. Unter der Brau AG wurde dieses Verfahren daher nicht mehr weiterverfolgt. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass ein solches Bierkonzentrat eine gute Idee wäre, denn das Brauverfahren an sich ist, im Vergleich zu seinem sehr billigen Endprodukt, ein sehr teureres Verfahren. Durch ein Konzentrat könnten die Produktionskosten stark gesenkt werden! Hier scheitert es vor allem an – begründeten oder unbegründeten – emotionalen Hindernissen.

Die Entwicklungen in Richtung eines gemeinsamen Europa schritten eilig voran, und so waren auch für uns die nächsten Schritte wohl nur reine Frage der Zeit. Ich erinnere mich gut an einen Ausspruch von Freddy Heineken in den 60iger Jahren, mit dem ich Zeit seines Lebens sehr gut befreundet gewesen war: “You´ll see, the brewing industry is going to concentate just like the automobile industry. We are going to be one of them!“ Dass wir 2003 mit Heineken fusionierten, war eine logische Schlussfolgerung, gerade in Hinblick auf die bereits erwähnten hohen Produktionskosten, die einem an sich sehr billigen Endprodukt gegenüberstehen. Daher kann letzten Endes nur die Größe den Erfolg bringen. Ich denke, wir haben uns hier ganz im Sinne des europäischen Gedankens mitentwickelt.